Der Extremist ist raus!

Peer Pasternack analysiert Abwicklung vor 25 Jahren bei Jour fixe
von Wulf Skaun

Bewegende Themen oder namhafte Referenten bescherten Jour fixe, dem von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus vor Jahresfrist gegründeten „unkonventionellen Gesprächskreis“ an der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, stets die höchsten Teilnehmerzahlen. Für das zehnte Diskussionsforum am 17. Dezember 2015 traf beides zu: Zur Debatte stand der komplexe Transformationsprozess inklusive „Abwicklung“ vor 25 Jahren an ostdeutschen Hochschulen. Die Vorlage lieferte mit Peer Pasternack kein Geringerer als der legendäre Sprecher des Studentenrats an der Karl-Marx-Universität Leipzig (KMU) und heutige Direktor des Instituts für Hochschulforschung (HoF) Halle. So reichten die Stühle für die Besucher, darunter Emeriti und Absolventen der KMU, nicht aus.

Manfred Neuhaus erinnerte einleitend an die inzwischen historischen Ereignisse vom Dezember 1990, da streikende Studenten die Rektoratsetage am Augustusplatz besetzt und von der Universitätsleitung gefordert hatten, gegen den Abwicklungsbeschluss der Landesregierung zu klagen, für eine wissenschaftliche Selbstüberprüfung in allen Bereichen und eine demokratische Umgestaltung der Universität einzutreten. Pasternacks Rolle in jenen Tagen illustrierte der Historiker vermöge einer Anekdote: Am 13. Dezember 1990 hatten rund 2000 Studenten und Mitarbeiter sächsischer Hochschulen vor dem Sächsischen Landtag in Dresden gegen die Abwicklungspläne protestiert. Dem Studentensprecher war es endlich gelungen, die Forderungen der angereisten Abgesandten aus Leipzig und Meißen am Rednerpult des Parlaments vorzutragen. Als er geendet hatte, rief Matthias Rößler jene seiner Parteifreunde in den Saal zurück, die Pasternack boykottiert hatten: „Die CDU kann wieder reinkommen, der Extremist ist raus!“

25 Jahre später interpretiert der einstige „Barrikadenkämpfer“ gegen das Kahlschlagkonzept ? in der Geschichte des geistig-kulturellen Lebens nicht nur in Sachsen ohne Beispiel ? den radikalen Angleichungsprozess an das westdeutsche Wissenschaftssystem. Als Hochschulforscher, der auf zahlreiche empirische Untersuchungen und Publikationen zum Thema verweisen kann, nimmt er einen anderen Blickwinkel als den des früheren Akteurs ein. „Heute spreche ich aus der Perspektive eines Analytikers, der sich um eine objektivierte Darstellung zu bemühen hat.“ Folglich manifestiert sich sein Vortrag als sachlich-faktische Dokumentation und Bewertung der Ereignisse ohne größere emotionale Schwingungen. Allgemeine Entwicklungen in der ostdeutschen Hochschullandschaft macht er an Spezifika der Alma Mater Lipsiensis und der Berliner Humboldt-Uni fest. Erkenntnisgewinn erwächst auch für mit der Materie vertraute Hörer immer dort, wo sich ihnen bekannte Tatsachen im Ergebnis systematischer und ganzheitlicher Beleuchtung durch die einschlägige Hochschulforschung neu bewerten lassen. Pasternack erklärt, dass der ostdeutsche Wissenschaftsumbau zur Anpassung an das normsetzende westdeutsche Muster unter vielen Schwächen litt. So kennzeichnet er die Abwicklungen 1990/91 als einen entindividualisierten Vorgang. Bloße Mitgliedschaft in einem aus westdeutscher Sicht politisch problematischen oder sachlich überflüssigen Institut bedeutete als Kollektivmerkmal das berufliche Aus für den Einzelnen. Personalkommissionen entschieden über die Zumutbarkeit weiteren universitären Wirkens. Die Beurteilung ihrer biografischen Vergangenheit bildete den Maßstab über die Eignung auch der verdienstvollsten ostdeutschen Wissenschaftler für den Öffentlichen Dienst der Bundesrepublik Deutschland. Der Hochschulforscher beklagt, dass der Personalum- und -abbau viele ostdeutsche Professoren zugunsten westdeutscher Kollegen ihrer Lehrstühle und noch mehr Vertreter des wissenschaftlichen Mittelbaus ihrer akademischen Zukunft beraubte. Das habe für die Naturwissenschaften aber weniger gegolten. Als Plus des Transformationprozesses bewertet er freien Studienzugang, neugegründete Hochschulen und wiederbelebte Fächer.

In der Diskussion billigen, ergänzen, korrigieren, widersprechen ein Dutzend Redner Pasternacks Ausführungen. Jetzt kochen auch Emotionen der von der „Abwicklung“ Betroffenen hoch. Der letzte DDR-Rektor der KMU, Horst Henning (Chemiker), wendet angesichts tragischer Schicksale ausgewiesener und dennoch abgewickelter Wissenschaftler ein, man müsse „auch schärfer formulieren“. In Arno Hechts Büchern würde das Thema bislang am gültigsten reflektiert. Vielleicht werde der willkürliche Transformationsprozess in hundert Jahren wahrheitsgemäß bewertet. Die Annahme, die Abwicklung habe Naturwissenschaftler weniger getroffen, sei ein Fehlschluss. Wie der Altrektor an Beispielen veranschaulicht, sei es in der Medizin besonders rigide zugegangen, „weil dort die größten Pfründe zu holen waren“. Scharf kritisiert Horst Henning das aktuelle Desaster um das Rektoramt. „600 Jahre hat die Uni ihre Rektoren aus dem Kreis ihrer Professoren gewählt. Heute erleben wir einen Eingriff in die Hochschulautonomie“. Cornelius Weiss, erster Nachwende-Rektor der Uni Leipzig, leitet sein Statement mit diesen an Pasternack gerichteten Worten ein: „Ich kann mir mehr Emotionalität erlauben als Sie“. Den Personalkommissionen wirft der Chemiker vor, oft den Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit verletzt zu haben. Als Rektor habe er Einsicht in „schwarze Listen“ der Landesregierung gehabt. Sie hätten namentliche Vorgaben für Einzelfallprüfungen ostdeutscher Wissenschaftler, aber auch für vernichtende Pauschalbeurteilungen enthalten. „Ich habe sie an Fachminister Meyer zurückgeschickt“. Monika Runge, langjährige Landtagsabgeordnete, ergänzt, die „schwarzen Listen“ mit annähernd 1000 Namen kursierten sogar international, „auch in den USA“. So hätten zum Beispiel sächsische Mediziner im Ruhestand keine Chance gehabt, weiter zu lehren und zu forschen. Mit Selbstvorwürfen plagt sich der Historiker Klaus-Peter Matschke. „Die Abwicklungen machen mir noch heute zu schaffen. Ich bedauere, dass wir vor allem für unsere jungen Kollegen des Mittelbaus nicht mehr getan haben“. Roland Wötzel berichtet, dass seine Rechtsanwalts-Kanzlei Prozesse, in denen wissenschaftliche Begründungen für die Kündigung von Wissenschaftlern fehlten, erstinstanzlich meist gewonnen habe. „Die sächsische Staatsregierung legte dann Berufung ein, und das Oberlandesgericht kassierte etwa die Hälfte der rechtsstaatlich gefällten Urteile“.

Peer Pasternack dankt am Ende den in diesem Bericht genannten und ungenannten Debattanten. „Ergänzungen und Details sprechen für sich, auch in der Kontrastierung.“