Ein Mann aus Lahore kommt nach Deutschland

von Ralf Richter

Es ist kalt an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich. Besonders kalt ist es für die, die nicht im warmen Auto nach einer kurzen Kontrolle durch fahren können sondern zu Fuß dort gestrandet sind und nicht wissen ob es noch Tage, Woche oder Monate dauert, bis sie die Grenze überschreiten werden. Er hat kranke Kinder in der Menschenmenge gesehen, der Mann aus Lahore an dieser Grenze. Familien aus Afghanistan, Syrien, Irak, dem Kosovo und natürlich jede Menge „Einzelkämpfer“ so wie er von noch viel weiter weg – aus Pakistan. Viele mit nassen kalten Klamotten und dem falschen Schuhwerk aber sie alle eint eine fiebrige Hoffnung auf Europa. Nun nicht mehr auf Schweden sondern nur noch auf Deutschland – und viele hunderttausende kommen noch nach ihnen.

Der Mann aus Lahore ist im September 2015 aufgebrochen, aus seiner Heimatstadt Lahore. Lahore, das sollte man wissen, gilt als das München Pakistans. Sieben Millionen Menschen leben hier. Da geht man nicht einfach weg und als Pakistaner schon gar nicht. Einen Steinwurf entfernt ist Neu Dehli, nach Afghanistan ist ein paar hundert Kilometer weiter. Was macht ein Mann aus dem München Pakistans an der slowenisch-österreichischen Grenze, wollte ein Reporter einer pakistanischen Zeitung wissen. „Sie wissen doch, die Massenmedien erweckten bei uns im September den Anschein, dass Europa seine Grenzen geöffnet hat und Deutschland Menschen aufnehmen will – deshalb bin ich los gezogen.“ Ein Abenteurer, einer von Tausenden. Es erinnert an die Auswanderung der Europäer in die USA von 1840 bis 1890 – auch die Bevölkerungsstruktur der Ziehenden entspricht dem. Sicher, viele wissen kaum, wie sie ihre Familie durch den nächsten Tag bringen sollen – doch dieses Schicksal teilen sie mit Millionen anderen in Pakistan, Afghanistan, Syrien, Indien – die nicht aufbrechen, die bleiben. Die Caritas warnt gerade vor einer Hungersnot in Äthiopien, gut 25 Millionen sind gefährdet aber brechen sie nun etwa auf nach Europa? Ihr Weg wäre doch wesentlich kürzer als der von Lahore! Sie bleiben dort wo sie sind, genauso wie die Menschen im Bürgerkriegsland Zentralafrika oder Somalia.

Man braucht vor allen Dingen Geld, um los zu ziehen. Abenteuerlust, Unabhängigkeit und eine Portion Blauäugigkeit. Alle vier Dinge hat der Mann aus Lahore. 7.000 Euro hat er bislang bezahlt für seine Reise, er schimpft besonders auf die halsabschneiderischen türkischen Schlepper. Eriträer bezahlen oft mehr, 10.000 Euro mindestens für ihre Tour. Geld, das kaum ein Hartz IV-Bezieher, Leiharbeiter oder Normalarbeitnehmer in Ostdeutschland auf der hohen Kante hat. Im München Pakistans lässt sich so eine Summe locker auftreiben. Wie es denn wäre, wenn er wieder zurück kehren würde, fragt ihn der Reporter, Pakistan nehme doch Rückkehrer problemlos auf. Damit aber hat der Mann aus Lahore ein Problem: „Ich habe 7.000 Euro schon investiert um nach Europa zu kommen, vielleicht muss ich noch mal 2.000 bezahlen – dann bezahle ich die. Aber sehen Sie denn nicht, dass ich schon bereits zu viel bezahlt und investiert habe, als dass ich hier die Unternehmung so kurz vorm Ziel abbrechen könnte? So wie ich denken Tausende hier. Egal was passiert – nichts wird uns aufhalten, wir werden nach Deutschland kommen!“

In Pakistan staunt man über diese Geschichte. Die Leserinnen und Leser machen sich ihre Gedanken: „Wenn einer 7.000 Euro und mehr für seine Reise ausgeben kann, warum versucht er dann nicht ein Geschäft in Pakistan aufzumachen?“ Das Unverständnis bezieht sich aber auch aufs Reiseziel: „Meine Verwandten sind nach Dubai und Kuwait aufgebrochen – wieso geht er nicht dorthin, wo er seine Kultur, Sprache und Religion ausleben kann?“ In Pakistan scheinen den Mann weniger Menschen zu verstehen, als in deutschen Flüchtlingshelferkreisen. Ja, es gibt riesige Probleme im 250-Millionen-Einwohnerland Pakistan – viel unbeschreibliche Armut und Krieg aber Auswanderung ist keine Lösung, ist der Tenor. Wer gebildet und clever ist als Pakistani, so wird auch konstatiert, der heuert in Lahore bei eine westlichen Firma an und kann dann mit dem Flugzeug als Geschäftsmann nach Frankfurt fliegen. Ob er dann bleibt oder nicht, ist seine Sache. Offensichtlich ist der Mann aus Lahore an der slowenisch-österreichischen Grenze nicht besonders klug, mutmaßen seine schreibenden Mitbürger. Vielleicht wird der Mann aus Lahore seine Papiere verlieren und sich als Afghane ausgeben, Paschtu spricht er ja und Verwandte in Afghanistan, die er gelegentlich besucht hat, hat er auch – die Deutschen werden nicht merken, dass er aus dem München Pakistans kommt wenn er sagt, dass er in in der Provinz Helmand unter den Taliban gelitten hat und fliehen musste – er kennt längst die Geschichten, die man erzählen muss, um in Deutschland zu bleiben. Er mag vielleicht nicht besonders klug sein aber viele Deutsche, die in den Behörden arbeiten und über seine Aufenthaltserlaubnis zu entscheiden haben sind gewiss auch nicht klüger als er und die wird er schon überzeugen, mit seinen Geschichten. Gleich bei der Ankunft in Deutschland wird er sich an eine Flüchtlingshelfer-Initiative wenden und sich richtig briefen lassen …

PS: Wer wirklich etwas über die Boom-Town Lahore – das Powerhouse Pakistans – erfahren will, sollte verzichten die Wikipedia-Seite auf Deutsch anzusteuern – dort erfährt man so gut wie nichts und das Wenige ist unwesentlich. Weit sinnvoller ist es das englische Wikipedia-Angebot zu Lahore zu studieren. Hier ist der Link.