Gebundene Realsatire

Helge-Heinz Heinker glossiert die Tagebücher von Kurt Biedenkopf

„Kann man die Lektüre empfehlen?“ Mit dieser rhetorischen Frage wendet sich Moderator Manfred Neuhaus an Helge-Heinz Heinker. Der Publizist hat für den zehnten Jour fixe im Dezember 2015 am Leipziger Stammsitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Ochsentour auf sich genommen, Kurt Biedenkopfs Tagebücher von Juni 1989 bis September 1994 durchzuackern. Nach 1462 Seiten Kärrnerdienst im Textgebirge seines einstigen kurzzeitigen Dienstherren fällt sein Urteil, nun ja, wenig ermutigend aus. Ein solches Sammelsurium abstruser Kleingeistigkeit und karnevalstauglicher Stilblüten, diese in Leinen gebundene Realsatire, brauche kein Mensch.

Heinkers Kostproben lassen daran wenig Zweifel und erheitern das Publikum: „Ingrid und ich haben das Vertrauen der Menschen nicht nur behalten, sondern vermehren können“, lautet einer der zahlreichen narzisstischen Sprüche, die dem „König-Kurt-und-Landesmutter“-Gehabe eine hochwohlgeborene Aura verleihen sollen. „Zu Beginn der Vorstellung hielt Ingrid eine kleine Rede. Als sie ihren geliebten Mann, den Ministerpräsidenten, begrüßte und von der Zeit sprach, ,seit wir Ministerpräsident sind‘, erntete sie herzlichen Beifall.“ So „… werden wir immer mehr gemeinsam als diejenigen gesehen, die dem Land vorstehen. Ingrid ist eine wirkliche Landesmutter geworden …“ Und als solche kümmert sie sich. „Wir fuhren früher in die Oper, um die Suppe zu kosten. Der Küchenchef nahm die Anregungen zur Verbesserung ohne Widerspruch entgegen“. Heinker lässt den sich zu Höherem Berufenen anhand typischer Textstellen gaukeln: „Jetzt kann ich in Deutschland und Europa eine wichtige Rolle spielen. Die Menschen werden die Kraft spüren“. Besonders die ihm Nächste spürt sie, was ihn hocherfreut notieren lässt: „Beim Aufstehen überrascht mich Ingrid mit der Frage, ob es […] nicht doch bedenkenswert sei, das Amt des Bundespräsidenten anzustreben […] Auch mir erscheint der Gedanke nicht mehr so abwegig […] Immer wieder muss ich daran denken, was ich Ingrid 1974 über das Verhältnis von Macht und Geist geschrieben habe. Vielleicht bietet das Amt des Präsidenten eine institutionelle Möglichkeit, beides nebeneinander wirksam werden zu lassen.“

Am „alten“ Kohl, dem nach Ingrid „Mittelmäßigen“, arbeitet sich der gleichaltrige Biedenkopf auf rund 100 Seiten ab, hat Heinker überschlagen. Einst als Konkurrent und Möchtegern-Putschist vom Machtkanzler kaltgestellt, jubiliert er 1990 bei seiner Amtseinführung als sächsischer Ministerpräsident: „… ich bin nicht mehr auf Kohl angewiesen“. Bei so viel Oberwasser liest sich der gockelhafte Eintrag vom 13. September 1993 schon als gewohnte Borniertheit: „CDU-Bundesparteitag in Berlin. […] Kohls Rede war eine Überraschung. Ingrid bewertete sie als ausgezeichnet und die beste Rede, die sie von Kohl bisher gehört habe. Sie hätte streckenweise von mir geschrieben sein können“.

Der Berichterstatter belässt es bei diesen Selbstzeugnissen eines Eitlen, der in manischer Getriebenheit an seinem Nachruhm bastelt. Wegen der immer wieder eingestreuten langatmigen Dozierereien Biedenkopfs über politische Grundordnungen, Markt, Wettbewerb hält der habilitierte Wirtschaftsfachmann Heinker die Genrebezeichnung „Tagebücher“ fast für Etikettenschwindel. Und würde der Freistaat Sachsen tatsächlich 307.000 Euro Zuschuss für das Druckwerk übernehmen, handelte es sich um eine klassische Autobiografie? Die parteipolitisch gefärbte Antwort der Staatskanzlei Dresden, so Heinker, lege die wahre Begründung nahe: Biedenkopfs Aufzeichnungen seien ein politisch willkommener Beitrag zur Geschichtsschreibung des CDU-dominierten Landes. Heinkers werkbezogenes Verdikt fällt deshalb sehr ungeschminkt aus: „Die sogenannten Tagebücher sind ein Kompendium der politischen Unkultur. Biedenkopf kennt keine Hemmschwellen, selbst als sächsischer Ministerpräsident nicht“. Dafür fehlten, wie nicht anders zu erwarten, Reflexionen über eigene Unzulänglichkeiten oder wenig staatsmännischen Verhaltens, wie zum Beispiel die für das Land Sachsen nachteilige Anmietung des Behördenzentrums in Leipzig-Paunsdorf zugunsten eines befreundeten Kölner Bau-Unternehmers beweise. Als „Amigo-Affäre“ irritierte der Schacher bereits Ende 1990 die Öffentlichkeit.

Indessen droht der Autor unverdrossen mit weiteren „Tagebuch“-Bänden, vorerst von 1994?2002. Die Gretchenfrage, ob sie zu empfehlen seien, dürfte sich für Demokraten erledigt haben.
Wulf Skaun

Kurt Biedenkopf: Von Bonn nach Dresden. Aus meinem Tagebuch Juni 1989 bis November 1990; Ein neues Land entsteht. Aus meinem Tagebuch November 1990 bis August 1992; Ringen um die innere Einheit. Aus meinem Tagebuch August 1992 bis September 1994, Siedler Verlag München 2015, 431, 527 und 524 Seiten, je 29,99 €