Im Teehaus bei Hassan – warum arabische Migranten auch ohne ehrenamtliche Helfer in Sachsen prima zurecht kommen würden

von Pieter Potgieter

Es ist ein großes Jammern und Stöhnen Anfang 2016, glaubt man der Sächsischen Zeitung: 10.000 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer gibt es allein in Dresden. Viele stehen kurz vor dem Burnout und sind frustriert – nicht wenige wegen der „Undankbarkeit“ ihrer Schützlinge. Wäre ich ich ein junger Migrant aus Syrien, Libyen oder dem Irak und hätte noch fünf Euro in der Tasche, ich wüsste genau, wohin mich mein erster Weg in Chemnitz, Dresden oder Leipzig führen würde: Ganz sicher nicht zu irgendeiner Flüchtlingshelfer-Initiative, sondern in einen guten großen Döner-Imbiss oder noch besser ein Tee-Haus.

Bei mir gibt es um die Ecke so eine Mischung aus beidem. Selten wurde dort wohl so viel und so intensiv in Arabisch debattiert wie in diesen Tagen. Während ich meine Pide mit Spinatbelag verzehre und einen Ayran dazu trinke diskutieren am Nachbartisch drei Männer. Vielleicht ein Ägypter, ein Syrer und ein gut aussehender sehr großer junger schwarzlockiger Libyer. Die älteren Männer, „der Ägypter“ und „der Syrer“ machen einen sehr gebildeten Eindruck. Sie reden, der Junge hört zu, auf einem Blatt Papier werden die wichtigsten Sachen notiert – Sprachfetzen in Deutsch dringen an mein Ohr: „Anmeldung“, „Anmeldestelle“, „Leipzig“, „Außenhandel“, „Mädchen“ … kurz es geht offenbar um alles, was den jungen Ankömmling interessiert. Während sich einige über-engagierte Ehrenamtler für unabkömmlich halten, gibt es längst ein weit gespanntes Netzwerk arabischer Migranten, die wesentlich cleverer sind als ihre Helfer sich das auch nur im entferntesten vorstellen können. Die Vorteile der Migranten aus dem Irak oder Syrien liegen auf der Hand – wer Arabisch fließend spricht und schreibt kommt mit seiner Sprache von Marokko bis zum Irak zurecht, außerdem gibt es engste Beziehungen zur arabischsprachigen Community in Frankreich und Belgien. Doch das Netz spannt sich viel weiter, wie ich schon vor Jahren bei einer Fahrt mit der Mitfahrgelegenheit von einem jungen libanesischen Autohändler aus Dresden erfuhr, der ein paar Jahre in Marokko und Benin gelebt hatte und gerade in Hamburg die Verschiffung seiner Dresdner Autos nach Benin überwachte, wo sein Onkel die Autos übernehmen würde. Auch der Autohandel in Westafrika ist in arabischer Hand, so wie sich der arabische Einfluss in den letzten Jahren ohnehin in ganz West- und Ostafrika verstärkt hat, während Nordafrika für arabischsprechende Händler schon immer ein Heimspiel war.

Längst zieht sich ein arabisches Unterstützernetz der Migranten von Lissabon bis Berlin, von Sizilien bis zum Nordkap. Die eigenen Landsleute wissen schließlich am Besten, was der junge Migrant will und braucht. Wer gegangen ist, „um ein besseres Leben zu finden“, für den steht etwas anderes als „Integration in einem Land der Ungläubigen“ an der Spitze der Begehrlichkeiten – auch nicht unbedingt Arbeit im deutschen Handwerksbetrieb – sondern es ist das Geld. Geld verdienen kann man im arabischen Bistro, wenn man nicht viel gelernt hat und vor allen Dingen keine Sprachen beherrscht, wer aber wie der junge gebildete Libanese fließend Französisch, Arabisch, Englisch und Deutsch sowie dazu noch Suaheli spricht, der kann mit vielem Handel treiben über die Kontinente hinweg. Wichtig ist neben der Basis im arabischen Raum eine Handelsstation wie Hamburg, Rotterdam oder Marseille in Europa und eine afrikanische Basis. Wer darüber verfügt ist aber auch in der Lage von heute auf morgen seinen Firmensitz von Hamburg nach Kairo oder Tunis zu verlagern.

Es sind nicht wenige junge Glücksritter, die sich aufgemacht haben – sehr viele aus begüterten und gebildeten Familien. Wie die Ereignisse von Köln gezeigt haben, gibt es in der arabischen Community aktuell natürlich ein Frauenproblem. Die cleversten der Neuankömmlinge werden dieses Dilemma pragmatisch unauffällig lösen: Wer Geld hat, dem fliegen im Kapitalismus auch die Herzen der Frauen zu. Das ist in Kairo nicht anders als in Beirut, Paris oder Berlin. Wie man aber schnell viel Geld macht in Europa erfährt man nicht bei den wohlmeinenden Flüchtlingshelfern mit den großen Samariterherzen sondern im Teehaus bei Hassan, wo knallharte Geschäftsleute aufkreuzen. Die Flüchtlingshelfer sollten nicht traurig sein, dass zu ihren gutgemeinten Veranstaltungen oft keiner kommt: Die wirklich wichtigen Dinge erledigen die Migranten ganz ohne Flüchtlingshelfer mit Unterstützung ihrer eigenen Leute – das war übrigens schon vor über hundert Jahren in Dresden so als sich polnische oder ungarische Neuankömmlinge immer zuerst auf ihre eigenen Landsleute verließen. Auch diese waren nicht gekommen um Deutsche zu werden, wie manche vielleicht glauben wollen. Bis 1914 hatte Dresden zwar massenhaft nicht-integrierte Engländer, Amerikaner und Russen dafür aber einen großen Außenhandel. Es waren „unsere Ausländer“, die Dresden und hiesige Erzeugnisse in der ganzen Welt besser bekannt machten als es irgend eine Wirtschaftsförderung je hätte tun können …