Vor 90 Jahren: Der XIV. Parteitag der KPdSU(B), 18.-31. Dezember 1925

von Hartmut Kästner

Historische Prozesse aus der Sicht der Gegenwart zu betrachten, ist immer interessant und aufschlussreich. Das trifft insbesondere für die 83 Jahre dauernde Geschichte der UdSSR zu. Die auf dem Boden des sogenannten Marxismus-Leninismus stehenden Historiker – zu dem der Verfasser des Artikels auch gehörte – haben diese Geschichte als einen stetig aufsteigenden Prozess der Verwirklichung des freien Menschen interpretiert. So wie die Geschichte verlief, nur so konnte sie geschehen – die teleologische Geschichtsauffassung war dominant. Alternativen wurden nicht gesucht bzw. a priori ausgeschlossen. Heute ist klar, dass es in der Geschichte der UdSSR und der KPdSU natürlich Momente gab, in denen eine Entscheidung so oder so getroffen werden konnte – mit weitreichenden und unterschiedlichen Auswirkungen auf den geschichtlichen Prozess.

Als vor 90 Jahren der XIV. Parteitag der KPdSU(B) stattfand, war die Entwicklung Sowjetrusslands sowohl in ökonomischer und sozialer Hinsicht als auch bei ihrer theoretischen Durchdringung an einer Wegmarke angekommen. Seit vier Jahren zeitigte die Neue Ökonomische Politik für einen kleineren Teil der Bevölkerung positive Ergebnisse. Großbauern (Kulaken), kleine und mittlere Unternehmer (NÖP-Kapitalisten), Teile der Angestellten und der Intelligenz führten ein gutes „bürgerliches“ Leben. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aber, für die Arbeiter und Bauern, für die, die die Lasten der Revolution und des Bürgerkrieges getragen hatten, waren die Veränderungen zum armseligen und elenden Leben der vorrevolutionären Zeit und zur Zeit des Kriegskommunismus nur marginal. Es musste eine Wende erzielt werden, eine Wende, die das weitere Voranschreiten der Revolution gewährleistete. Darüber hinaus war sich die Parteiführung auf der 14. Parteikonferenz (April 1925) darüber klar geworden, dass es möglich sei, den Sozialismus auch beim Ausbleiben der sozialistischen Revolution in anderen (hochentwickelten) Ländern aufzubauen.

A. I. Rykow, direkter Nachfolger Lenins als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, eröffnete am 18. Dezember 1925 den Parteitag. „In den vergangenen eineinhalb Jahren veränderte sich wesentlich die ganze wirtschaftliche Lage des Landes … Man kann sie als eine Periode der schnellen Wiederherstellung der gesamten Wirtschaft bestimmen … Wir treten in eine neue Epoche – die Epoche des Aufbaus …“. Die Politik der NÖP schien nicht mehr den objektiven Anforderungen an die Richtung und die Geschwindigkeit der ökonomischen Entwicklung des Landes zu entsprechen.

Auf XIV. Parteitag fand eine teilweise offene Diskussion statt. Neben dem Rechenschaftsbericht des ZK wurde ein Koreferat zugelassen, das G. K. Sinowjew (Parteisekretär von Leningrad) hielt.
Im Rechenschaftsbericht betonte Stalin, dass die UdSSR durch harte Arbeit zu einem „wirtschaftlich selbständigen, unabhängigen, auf den inneren Markt basierenden Land (werden müsse), zu einem Land, das als ein Anziehungsfeld für alle anderen Länder dient, die nach und nach vom Kapitalismus abfallen und in die Bahnen der sozialistischen Wirtschaft einlenken werden“. Sinowjew machte auf drei grundlegende Schwierigkeiten aufmerksam, die den Aufbau des Sozialismus in Frage stellen könnten: Erstens die Verzögerung der Weltrevolution, zweitens die Rückständigkeit Russlands und das Übergewicht der Bauernschaft und drittens das Nichtvorhandensein einer kollektiven Parteiführung nach Lenins Tod. In der Diskussion – 45 Redner äußerten sich – fand nicht nur ein kontroverser Meinungsaustauch statt, sondern die zum Teil gegensätzlichen ideologischen Positionen prallten aufeinander. Die Mehrheit der Diskutanten, z. B. Rykow, Ordschonikidse, Kirow, Shdanow unterstützte die Politik des industriellen Aufbaus, neun Delegierte sprachen sich dagegen aus. Sokolnikow (Volkskommissar für Finanzen) meinte, dass die UdSSR noch lange Zeit ein Agrarland sein werde. Deshalb sei es richtig, den Export zu entfalten, „der in den nächsten Jahren nur ein landwirtschaftlicher Export sein kann“. Trotzki favorisierte für die Sowjetunion den klassischen Weg der kapitalistischen Industrialisierung. Die Bauernschaft sei das Ausbeutungsobjekt für die industrielle Entwicklung. Kamenjew (Vorsitzender des Rates für Arbeit und Verteidigung) sprach von der „falschen Linie der Genossen Stalin und Bucharin“ und drückte seine Überzeugung aus, dass Stalin „nicht die Rolle eines Vereinigers des bolschewistischen Stabes spielen kann …“. Die Witwe Lenins, N. K. Krupskaja, wandte sich dagegen, den Parteitag als „letzte Instanz“ anzuerkennen. „Man darf sich nicht damit beruhigen, dass die Mehrheit immer recht hat“, bemerkte sie völlig richtig.

In der Resolution des Parteitages – wesentlich von Stalin und Bucharin geschrieben – wurde die Orientierung auf die sozialistische Industrialisierung gegeben: „… dass die UdSSR sich aus einem Land, welches Maschinen und Ausrüstungen einführt, in ein Land verwandelt, welches Maschinen und Ausrüstungen produziert“. So werde sie „kein Anhängsel der kapitalistischen Weltwirtschaft bleiben sondern eine selbständige ökonomische Einheit, die sozialistisch aufgebaut ist …“

Heute, mit dem Wissen der 90jährigen Entwicklung nach dem XIV. Parteitag, wird klar, dass es Mitte der 20er Jahre sehr wohl alternative Möglichkeiten in der Sowjetunion gab. Es gab einen Weg der langsameren, konfliktärmeren und die Bevölkerung stärker schonenden Entwicklung, einen Weg, industrielle Kerne vorrangig in der Leichtindustrie anzusiedeln und erst später mit der Schwerindustrie fortzufahren. Diese Möglichkeit bestand. Die Konsequenz wäre eine langanhaltende wirtschaftliche und letztlich politische Abhängigkeit von den kapitalistischen Ländern gewesen. Die UdSSR hätte den Krieg 1941-45 nicht erfolgreich führen können – das sozialistische Experiment wäre bald zu Ende gewesen. Die Mittel und Wege zur Durchsetzung des Industrialisierungskurses – Stichwort GULAG, Stichwort Entkulakisierung – sind, wie der Kurs selbst, mit den Namen Stalins verbunden. Bei der Festlegung der konkreten Maßnahmen ließ er keine Diskussionen mehr zu. Der Parteiführer entartete zum Verbrecher: Hunderttausende Kommunisten, Arbeiter, Bauern und Wissenschaftler wie millionenfach Russen, Ukrainer und Angehörige vieler anderer Nationen und Nationalitäten versklavte er, ließ sie elend dahinvegetieren und ließ sie ermorden.

Trotzdem bleibt aber auch eines: Die mit Nachdruck betriebene Durchsetzung der „sozialistischen“ Industrialisierung eröffnete die Möglichkeit, einen europäischen oder weltweiten Sieg der Barbarei über die Zivilisation zu verhindern. Die Industrialisierung der UdSSR war eine entscheidende Grundlage für den Sieg der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg. Gemeinsam mit den Streitkräften der anderen Staaten der Anti-Hitler-Koalition wurde 1945 der Faschismus verhindert.