Odyssee zu den Quellen der Bucharin-Forschung

von Wulf Skaun

Wladislaw Hedeler legt einzigartige Biographie des kommunistischen Revolutionärs und Theoretikers vor

Jour fixe, der unkonventionelle Gesprächskreis am Leipziger Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, ist binnen weniger Monate zu einer angesagten Adresse geworden. Mit brennend oder latent aktuellen Themen locken seine Begründer, die einheimischen Historiker Klaus Kinner und Manfred Neuhaus, Debattierfreudige scharenweise in die Harkortstraße 10. So ereignete sich auch der November-Konvent wieder vor vollem Haus. Schließlich hatte sich Wladislaw Hedeler, einer der international namhaften Kommunismusforscher, auf das Podium begeben, um Auskunft über seine in jeder Weise „gewichtige“ Biographie zu geben: „Nikolai Bucharin – Stalins tragischer Opponent“ (Matthes & Seitz, Berlin 2015, 637 Seiten). Statt referierender Diskussionsgrundlage probierten die Veranstalter dieses Mal eine andere Form: Die Moderatoren Klaus Kinner und sein Leipziger Historikerkollege Hartmut Kästner befragten den Autor, und das Auditorium konnte sich dem Dialog unmittelbar mit eigenen Statements beigesellen. Das machte den Abend zu einem sehr lebendigen Forum, führte aber zwangsläufig auch dazu, dass der rote Biographie-Faden mitunter verloren zu gehen drohte. Denn Leben und Wirken Bucharins zu durchleuchten, heißt für gelernte historische Materialisten des Stammpublikums, die Gegebenheiten seiner Zeit in Politik, Ökonomie und Gesellschaft ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Der Berichterstatter muss sich schon aus Platzgründen beschränken, zumal Bucharins Entwicklung vom beliebten Revolutionär und Theoretiker an Lenins Seite bis zum frühen Tod nach Stalins perfidem Schauprozess und Mordbefehl im Grundsätzlichen bekannt ist. Er greift daher einige jener Informationen heraus, die des Autors spezielle Forschungsleistung aus dem Fundus Bucharinscher Biographik hervorheben und sich nicht wenig aus seiner eigenen Vita ergeben.

Waldislaw Hedeler ist der Sohn des deutschen Kommunisten Walter Hedeler, der von 1943 bis 1955 in Tomsk verbannt war. Er wurde 1953 in dieser sibirischen Großstadt geboren. 1955 zog er mit seinen Eltern in die DDR. Sein rehabilitierter Vater wirkte von 1957 bis 1959 als Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. Wladislaw studierte von 1973 bis 1978 an der Humboldt-Universität zu Berlin Philosophie und promovierte 1985 über Nikolai Iwanowitsch Bucharin. Dass er in seinem Buch völlig unbekannte Erkenntnisse publik machen konnte, war zwei Umständen geschuldet. Zum einen forschte er während seiner Aspirantur von 1983 bis 1985 nicht am grünen Tisch in Berlin, sondern „vor Ort“ in Moskau. Und zum anderen trachtete er zielgerichtet danach, jene Blindflecken zu tilgen, die der Amerikaner Stephen F. Cohen und der Österreicher Adolf G. Lövig in ihren Bucharin-Biographien unbearbeitet lassen mussten. Weil sie keinen Zugang zu den Originalquellen hatten, kommt in ihren „Torso“-Lebensbildern weder der junge Bucharin noch die Zeit nach seiner Verhaftung 1937 vor. Auch für Hedeler standen die Tore zu den ungehobenen Dokumentenschätzen nicht einladend offen. Immerhin hat die sowjetische Historiographie selbst Bucharins Leben und Wirken nicht aufgearbeitet. So glich seine Erkundung jener Lebensphasen, die Bucharin als frühen Revolutionär, an der Seite Lenins und Stalins, als Widerpart Stalins in theoretischen und praktisch-politischen Fragen des sozialistischen Aufbaus und in seiner Haftzeit zeigen, einer einzigen Odyssee. Etliche Originaldokumente standen auf dem Index, selbst in den öffentlichen Moskauer Bibliotheken hatte er keine freie Hand, sondern musste sich über den Umweg bürokratischer Betreuer Zugang zu jeder interessierenden Karteikarte erkämpfen. Manche notwendige eigene Übersetzung hielt auf. Zwei Jahre bittere, vertane Forschungszeit, blickt Hedeler auf die Moskauer „Eiszeit“ 1983 bis 1985 zurück. Nach Öffnung der Archive habe sich die Situation teilweise gebessert, einmalige, unschätzbare persönliche Auskünfte aber habe er von inzwischen verstorbenen Familienangehörigen Bucharins erhalten. Hedeler wörtlich: „Nach ihrem Tod ist das Reservoir an noch Unbekanntem so gut wie ausgeschöpft“. Eine Lücke könne aber noch geschlossen werden, wenn es gelänge, die Materialien der Schauprozesses 1938 inklusive der letzten Briefkontakte zwischen Bucharin und Stalin auszuwerten. „Es gibt nur das russische Stenogramm der Prozesse, das ist für die Forschung aber bisher nicht zugänglich“.

Fazit: Hedelers Quellenkunde hebt die Bucharin-Forschung auf eine neue Stufe, wie Klaus Kinner in seinen einführenden Worten betonte. Neue Erkenntnisse dürften in Zeiten russischer Stalin-Renaissance vorerst kaum zu erwarten sein. Das macht den unschätzbaren Wert von Hedelers wissenschaftlicher Kärrnerarbeit und seiner großartigen Biographie aus, die Hartmut Kästner als den einschlägigen Arbeiten Jörg Baberowskis ebenbürtig bezeichnete.

Der 9. Jour fixe war mit zwei Gedenkminuten eröffnet worden. Manfred Neuhaus hatte der verstorbenen Vereinsfreunde Joachim Tesch und Ernstgert Kalbe gedacht und deren langjähriges und verdienstvolles Wirken als Aktivisten der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen gewürdigt.