Erhard Oeser: „Die Angst vor dem Fremden – Die Wurzeln der Xenophobie“

von Dr. Monika Runge

Im Rahmen des unkonventionellen Gesprächskreises „Jour Fixe“ der RLS Sachsen stand das vom österreichischen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Erhard Oeser jüngst veröffentlichte Buch „Die Angst vor dem Fremden – Die Wurzeln der Xenophobie“ zur Debatte. Liefert es doch wissenschaftliche Hintergründe für das in letzter Zeit massenhaft auftretende Phänomen der Fremdenfeindlichkeit (Xenophobie), das sich nicht nur auf den Demonstrationen von Pegida und ihren Ablegern, sondern auch in Gewaltausbrüchen gegenüber Flüchtlingen artikuliert.

Dabei bezieht Oeser wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Anthropologie als der naturwissenschaftlich orientierten Menschenkunde und aus der Ethnologie als kulturwissenschaftlicher Völkerkunde ein. Mithin kommt er zum Ergebnis, dass Fremdenfeindlichkeit in Natur und Kultur der Menschheit verwurzelt und keinesfalls nur ein zeitgenössisches Phänomen ist. In einem Parforceritt durch die Kulturgeschichte der Menschheit in unterschiedlichen Regionen der Erde wie dem arabischen, afrikanischen, südamerikanischen, japanischen, chinesischen und schließlich dem europäischen Raum spürt Oeser den Konflikten nach, die u. a. auch durch Fremdenfeindlichkeit mitverursacht waren.

So wurde schon in der Antike zur Bezeichnung von Fremden die Bezeichnung „Barbaren“ verwandt, was so viel wie Stammler und Stotterer bedeutet, womit bereits Homer in der „Ilias“ fremde Menschen bezeichnete, die nicht oder nur schlecht Griechisch sprechen. In der späteren Geistesgeschichte hat sich die Bezeichnung „Barbaren“ für kulturell Fremde gegenüber den Hellenen verfestigt. Auch in der arabischen Sprache wurde ein besonderes Wort wie „Garb“ zur Bezeichnung des Westens als einem Gebiet des Fremden geprägt. Oeser ist der Meinung, dass der tiefe Graben zwischen den Kulturen durch religiöse Unterschiede ausgelöst wurde. Oeser sieht den Bruch zwischen den Religionen Christentum, Judentum und Islam, die in ihrer Tradition viel gemeinsam haben, an die Person Jesus geknüpft. Die Differenzen in den Religionen haben zu weltgeschichtlichen Kriegshandlungen geführt, sich zum Antisemitismus und zur Islamophobie gesteigert und religiös Andersdenkende in Massen vertrieben.

Breiten Raum nimmt bei Oeser die historische Debatte um den Rassebegriff und um die Entstehung von Rassismus ein. Rassismus ist keinesfalls eine Erfindung der Menschen in der neueren Geschichte, sondern reicht weit in die Geschichte der Menschheit zurück. Das gilt auch für die Xenophobie, „die eine für das Überleben des Individuums und der Art wichtige Funktion besitzt. Angst und Misstrauen gehören sicher zu den ältesten Gefühlsregungen der Menschen. Unbestreitbar liegen die Wurzeln dieser Gefühle in der Vorgeschichte der Menschen als biologische Art“ (S. 364).

Die Islamophobie ist gegenwärtig in der globalisierten Welt die dominante Form von Xenophobie. Der „Salafismus“, was abgeleitet vom Wort salafia so viel wie „zurück zu den Quellen“ bedeutet, sei der Ursprung der Terroraktivitäten und damit für die Islamophobie. Dieser fundamentale Salafismus entspreche der postmodernen individualisierten Gesellschaft ohne Nationalstaat und fast ohne Traditionen. Der heutige „Islamische Staat“ beruft sich auf den fundamentalen Salafismus und hatte seinen praktischen Ausgangspunkt im Gefangenenlager Camp Bucca, das die USA zwischen 2003 bis 2009 im Irak unterhielt. Dieses Camp gilt als Wiege der IS-Führung. Ziel der Salafisten ist es, einen Gottesstaat zu errichten, der auf islamischem Recht beruht und auch mit Gewalt durchgesetzt werden soll. Dieser gewaltbereite Islamismus kennt nur Gläubige und Ungläubige, der Islam wird als einzig wahre Religion angesehen. Der Terrorismus als politisch motivierter Islam wird als bewaffnete Verteidigung und Rachefeldzug für angetanes Unrecht wegen der kriegstechnischen Überlegenheit des Westens mit Feuer und Schwert in die Welt getragen (vgl. S. 438).

In Europa machen heute vor allem der islamistische Terror, religiöser Fanatismus, wirtschaftlich-sozialer Neid und die von Hetze und Hass geprägten Auseinandersetzungen, die auf emotionaler Ebene auf den Pegida-Demonstrationen und ihren Ablegern geführt werden, Angst. Wie soll man dem begegnen? Bildung und Aufklärung über verschiedene Religionen und Kulturen können bei rational zugänglichen Menschen helfen. Aber auch das gegenseitige Kennenlernen und das Erzeugen von Mitgefühl für Kriegsflüchtlinge können zum wechselseitigen Verstehen führen. Allerdings gibt es gegen fremdenfeindliche Hetze, Hass und Gewalt nur den Weg, klare Kante zu zeigen. Für eine gelingende Integration sind zivilgesellschaftliches Engagement für Flüchtlinge sowie Begegnungen mit Einheimischen zu organisieren, um offen über kulturelle Unterschiede zu diskutieren.