Die schützende Hand

Die Realität als Stoff für die Fiktion: wenn der NSU-Komplex zum Krimi wird
von Volkmar Wölk

Es ist bei mir geradezu zum Ritual geworden. Greife ich zu einem neu eingetroffenen Buch, dann fällt der Blick – genau in dieser Reihenfolge – zunächst auf das Inhaltsverzeichnis, dann auf die Liste der verwendeten Literatur und dann folgt ein kurzer Streifzug durch den Anmerkungsapparat. Meistens gibt das bereits Aufschluss darüber, ob eine intensive Lektüre lohnt oder nicht.

Bei Kriminalromanen ist ein solches Vorgehen in der Regel natürlich nicht möglich. Anders bei „Denglers achtem Fall“ aus der Krimiserie von Wolfgang Schorlau, die inzwischen Kultstatus erreicht hat und riesige Auflagen verzeichnet. Gleich 73, teilweise sehr umfangreiche Anmerkungen finden sich am Ende des Bandes. Und ein Blick in das Nachwort verdeutlicht, dass nicht nur ein gründliches Literaturstudium zum Thema des Bandes stattgefunden hat, sondern dass auch intensiv recherchiert und mit Fachleuten geredet wurde. So ungewöhnlich all dies ist, so ungewöhnlich ist auch das Echo unmittelbar nach der Veröffentlichung des knapp 400 Seiten starken Buches. Über 800 Personen drängten sich zur Präsentation in Stuttgart.

Und als noch ungewöhnlicher muss wohl gelten, dass ein noch nicht abgeschlossener Kriminalfall das Material für die literarische Aufbereitung dient. Als ab Anfang November 2011 nach und nach immer mehr Ungeheuerlichkeiten um die Verbrechen des NSU und die Rolle des Staates dabei ans Tageslicht kamen, waren wir uns sehr schnell mit Wissenschaftlern und Journalisten einig: Wenn ein Drehbuchautor einen solchen Plot als Vorlage für einen „Tatort“ vorgelegt hätte, wäre er vom zuständigen Redakteur wohl zum Teufel gejagt und nie wieder gefragt worden, ob er für den Sender arbeiten wolle. Zu unwahrscheinlich war all das, was in der Wirklichkeit geschehen war und nicht mehr abzustreiten ist. Nein, Stoff für einen Krimi konnte dieser Kriminalfall nie und nimmer abgeben.

Und doch liegt jetzt mit „Die schützende Hand“ ein solches Werk vor. Natürlich kennt Wolfgang Schorlau als erfahrener und mit mehreren Preisen ausgezeichneter Autor die Gefahren, die sich aus einem solchen Sujet ergeben. Zunächst die, dass jeder Zweifel an der offiziellen Lesart schnell als „Verschwörungstheorie“ abgetan wird. Doch legt die Unwahrscheinlichkeit der offiziellen Darstellungen es nicht nahe, nach alternativen Erklärungsansätzen zu suchen? Glaubt denn wirklich jemand ernsthaft, dass es sich beim NSU – wie von der Bundesanwaltschaft behauptet – um ein isoliertes Trio mit nur sehr wenigen Mitwissern gehandelt habe? Ist es wirklich plausibel, dass all die V-Leute, die der Staat im Umfeld des NSU im Einsatz hatte, nichts an brauchbaren Hinweisen geliefert haben? Und nicht zuletzt: Passt es tatsächlich zur Psyche von kaltblütigen und brutalen Nazi-Terroristen, dass sie in den Suizid flüchten, nur weil sich ein paar Dorfpolizisten ihrem Unterschlupf nähern?

Ob diese offizielle Lesart zutrifft, will ein anonymer Auftraggeber von dem Privatermittler Georg Dengler, einem ehemaligen BKA-Beamten, wissen. Natürlich ist dieser notorisch pleite und die beträchtliche Summe seines Honorars lässt ihn glauben, mit wenig Arbeit viel Geld verdienen zu können. Erst allmählich kommen ihm Zweifel. Und mit den Zweifeln kommen die Warnungen aus seinem Umfeld, keinen Verschwörungstheorien aufzusitzen. Dengler kennt diese Gefahr und er weiß den Vorwurf zu kontern: „Im Grunde genommen gibt es keine Verschwörungstheorien, es gibt nur valide und nicht valide Theorien“. Jemanden als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, sei eine gute Methode, einen Verdacht zu ersticken.
Genau dieser Verdacht, dass nämlich der Staat seine „schützende Hand“ über den NSU gehalten habe, verstärkt sich bei Dengler im Laufe seiner Ermittlungen. Wolfgang Schorlau, geistiger Vater von Georg Dengler, ist inzwischen überzeugt, dass die Wahrheit über den NSU wohl nie vollständig ans Licht kommen wird. Wer das Gerichtsverfahren in München aufmerksam verfolgt und die Arbeit der verschiedenen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse betrachtet, wird diesem Eindruck nicht widersprechen. Die von Bundeskanzlerin Merkel versprochene Aufklärung wird es wohl nicht geben. Stattdessen wird man immer wieder an ein Zitat vom Ende der sechziger Jahre erinnert: „Wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen. Wir können sie aber dazu bringen, immer dreister zu lügen“.

Schorlaus eigentliches Thema ist die Frage, welche Chancen die Wahrheit in einem Staat hat, in dem die Unwahrheit zum Prinzip und teilweise zur Staatsräson geworden ist. Wäre man nicht schon an dieser real existierenden Demokratie verzweifelt, allein die vom Autor benannten Fakten würden dazu führen. Dass es sich um ein Werk aus dem Genre „Fiction“ handelt, macht es zu einem spannenden, gut geschriebenen Krimi. Dass es gleichzeitig dicht an den Fakten bleibt, macht es zu einem Stück politischer Aufklärungsliteratur.

Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand. Denglers achter Fall; Köln: Kiepenheur & Witsch, 2015, Tb., 381 S., 14,99 €