Erinnern statt vergessen!

von René Lindenau

Im Februar 1937 lebten 499 Menschen jüdischen Glaubens in Cottbus. Nach der erneuten Gründung einer Jüdischen Gemeinde (1998) sind es nunmehr etwa 420. Die nationalsozialistischen Machthaber verursachten eine Auswanderungswelle, wobei die jüdischen Bürgerinnen und Bürger zur Zahlung einer „Reichsfluchtsteuer“ verpflichtet waren. So emigrierten allein am 1. Oktober 1936 34 Juden aus Cottbus. Am 28. Oktober 1938 wurden aus Cottbus mindestens 38 Juden polnischer Herkunft abgeschoben. Im Juni 1939 lebten noch 162 Jüdinnen und Juden in der Lausitz-Stadt. Diese Angaben stammen aus der Festschrift zur Eröffnung der Cottbuser Synagoge in der Spremberger Straße, die vor einem Jahr am Holocaust-Gedenktag – also am 27. Januar 2015 – stattfand.

Ein Jahr nach der feierlichen Umwidmung der einstigen evangelischen Schlosskirche zum jüdischen Gotteshaus besuchte ich nun dort ein Konzert. Es war meine erste intensive Begegnung mit dem jüdischen Glauben, seinem Brauchtum, sowie mit der jüdischen Kultur. Und dann gleich an so einem Tag! Es war ein tiefgreifendes, bewegendes, an manchen Stellen auch ein bis heute beschämt machendes Ereignis: So unvorstellbar und unentschuldbar war die Entrechtung, war die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung mittels 315 Gesetzen allein 1933 und der letztlich an ihnen begangene millionenfache Massenmord u. a. im Vernichtungslager Auschwitz, das am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Bis die Rote Armee Kiew einnahm, wurden in der Schlucht von Babi Jar mehr als 100.000 Jüdinnen und Juden ermordet. Im September 1941 begannen „Sicherheitsdienst“ (SD) und Wehrmacht das Morden. Wohl auch deshalb war die Rezitation des Gedichtes „Babi Jar“ von Jewgeni Jewtuschenko durch eine ältere Dame emotional besonders ergreifend. Mehr als einmal versagte ihr die Stimme, Tränen erstickten sie, woanders flossen sie. Aber der Beifall und der Zuspruch des Publikums halfen ihr.

So sehr an diesem Abend auch das Gedenken an die Holocaustopfer im Mittelpunkt stand, um so
bewundernswerter waren für mich die Lebensfreude und die Entschlossenheit, auch mit viel Freude zu leben, die während der gesungenen und getanzten Darbietungen immer wieder aufblitzten. Es hätte niemanden verwundert, wenn sie unter der Schwere der Vergangenheit aus Unrecht, Verfolgung und dem Tod in faschistischen Gaskammern erdrückt worden wären.

Vielmehr konnten die Besucher ein Programm von tiefer Traurigkeit, aber auch von ansteckender Fröhlichkeit sehen. Ich fand das alles sehr beeindruckend. Woher nehmen Vertreter dieses Volkes jene Kraft? Nun – sie leben, sie tun es wieder mitten unter uns. Und das ist gut so. Sie tun das, ohne dabei ihre gemordeten Brüder und Schwestern der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Dafür zu sorgen, dass dies nie geschieht, ist allerdings nicht nur Aufgabe der jüdischen Gemeinden. Dafür hat die gesamte Gesellschaft die Verantwortung. An jedem Tag – nicht nur am alljährlichen Holocaust-Gedenktag!