Chemnitz bleibt Kaltland

Chronik der rassistischen Ausfälle in Einsiedel und Markersdorf
von Linksjugend Chemnitz

Chemnitz ist wieder in den Medien. Diesmal sind es Rassist*innen in Einsiedel und Markersdorf, die die Stadt in die bundesweite Öffentlichkeit hieven. Nachfolgend eine Chronik aus antifaschistischer Sicht.
Zu Beginn, am 16. September, geschahen zwei Dinge: zunächst fantasierte sich die Morgenpost das Horrorszenario von 2.000 Geflüchteten in Einsiedel zusammen, woraufhin die Dorfgemeinschaft sofort vollkommen freidrehte. Spoiler: Dieser Zustand hält bis heute an; erkennbar an den vielfältigen Ausdrucksvarianten dieser Gefühlswelten.

So kam es beispielsweise seitdem an jedem Mittwoch zu einer Demonstration durch das Dorf, wobei festzuhalten ist, dass es bisher keine Versammlung gab, bei der der Anteil der erkennbaren Nazis und Hooligans nicht signifikant war. Folgerichtig gibt es auch genügend Berichte über Angriffe auf Antifaschist*innen, die töricht genug waren, auf die Sicherung durch den Staat zu vertrauen. Seit einigen Wochen haben sich die Teilnehmendenzahlen in diesem 3.600-Seelen-Dorf auf etwa 2.000 eingepegelt, eine Quote, die die Mehrheitsgesinnung in Einsiedel sehr gut artikuliert. In den Wochen nach dem Bekanntwerden gab es auch zwei Bürger*innenversammlungen; besorgte Bürger*innen wollen schließlich aufgeklärt werden. Nachdem sich vor und während der ersten der beiden noch Nazis als Türsteher und „kritische Beobachter“ inszenieren konnten, war spätestens nach der zweiten klar, dass das Asylsuchendenheim nach Einsiedel kommen wird, ob die Dorfgemeinschaft jetzt will oder nicht.

Als Reaktion darauf wurde ein Infostand errichtet, „der aber […] keine Informationen verteilt, sondern welche fordert“ (Ist doch überall so, ZEIT, 17.10.). Zum heutigen Zeitpunkt steht dieser seit bereits vier Wochen. Während dieser Zeit war er immer mit Menschen besetzt, die von Anwohner*innen mit Lebensmitteln umsorgt wurden und werden. Die Solidarität ist da, leider richtet sie sich gegenwärtig nicht auf Geflüchtete, sondern auf Rassist*innen.

Nun mag man noch immer argumentieren können, dass es zwar Rassist*innen und Nazis auf den Versammlungen gegeben hätte, der Großteil der Einsiedler*innen jedoch tatsächlich besorgt sei und Angst habe. Diese Einschätzung klänge auch recht plausibel, wenn die Dorfgemeinschaft nicht am 5. Oktober den Gegenbeweis selbst erbracht hätte. Nachdem das Gerücht verbreitet wurde, dass mehrere Busse in Richtung Einsiedel vorbereitet werden würden, fanden sich flugs mehrere Hundert Rassist*innen ein, die bis in die Nachtstunden mit Hilfe von LKWs und Baumstämmen die einzige Zufahrt zum Asylsuchendenheim blockierten. Der rassistische Mob behält die Oberhand, bis heute hat kein Asylsuchender das Dorf betreten.

Auch wenn die Situation in Einsiedel ekelhaft ist und die Atmosphäre insbesondere rund um die Demonstrationen und die Blockade für Antirassist*innen gefährlich wirkte: Bisher kam es nicht zu größeren Ausfällen bzw. Angriffen seitens der Dorfbewohner*innen. Anders lief der 9. Oktober in Markersdorf ab. Als klar wurde, dass im Stadtteil Markersdorf 150 Geflüchtete in eine Turnhalle einziehen sollen, sammelten sich flugs Rassist*innen und verhinderten bis in die Nachtstunden den Einzug der Asylsuchenden, die meist schlichtweg zu viel Angst davor hatten. Schließlich wurde den Refugees zugesagt, zunächst in der gegenüberliegenden Kirche Obdach zu finden. Als kurz darauf die Polizei abzog, kam es zu Angriffen auf Geflüchtete und Supporter mit Schlagstöcken. Gegen 5 Uhr morgens wurde zudem die Kirche, die Refugees beherbergte, angegriffen, was in der Summe fünf Verletzte verursachte.