„Friedhöfe sind begehbare Geschichtsbücher“

Der Herbst ist traditionell die Zeit, um auf den Friedhof zu gehen – und der November ein gar „schwarzer Monat“ mit Totensonntag und „Volkstrauertag“. Demographen wissen zudem, dass in Deutschland im November so viele Menschen sterben wie in keinem anderen Monat, auch die Selbstmordrate ist hoch. Weg vom Gruselimage und hin zu einem sehr spannenden Ansatz geht seit kurzem (2014 gegründet) der Denk Mal Fort! e.V. – Die Erinnerungswerkstatt Dresden. Ralf Richter sprach mit der Geschäftsführerin Heike Richter, nachdem er sie als Führerin bei der Veranstaltung „Sind Kriegsgräber noch zeitgemäß?“ am 24. Oktober auf dem Dresdner Johannisfriedhof getroffen hatte.

Der Denk Mal Fort! e.V. ist eine recht neue Vereinsgründung mit einer eigenen Homepage (www.denkmalfort.de) und einer interessanten Email-Adresse, die mit garnisonfriedhof.dresden beginnt. Was hat die Vereinsgründung mit dem Garnisonfriedhof zu schaffen?

Vieles! Zunächst sollte man wissen, dass dieser Friedhof genaugenommen aus zwei Friedhöfen besteht – dem Friedhof mit den Opfern auf dem Zweiten Weltkrieg und einem Erweiterungsfriedhof, auf dem es Bestattungen von sowjetischen Militärangehörigen in der DDR-Zeit gab. Die letzte fand 1987 statt.

Wer war nach dem Abzug der Truppen der Eigentümer dieses Friedhofes?

Die Stadt Dresden. Im Zusammenhang mit der Rückübertragung von Eigentum fiel der Sowjetische Garnisonfriedhof ab dem 1.1.1996 an den Freistaat. Die letzte Beigesetzte dort war ein kleines Kind, ein Mädchen mit dem Namen Jana Borisova. Nicht alle der nach 1945 auf dem Erweiterungsfriedhof Beigesetzten starben übrigens durch Krankheiten oder Unfälle – es gibt auch eine Reihe ungeklärter Todesfälle. Jedenfalls hätte juristisch der Erweiterungsfriedhof 20 Jahre nach der letzten Beisetzung 1987 im Jahre 2007 beräumt werden können – und in der Tat wollte der Freistaat auch Geld sparen und suchte nach einer platzsparenden Umgestaltung, der z. B. die über 600 einzelnen Grabplatten zum Opfer gefallen wären.

Dagegen haben sich Dresdner Bürger gewehrt, vermute ich …

So war es. Vier Leute waren es am Anfang und es wurde schon mal gewitzelt: Vier gegen den Freistaat Sachsen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass der Freistaat sich konstruktiv verhalten hat und der Friedhof bislang so in seinem Bestand gerettet werden konnte.

Ein erster Erfolg, der zur Vereinsgründung führte. Seither ist in sehr kurzer Zeit recht viel geschehen. Was treibt sie an, was motiviert sie?

Wir sind inzwischen ein Verein und arbeiten eng mit anderen Initiativen wie dem Freundeskreis Trinitatis- und Johannisfriedhof zusammen. Friedhöfe der Stadt sind begehbare Geschichtsbücher. Man kann unglaublich viel lernen – nur wird eben auf Friedhöfen leider bislang noch nicht so viel gelernt. Erst in jüngerer Zeit entsteht ein neues Verständnis von Friedhöfen. Wir wollen dazu beitragen, Friedhöfe zu Lernorten zu entwickeln. Es geht auf Friedhöfen eben nicht schlicht einfach um Namen und Zahlen wie Geburts- und Sterbedatum, sondern es sind Geschichten, Lebensgeschichten, die es verdienen, erzählt zu werden.

Selbst die Gedenkveranstaltungen für die Bombenopfer am 13. Februar laufen ja oft sehr routiniert ab …

Nach dem Schema: Rede eines Pfarrers und Rede eines Politikers, vorn saßen die Größen aus Stadt und Land und hinten auf den Holzbänken klemmten in der Kälte sozusagen die Angehörigen der Opfer. So war es zum Beispiel auf dem Johannisfriedhof, wo 3.700 Bombenopfer liegen. Das hat hier der engagierten Friedhofsleiterin schon rein optisch nicht gefallen. Sie wollte einen anderen Weg des Erinnerns, nahm Kontakt zu einer Lehrerin der 88. Oberschule Dresden-Hosterwitz auf und diese begeisterte ihre Schüler. Die Schüler wiederum haben von sich aus den Bezug zur Gegenwart hergestellt und die Gedenkfreier zum Teil gestaltet. Es ist den Kindern wichtig zu sagen, wie viele Kriege es heute gibt. Sie haben die Bilder gegenübergestellt von jetzigem und früherem Leiden. Es ist ihnen wichtig zu wissen: Wo haben denn die Menschen gewohnt, die am 13. Februar 45 ums Leben gekommen sind? Die Schüler haben Gespräche mit Zeitzeugen geführt, ein Radio-Feature gemacht und eine Informationstafel für den bisher anonymen Ehrenhain der Bombenopfer gestaltet. Heute sitzen die Angehörigen vorn und alle anderen sitzen mittendrin beim Gedenken.

Schüler der 88. Oberschule werden auch jetzt im November aktiv.

Am 11. November werden sie Narzissenzwiebeln auf dem Ehrenhain der Bomben-opfer stecken – für jeden der 3.700 Menschen wird eine Narzissenzwiebel gesteckt, so dass dann für jeden beigesetzten Menschen eine Blume blühen wird. Damit wird in Zukunft optisch auch deutlich, welche Menge an Menschen hier bestattet wurde. Es gibt auch von Schülern die Idee, die Namen der Toten im Rahmen eines kleinen Museums in einem Imkerwagen zu zeigen – denn es war ein Imkerwagen, wie alte Fotos zeigen, in dem hier auf dem Ehrenhain die Toten registriert wurden.

Sie haben auch interessante Kooperationspartner wie das Deutsch-Russische Kulturinstitut, die Jüdische Gemeinde und den VVN, um nur einige zu nennen.

Das stimmt. Dies hat auch mit den Opfergruppen zu tun. So ruhen auf dem sowjetischen Garnisonfriedhof ausschließlich Bürger der ehemaligen Sowjet-union. Auf dem Johannisfriedhof liegen nicht nur deutsche Bombenopfer, sondern auch zahlreiche hingerichtete tschechische und einige polnische Widerstandskämpfer. Nach der Einnahme Prags wurden die vom Sondergericht in Prag zum Tode Verurteilten in der Hinrichtungsstätte Münchner Platz getötet – auch diese Opfer liegen hier.

Wir erleben gegenwärtig einen großen Zustrom muslimischer Menschen – da drängt sich die Frage auf, ob es auch Friedhöfe oder Gräber für muslimische Bürger gibt.

Es gibt zwar keinen Friedhof ausschließlich für muslimische Bürger, aber inzwischen sehr wohl Gräber für Moslems. War es in der Vergangenheit so, dass Bürger aus muslimischen Ländern fast alle in der alten Heimat bestattet werden wollten, so hat sich das inzwischen geändert. Auf dem Heidefriedhof befindet sich inzwischen ein muslimisches Gräberfeld. Eine Besonderheit bei muslimischen Beisetzungen ist es, dass „unberührte Erde“ benötigt wird – also Erde, in der es zuvor keine Beisetzungen gegeben hat. Wir haben übrigens unlängst zum zweiten Mal einen Arbeitseinsatz auf dem Neuen Jüdischen Friedhof durchgeführt, und es war wunderbar zu sehen, wie viele junge Leute da gekommen sind – zunächst ging es erst einmal ganz profan darum, Laub zu entfernen und Kastanien aufzusammeln. Dabei lässt es sich übrigens ganz wunderbar unterhalten. In der Nähe befindet sich ein Asylbewerberheim, und ich hoffe, dass es uns dann im nächsten Jahr gelingt muslimische Asylbewerber für den Einsatz zu interessieren.

Völkerverbindung über den Gräbern sozusagen.

Das kann sowieso nicht ausbleiben. 1933 zählte die jüdische Gemeinde in Dresden 5.000 Mitglieder, heute sind es 700. Doch die meisten stammen aus Osteuropa, haben also kaum eine familiäre Beziehung zu den Beigesetzten aus dem jüdischen Friedhof.

Sie haben auch sonst noch vieles vor.

Obwohl der Sowjetische Garnisonfriedhof unser Kernthema ist, werden wir uns in Zukunft auch für unbequeme und/oder vergessene Denkmale und Erinnerungsorte in Dresden einsetzen, für andere Friedhöfe und die Wahrnehmung bisher wenig beachteter Gedenktage wie z. B. des 17. Juni 1953, des 17. April 1944 und des 8. Mai 1945. Wir denken auch über das Anbringen von QR-Codes nach, und in der Wallot-Kapelle auf dem Johannisfriedhof soll ein Begegnungszentrum mit einem Friedhofs-Cafe entstehen. Infotafeln allein reichen nicht. Unser Ziel ist es, der Anonymisierung entgegenzuwirken, Gräber Geschichten von Menschen erzählen zu lassen. Diese Geschichten sind für Menschen jedes Alters interessant und spannend. Zudem mahnen Kriegsgräber erst dann wirklich dazu, den Frieden zu bewahren, wenn ihre Geschichte lebendig wird und die Beigesetzten ein Gesicht bekommen, verbunden mit einer Lebensgeschichte. Daran fehlt es. Dabei finden sich auf fast jedem der 58 Fried- und Kirchhöfe Gräber von kriegerischen Auseinandersetzungen – das beginnt in Dresden bei den Opfern der Napoleonischen Kriege. Es ist also sehr viel zu tun. Das Wichtigste ist, dabei die Brücke zu schlagen zur jungen Generation. Schließlich waren Kriege auch immer eine der wichtigsten Ursachen für Flucht oder Vertreibung.