Die fleischgewordene Vision Dostojewskis

von Andreas Haupt

Im Mai 1925 meldet der Draht aus Moskau, dass Boris Sawinkow, ein Träger des revolutionären Gedankens in Russland, verstorben sei. Und die Kölnische Zeitung vom 16. Mai desselben Jahres verabschiedet Boris Sawinkow mit den Worten: „Immer stand er in der vordersten Front der Revolution, immer bereit, seinen Kopf der revolutionären Sache zur Verfügung zu stellen, nie vor der Gefahr zurückschreckend. […], eine ehrliche Kämpfernatur, die stets das Beste wollte, aber mit den Realitäten des Lebens zu wenig zu rechnen verstand“.

Boris Sawinkow war einer der führenden Köpfe des russischen Terrorismus vor der Oktoberrevolution, einer der ersten professionellen Terroristen. Der Terrorismus, als Kampfmethode mit meist ideologischem Hintergrund, hat seinen Ursprung im frühen 19. Jahrhundert. Das Epizentrum war sicherlich das zaristische Russland, wo sich nach dem Petersburger Blutsonntag der Kampf radikalisierte und in die revolutionären Unruhen der Jahre 1905 bis 1907 führte. Der „Bourgeois mit der Bombe in der Tasche“, wie Lenin Sawinkow nannte, verübte zahllose Terrorakte gegen das zaristische Regime. Im Auftrag der Kampforganisation der Sozialrevolutionäre organisierte er den Anschlag auf den Großfürsten Sergej Alexandrowitsch Romanow, der 1891 Generalgouverneur von Moskau wurde und als Despot und Menschenschlächter galt.

Nachdem Sawinkow sich dem Todesurteil durch Flucht aus dem Gefängnis von Odessa entziehen konnte, ging er nach Paris und begann dort mit seinen Aufzeichnungen über seine terroristischen Aktivitäten. In dem Roman „Das fahle Pferd“ wird nicht nur der Mordanschlag auf den Großfürsten Sergej literarisch zu einem existenzialistischen Albtraum verdichtet. Er ist auch eine Expedition in den Kopf eines Attentäters: „Ich bin ein Meister der roten Zunft. Ich will auch in Zukunft mein Handwerk ausüben. Tag für Tag, Stunde für Stunde werde ich Morde ausbrüten. Ich werde alles heimlich beobachten, werde allein vom Tod leben, und einst erstrahlt die berauschende Freude: Es ist vollbracht – ich habe gesiegt. Und so fort bis zum Galgen, bis zum Grab“.

Der Roman besteht aus Tagebucheintragungen des Ich-Erzählers. Er hat einen britischen Pass, angeblich ist er Engländer. Mit ihm sind vier Komplizen in Moskau eingetroffen. Sie sollen das Opfer auskundschaften und beim Attentat helfen. Jeder von ihnen will die Bombe werfen. Ein Leben auf einem schmalen Grat. Ein Teil der Gruppe hat schon mit allem abgeschlossen, bei anderen flackern fiebrige Gefühle auf. Die Gespräche der Vier kreisen um Gott, Tod und das Nichts, jeder Tag kann der letzte sein, jeder Satz das Vermächtnis. Ihr Ziel ist der Generalgouverneur, der aber mit einem Attentat rechnet und von Moskau nach Petersburg zieht; die Jäger bleiben auf seiner Spur. Die Stadt ist voller Spitzel und Gendarmen – doch die Terroristen scheuen vor nichts zurück, für sie gibt es nur ein Ziel: den Tod des Gouverneurs.

„Das fahle Pferd“, Roman eines Terroristen, nimmt ohne Zweifel einen gewichtigen Platz in der Literatur ein. Zum einen erzählt Boris Sawinkow spannend das Vorhaben und die Durchführung eines terroristischen Attentats. Planung, Rückschläge, Verzweiflung, Ratlosigkeit und neuer Ansporn zeichnen die Protagonisten des Todes aus. Angetrieben werden sie durch eine doppelte, an sich gegensätzliche Ideologie. Es ist der radikale Sozialismus, verwoben mit christlichem Heilsversprechen. Damit werden Sawinkow und seine Terroristengruppe nicht sympathischer, aber der Wahn, der sie antreibt, macht ihre Agitation fassbarer.
Der Ich-Erzähler ist vom Tode gezeichnet. Den Tod, den er den anderen gibt, trifft ihn selbst. Er ist der apokalyptische Reiter – „Das fahle Pferd“.

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Alexander Nitzberg und mit einem Nachwort von Prof. Jörg Baberowski. Galiani Verlag Berlin, 22,99 Euro.