Herrschaft oder Akzeptanz? Sprache als „selbstredendes Dasein“ der Gesellschaft

von Peter Porsch

Gekonnt dialektisch analysiert macht uns Karl Marx auf eine wesentliche Leistung von Sprache aufmerksam: „Die Sprache selbst ist ebenso das Product eines Gemeinwesens, wie sie in andrer Hinsicht selbst das Dasein des Gemeinwesens, und das selbstredende Dasein desselben“ (MEW, Bd. 42, Berlin 1983, S. 398). Sprache zeigt demnach nicht nur eine einfache Reaktion oder ein trivialen Reflex auf Vorgänge in der Gesellschaft, sondern es findet sich die ganze Dialektik des Gesellschaftlichen auch in Sprache wieder. Am deutlichsten wird das sichtbar im flexibelsten Teilsystem der Sprache, dem Wortschatz.

Wörter verschwinden und es entstehen neue Wörter, neue Kampfbegriffe wie „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“, wie das abfällige „Gutmensch“ und das herrische „Mehrheitsgesellschaft“. Die Rede von „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Armutsflüchtlingen“ delegitimiert die Flucht vor Elend und Perspektivlosigkeit, welche nicht zuletzt der Ausbeutung durch die reichen Kernländer des Kapitals geschuldet sind. An diesen Wörtern hängen Konzepte des Umgangs mit Eigenem und mit Fremdem. Sie erzählen von gesellschaftlicher Praxis. Noch zu Beginn dieses Jahrtausends – und das ist ja nicht so lange her – waren diese Wörter in keinem Deutschen Wörterbuch verzeichnet. Erst seit etwa zehn Jahren tauchen sie dort peu á peu auf. Zugleich werden alte Wörter, böse alte Wörter und Wendungen wieder lebendig: „Volksverräter“ oder „Volksverhetzer“ zum Beispiel; der „Eiserne Besen“, mit dem Hitler und seine Kumpane die Demokraten, Fremden und Juden aus Deutschland fegen wollten, wird bei Frau Festerling von Pegida zu „Mistgabeln“. Es wird von solchen Leuten nicht nur zum „Rausprügeln“ aufgefordert, sondern man prügelt schon, und man hat „Feinde“, die man mit Ungeziefer vergleicht. Das Wort „Zecken“ hat Konjunktur. „Rechtsstaat“, „Verfassungsstaat“ geraten in Vergessenheit. Dubioses „Gastrecht“ setzt „Grundgesetz“ und „Völkerrecht“ außer Kraft. Solches entspringt der Vorstellung von einer „Volksgemeinschaft“. Die AfD verwendet dieses Wort bereits wieder. Recht wird dann zu dem, „was dem deutschen Volke nützt“. Dies war das grundlegende nationalsozialistische Rechtsprinzip. Es pfiff auf „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“. Der Weg dahin zurück ist eröffnet. Es ist kein Weg zurück in ein verlorenes „Abendland“. Es ist der Weg zurück in die faschistische Nacht.

Das „selbstredende Dasein des Gemeinwesens“ ist evident. Deshalb lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen. In einem System stehen die Elemente in Beziehung zueinander. Das System hat Struktur. Die Struktur hat eine Funktion. In ihrem Zusammenhang erzählen uns die Wörter in der Gesellschaft lebendige Geschichten.

Das Wort „Parallelgesellschaft“ z. B. ist in der 4. Auflage DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch (DUWB), Mannheim 2001 noch gar nicht verzeichnet. In der 7. Auflage (2011) finden wir es, in seiner Bedeutung folgendermaßen definiert: „von einer Minderheit gebildete, in einem Land neben der Gesellschaft der Mehrheit existierende Gesellschaft“. So finden wir es auch in der 8. Auflage, 2015. In der Schulausgabe des Österreichischen Wörterbuches (ÖWB, 42. Auflage, Wien 2012) finden wir für „Parallelgesellschaft“, „organisierte eigene gesellschaftliche Struktur (einer Minderheit), Subkultur“. In allen früheren Ausgaben dieses Wörterbuches war es noch nicht verzeichnet. Man kann kaum leugnen, dass das Wort mit diesen Bedeutungsdefinitionen z. B. auch auf Sorben anwendbar wäre. Dennoch wurde das Jahrhunderte lang nicht gemacht. Das Wort wurde wegen der Sorben so wenig „erfunden“ wie wegen anderer ethnisch-kultureller Minderheiten, seien sie autochthon oder nicht. Warum dann jetzt?

Bei WIKIPEDIA finden wir: „Parallelgesellschaft ist ein politischer Begriff, der eine nicht den wahrgenommenen Regeln und Moralvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechende, von dieser mitunter als ablehnend empfundene gesellschaftliche Selbstorganisation einer Minderheit beschreibt. Der Begriff überschneidet sich in seinem Bedeutungsinhalt mit Gegenkultur und Subkultur.“

WIKIPEDIA und das ÖWB geben uns den Hinweis auf die Überschneidung mit „Subkultur“. Das DUWB bestimmt die Bedeutung des Wortes „Subkultur“ mit: „innerhalb einer Gesellschaft bestehende, von einer bestimmten gesellschaftlichen, ethnischen o.ä. Gruppe getragene Kultur mit eigenen Normen und Werten“. Das ÖWB sagt dazu: „abweichende Kultur- und Lebensformen bestimmter Gruppen der Gesellschaft“.

„Innerhalb einer Gesellschaft“, „bestimmte Gruppen der Gesellschaft“, darin liegt offensichtlich des Rätsels Lösung. Eigentlich liegt sie schon in der Bedeutungsopposition des Präfixes „sub-“ und des Wortteiles „parallel“. „Sub-“ „bedeutet in Bildungen mit Substantiven, Adjektiven und Verben unter, sich unterhalb befindend, niedriger als … (in räumlicher und hierarchischer Hinsicht)“. „Parallel“ heißt „… an allen Stellen in gleichem Abstand nebeneinander [befindlich]“ (alles nach DUWB). Demnach haben „Parallelgesellschaften“ keine Berührung miteinander, „Subkulturen“ sind jedoch einer übergeordneten Gesellschaft nicht nur zu-, sondern auch untergeordnet.

Wenn „Subkulturen“ einer „Leitkultur“ untergeordnet sind, haben sie sich einer Macht gebeugt bzw. hat sie eine Macht gebeugt. Sie unterliegen (zumindest partiell) fremder Herrschaft. Diese „Unterwerfung“ trifft für „Parallelgesellschaften“ per definitionem nicht zu. Das ist für Macht gefährlich. Zumindest nimmt sie das an. Ist es aber wirklich und speziell für die Kultur der Mächtigen gefährlich? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es kann doch niemand sagen, dass sich gerade parallel zueinander stehende Konstanten, parallel verlaufende Lebensweisen gegenseitig gefährden. Sie könnten sich akzeptieren und ansonsten in Ruhe lassen. Die Gefährdung tritt erst ein, wenn „Macht“ bzw. Anspruch auf „Herrschaft“ einer Seite in Richtung der anderen ins Spiel kommen. Dann will die eine Kultur die andere „integrieren“, im Sinne einer Unterordnung. Sie will ihre Regeln zu den übergeordneten machen oder die anderen zerstören. Akzeptanz des „Anderen“ wird abgebaut, kommt gar nicht zum Zuge. Das „Andere“ wird zum gefährlichen „Fremden“. Jetzt wird „Parallelkultur“ zur „Gegenkultur“. Das ist laut DUWB die „Kultur einer Gruppe in einer Gesellschaft, die deren Kultur in bestimmten Teilen ablehnt u. dafür eigene Normen u. Werte setzt“. Feindschaft kommt ins Spiel und damit Macht und Stärke. Solche „Feinde“ gab es auch früher – z.B. die „Juden“, die „Zigeuner“. Das Wort „Parallelkultur“ kommt uns harmlos daher und ersetzt doch nur als Kampfbegriffe unbrauchbar gewordene Wörter, und versucht, den neuen Kampfbegriff selbst noch zu verharmlosen. Liegen dem – wie oft behauptet – „Angst“ oder „Besorgnis“ zugrunde, so verwandeln sich „Angst“ und „Besorgnis“ in Repression. Die Mehrheitsgesellschaft hat dazu ausreichend Möglichkeiten und nutzt sie auch, weil die definitorische Parallelität keine faktische ist. Warum eigentlich „Angst“ und „Besorgnis“? Diese könnten sich doch auch in Neugierde, Verstehen und Akzeptieren verwandeln. Genau das wäre der Anfang, den Prozess einer „Evolution der Integration“ zu initiieren, einer Evolution, die beide „Parallelen“ betrifft. Soweit unsere Kultur eine Subkultur der Kultur der Menschenrechte, Toleranz, Gleichstellung, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie ist, brauchen wir sie nicht ängstlich zu schützen. Sie wird ihre Attraktivität unter Beweis stellen, wenn wir sie niemandem verwehren. Sie braucht sich auch nicht zu verstecken, wenn sie verletzt wird. „Herrschaft“ hat jedoch ein anderes Ziel. Andreas Scheuer, Generalsekretär der CSU, meint: „Die Neuankömmlinge aus anderen Kulturkreisen müssen akzeptieren, dass die deutsche Leitkultur tonangebend und für ihr weiteres Leben in Deutschland der Maßstab ist“. Integration könne nicht bedeuten, „… dass sich die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht … Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: unsere Werte akzeptieren“ (Passauer Neue Presse, 10.10.2015). Hier schlägt Neuankommenden nur kalte Macht entgegen, nicht ein Quäntchen Akzeptanz, nur Ausgrenzung, keine Neugier. Es ist zugleich das, was in einschlägiger Literatur „Rassismus ohne Rassen“ genannt wird. Herrschaft geht vor Akzeptanz. Die Sprache bringt es zutage: Sie tritt uns tatsächlich als ein „Produkt“ und zugleich „selbstredendes Dasein“ der Gesellschaft entgegen.