Nach 25 Jahren – Der Chor muss auf die Bühne!

von Peter Porsch

Es mag vielleicht merkwürdig klingen, aber ich behaupte, mit der Wende 1989/90 gerieten die Ostdeutschen gegenüber den Westdeutschen in einen Vorteil, der bis heute wirkt: Wir im Osten Gebliebenen waren allesamt gezwungen nachzudenken – nachzudenken über unser bisheriges Leben, unser Verhalten, unsere Verantwortung, unsere Visionen und Utopien, unsere Kleinbürgerlichkeiten, Opportunismen, Kompromisse und Kompromisslosigkeiten … Das mussten die Wessis nicht. Im Gegenteil, sie konnten ja annehmen, als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen zu sein. Ohne Schmerzen ging unser Nachdenken nicht ab. Es begann aber auch eine Zeit neuer Möglichkeiten: Sie waren verbunden mit der Erkenntnis, dass nicht die Vision von einer gerechten Gesellschaft falsch war, wohl aber der gewählte oder auch aufgezwungene oder unkritisch mitgegangene Weg. Plötzlich waren deshalb in der immer noch existierenden DDR Versuche an der Tagesordnung, die Vision in selbstbestimmte Praxis zu verwandeln. Die Utopie erhielt plötzlich die einmalige Chance, kein Ort nirgends mehr zu sein, sondern ein konkreter Aktionsraum zu werden. Es begann eine kurze, aber unglaublich spannende Phase der Selbstverständigung und Selbstorganisation. Neue Formen des Aushandelns des Gemeinwohls entstanden; in Leipzig die Litfaßsäule am damaligen Karl-Marx-Platz oder die Sonntagsgespräche im Gewandhaus. Die Universität versuchte, sich von niemandem als von den Universitätsangehörigen selbst gedrängt und kontrolliert eine Verfassung zu geben. Die Runden Tische waren eine völlig neue Errungenschaft demokratischer Kultur. Alles war Arbeit am praktischen Beweis produktiver Anarchie.

Lange währte diese Zeit nicht. Die Volkskammerwahl am 18. März 1990 läutete ihr Ende ein. Aber immerhin, wir waren noch DDR – eine neue DDR, allerdings auch eine DDR ohne Zukunft. Mit der Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 war der „Wirtschaftsflüchtling DDR“ wohl endgültig in der Bundesrepublik angekommen. Die Auflösung war nicht zu verhindern. Die führenden Politiker setzten dem keinen nennenswerten Widerstand entgegen. Das ging nicht mehr. Dennoch, es waren noch andere Politiker am Werk, als wir sie von heute kennen. Lothar de Maiziere, Peter-Michael Diestel, Gregor Gysi waren Juristen, die die Lehre aus der Vergangenheit ziehen wollten, dass Recht vor Macht kommt. Sie versuchten, das Ende der DDR mit Respekt vor den Menschen, die in ihr gelebt hatten und die für sie Verantwortung an unterschiedlichsten Stellen und in unterschiedlichster Art getragen hatten, zu vollziehen. Dem Versuch war nicht viel Erfolg beschieden. Der 3. Oktober 1990 brachte die Einheit Deutschlands, am 14. Oktober wurden in den neu gegründeten ostdeutschen Ländern die Landtage gewählt, am 2. Dezember fand die erste Bundestagswahl im nun wieder großen und einzigen Deutschland statt – immerhin (auf Betreiben der PDS) mit zwei getrennten Wahlgebieten. Nun sollte wiederum Neues beginnen. Ich stellte mich für die PDS zur Wahl in den Sächsischen Landtag – nicht ohne Skepsis, doch auch voller Hoffnung. Sehr schnell waren wir 16 Abgeordneten der Linke Liste/PDS jedoch auf dem Boden der neuen Realität gelandet. Dem selbstständigen und selbstkritischen Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft war kaum noch Raum gegeben. Notgedrungen begann eine Zeit des sich Behauptens. Wiederum waren Technokraten der Macht am Werk, immerhin mit einer Mehrheit bei Wahlen legitimiert und nicht nur durch die selbst erteilte historische Mission. Die Verhältnisse waren demokratische. Eine historische Mission verfolgten die neuen Mächtigen allerdings auch und gar nicht zimperlich. Von der Vergangenheit sollte nichts übrig bleiben; „Abwicklung“ war das Zauberwort. Anderes, Schlimmeres dräute jedoch am Horizont.

Wir standen vor 25 Jahren mit der deutschen Einheit vor rigorosen Veränderungen in Europa und der Welt. Dazu will ich weiter ausholen. Es war 1969 als die D-Mark gegenüber anderen Währungen deutlich aufgewertet wurde. Die deutsche Wirtschaft war der Welt wieder zu stark geworden. Die Bild-Zeitung reflektierte dies aber schon damals anders. Sie jubelte in einer Schlagzeile, jetzt ist Deutschland Nummer 1 in Europa. 24 Jahre nach dem 2. Weltkrieg war freilich noch der Wunsch Vater des Gedankens und die Erinnerung an diesen Krieg bremste die Euphorie. Heute, 25 Jahre nach der deutschen Einheit, ist dieser Wunsch wieder zu bedrückender Wirklichkeit geworden und kaum wer kann dieses Deutschland noch bremsen. Die Systemkonfrontation nach dem 2. Weltkrieg hatte in gewisser Weise Geschichte zum Stillstand gebracht – jedenfalls in und zwischen der damals so genannten Ersten (kapitalistischen) und Zweiten (sozialistischen) Welt. Es war eine Chance für die Dritte Welt. Kolonial unterdrückte Völker konnten zumindest formal ihre politische Unabhängigkeit erreichen. Die Konflikte der Welt verlagerten sich aber auch in diese Regionen. Nach 45 Jahren und dem Ende des „real existierenden Sozialismus“ explodierte Geschichte. Kein Wunder! – Kein Wunder?

Sicher waren die Pulverfässer ungelöster Konflikte übervoll. Die Lunten mussten aber erst gelegt werden. Das einige Deutschland war von Anfang an führend dabei. Der Beginn der Zerstörung Jugoslawiens – der Führungskraft einer blockfreien Welt – war durch die vorzeitige Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens durch Deutschland ausgelöst. Es zeigte sich sehr bald: Kriege sind wieder möglich! Und sie wurden immer mehr. Reich beschießt von seinen Zitadellen Arm. Der gesamte Mittelmeerraum wurde Objekt westlicher Begierde. Der vorletzte Botschafter Syriens in der Bundesrepublik Deutschland (er hatte in der DDR studiert und promoviert) wurde während seiner Amtszeit in allen bedeutsamen Gremien von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft herumgereicht und schließlich 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz nach Hause verabschiedet. Sein Nachfolger wurde bald danach aus dem Land gejagt. Man fürchtet heute den Konflikt mit Russland nicht. Handschlag-Versprechungen von 1990 gelten nicht mehr. „Jähe Wendungen“ in der Politik – einst von Erich Honecker als Warnung bemüht – sind wieder möglich. Deutsche Technokratinnen und Technokraten der Politik haben das Sagen. Sie heißen jetzt Thomas de Maiziere, sie heißen Wolfgang Schäuble, sie heißen Ursula von der Leyen …

Wir haben jedoch eine Freiheit, die wir so in der DDR nicht kannten, die uns aber wenig nützt, obwohl wir sie weidlich nutzten und nutzen. Unter ihrem Schutz halten wir kecke Reden, protestieren und demonstrieren, versammeln uns, gründen Vereine und Initiativen, geben Zeitungen heraus. Gut so! – Gut so? In gewisser Weise erweist sich diese Freiheit politisch noch verhängnisvoller als die Abwicklungen. In der DDR wurde alles auch nur im Keim Kritische oder gar Oppositionelle ernst genommen, krankhaft und deshalb verhängnisvoll „ernst“ genommen, weshalb man auch idiotisch und für die Betroffenen oft in tragischer, unentschuldbarer Weise reagierte. Wer mehr darüber wissen will, lese zum Beispiel das jüngst erschienene Buch von Gunnar Decker, 1965 Der kurze Sommer der DDR (Carl Hanser Verlag München). Hoffnungsvoll Begonnenes wurde so ruiniert. An der Berliner Mauer verendete schließlich auch die deutsche Aufklärung, selbst wenn es noch den einen oder anderen vernünftigen Grund zu ihrer Errichtung gegeben haben sollte. Die neue Freiheit aber nimmt jeglicher linker Kritik an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, ob in den Parlamenten oder außerhalb, tendenziell ihre Wirkung. Frei heraus Gesprochenes zerfasert so meist in den Labyrinthen des eben auch noch Gesagten. Monolithisch zusammenwirkende Eliten des mainstreams in Wirtschaft, Politik und Medien wollen Widersprüche nicht austragen, wohl aber Widerspruch und Widerstand zerstören, indem sie ihn einem Pluralismus der Belanglosigkeiten aussetzen. Der „Chor“ kann die Tragödie nicht wirklich verhindern – Es sei denn, er tritt aus der Versenkung und erobert sich mit seinem Text, unter seiner Regie die Bühne des Agierens!