Wenn Menschen überflüssig werden

von Ralf Richter

Wir erleben eine Zeit der Re-Politisierung. Auf den Straßen, in den Köpfen. So ist „Der überflüssige Mensch“ von Ilija Trojanow auch kein literarischer Text, sondern eine politische Stellungnahme. Kurz und bündig auf 85 Seiten – um das zu lesen braucht es keine gebundene Ausgabe, ein Taschenbuch genügt vollkommen. Es erschien bei dtv im letzten Jahr.

Der eine oder andere mag sich noch erinnern an einen politischen Witz vor dem zweiten Golfkrieg. Die Kriegslüsternen, George W. Bush und Tony Blair, trafen sich im Weißen Haus und luden einen EU-Vertreter ein. Der Krieg war längst beschlossene Sache zwischen den beiden. Es war nur noch nicht klar, wie die Europäer auf die Entscheidung reagieren würden. Deshalb wollte man einen Testballon starten. Bush kam gleich zur Sache: „Wir werden Saddam Hussein, diesen Mistkerl mit seinen Massenvernichtungswaffen. eliminieren. Leider werden dabei eine Million Iraker mit ins Gras beißen und ein Zahnarzt!“ Der EU-Vertreter schaute pikiert: „Ein Zahnarzt, mein Gott warum denn bloß ein Zahnarzt?“ Daraufhin blinzelte Blair Bush an und flüsterte ihm ins Ohr: „Habe ich es Dir nicht gesagt? Die Million toter Iraker interessiert keinen Menschen …“

Genau darum geht es in dem Buch, die Masse der „überflüssigen Menschen“. Wer überflüssig ist, definiert keineswegs der Demos, das Volk – es sind die „Entscheidungsträger“ und „Wirtschaftsführer“, und sie entscheiden sich zunehmend in ihren Betrieben für die Technik. Zwar wird jetzt noch über fair produzierte Kleidung diskutiert. Aber wer sagt denn, dass die Mode von Morgen nicht aus vollautomatischen Fabriken kommt? Was wird dann aus den Frauen? Als die aktuelle Ausstellung „Fast Fashion“ (Schnelle Mode) im Dresdner Hygienemuseum Thema des Gespräches zwischen MDR Figaro und der Kuratorin wurde, ließ die sich vom Moderator in die Enge treiben: „Aber ist es nicht so, dass die Frauen durch diese schlechtbezahlten Jobs das Einkommen für ihre Familien verdienen?“ Die Kuratorin knickte ein und sprach davon, dass es ja das Dilemma sei, egal wie schlimm die Arbeitsbedingungen, wie schlecht die Bezahlung sei – es sei doch immerhin noch wirklich besser als keine Arbeit.

Dahin sollte es kommen und dahin ist es gekommen: Arbeit ist nichts mehr wert. Es gibt kaum noch einen Arbeiter, der Forderungen stellen kann – wer den Mund aufmacht, wird durch billige und willige Ersatzarbeitskräfte substituiert. Das geschieht auf allen möglichen Tätigkeitsfeldern – von den Handwerksberufen bis zum Journalismus. Durch Automatisierung und Computerisierung verschwinden immer mehr Arbeitsplätze – Kassiererinnen, Lagerarbeiter bei Amazon, Straßenbahnfahrer, Sportjournalisten: Überall dringt die Roboterisierung ein, selbst in die Krankenpflege und insbesondere ins Militär, wo längst der nimmermüde Soldat, die Kampfmaschine ohne PTBS-Gefahr, die Kriege führen soll. Die (noch) vom Menschen gelenkte Drohne ist nur ein erster Schritt in diese Richtung. Wozu braucht man noch Menschen, fragt sich die Oberschicht? Denn sie fallen doppelt aus: Als Arbeitskräfte werden sie immer weniger benötigt und konsumieren können sie ohne Erwerbseinkommen auch nicht. Sie sind überflüssig. Der bulgarischstämmige Autor formuliert es so: „Die meisten Menschen leben im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit. Sie kämpfen darum, nützlich zu bleiben, wesentlich zu werden – nicht abzustürzen in die spätkapitalistischen Müllhalden, aus denen es keine Rettung gibt. Es geht um alles“.

Leider schwankt der Autor zwischen Resignation und vorsichtiger Rebellion im Schlussteil. Als die DDR die CAD- und CAM-Erfolge in ihren Wirtschaftsnachrichten feierte, gab es noch ein anderes Zukunftsszenario, in dem man auch von vollautomatischen Fabriken ausging: Die Massen würden sich künftig eher anderen kreativen und weniger gesundheitsschädlichen oder körperlich schweren Arbeiten widmen können, meinte man damals. Gleichzeitig sinke für die noch in den Fabriken mit Kontrolltätigkeiten und mit Instandhaltungsarbeiten Beschäftigten die Arbeitszeit auf vier oder maximal fünf Stunden. In der Endphase des Kapitalismus erwägt die herrschende Klasse tatsächlich, die Zahl der „Überflüssigen“ zu reduzieren, denn nur man selbst und seinesgleichen ist wichtig. So mögen gewiss nicht alle Superreichen denken, ein großer Teil aber gewiss. So lange sich aber die 99 Prozent der Bevölkerung ihr Leben von einem Prozent diktieren lassen, werden Jahr für Jahr global weitere Millionen in den Ruin getrieben. Organisation und Visionen für die Zukunft aber sollten die Massen einen und ihnen Orientierung geben. Seit 1989 haben Gewerkschaften und Linke auf diesem Feld versagt. Armut mit Hilfe der Tafeln zu lindern ist kein Konzept, es ist die Kapitulation vor dem Feind. Solange Grüne und Linke Landtags- und Bundestagsvertreter stolz gemeinsam Appleprodukte kaufen, um dann Facebook und Whatsapp zu nutzen, und ihre Anhänger aufrufen, es ihnen gleich zu tun, wird sich daran nichts ändern. Eines sollte man nie vergessen: Im Dreißigjährigen Krieg wurde in Europa die Hälfte bis zwei Drittel der Bevölkerung vernichtet (wesentlich mehr als im Ersten oder Zweiten Weltkrieg!) – durch simplen Bürgerkrieg … Syrien, Irak, Afghanistan und Libyen lassen grüßen! Das Buch über „die Würde des Menschen im Spätkapitalismus“ kostet 7,90 Euro.