Griechenlandkrise: Kapitalismus und Krimi

von Volkmar Wölk

„Bei einem Treffen, das ich mit Herrn Schäuble hatte, sagte er mir, ich hätte das Vertrauen der deutschen Regierung verloren. Und ich sagte ihm: Ich hatte es nie, ich bin Mitglied einer Regierung der radikalen Linken“. Für ihn, Yanis Varoufakis, sei etwas anderes wichtiger: „Aber ich habe das Vertrauen des griechischen Volkes“. Die Tage von Yanis Varoufakis als Finanzminister sind Vergangenheit. Die Hoffnungen, die – erwartungsgemäß vergeblich – die deutsche und die europäische Linke in Syriza gesetzt hatten, diese möge die Geschichte von David und Goliath wiederholen und dem Neoliberalismus mit der Troika die Speerspitze abbrechen, sind zerstoben. Es bestätigte sich stattdessen wieder einmal die alte Binsenweisheit, dass eine linke Regierung nur dann linke Politik macht, wenn es starken außerparlamentarischen Druck von links gibt.

Was geblieben ist, ist die Erinnerung, dass eine marxistische Wirtschaftswissenschaft notwendig ist, die sich nicht auf ein keynesianisches Minimum beschränkt, und dass zur Kritik des Neoliberalismus eine marxistische Staatskritik unverzichtbar ist.

In seinem „Bescheidenen Vorschlag zur Lösung der Eurokrise“ wiederholt Varoufakis für die deutschen Leser, dass die angeblich beabsichtigte Rettung Griechenlands in Wirklichkeit von Anfang an eine Bankenrettung durch die europäischen Steuerzahler war. Erst dadurch sei die Krise auf Portugal und Irland, danach auf Italien und Spanien übergeschwappt. „Der vielleicht deprimierendste Aspekt des unsinnigen Umgangs mit der unvermeidlichen Eurokrise war das Beharren, der eingeschlagene politische Weg sei ‚alternativlos‘“, so Varoufakis.

Die Anklage fehlt bei Petros Markaris, dem wohl bekanntesten zeitgenössischen Autor Griechenlands. Die Diagnose dagegen ist identisch: „Griechenland kann weder eine gigantische Umweltkatastrophe verursachen noch die Eurozone in den Abgrund ziehen – es sei denn mit Hilfe von Irland, Portugal und vor allem Spanien“. Es handele sich bei Griechenland um einen Fall von Selbstzerstörung, der bereits vor Jahrzehnten seinen Anfang genommen habe. So seine Diagnose in dem Aufsatzband „Finstere Zeiten. Zur Krise in Griechenland“. Im einleitenden Beitrag schildert er das Erstaunen einer Journalistin über seine Absicht, drei Kriminalromane über die Krise und deren Folgen zu schreiben. Ob er denn tatsächlich glaube, dass die Krise so lange dauern werde?

Das Projekt einer Trilogie ist längst überholt. Markaris im Jahr 2012: „Entweder füge ich der Trilogie noch einen Epilog hinzu, der das Ende der Krise illustriert, oder ich mache aus der Trilogie eine Tetralogie. Es könnte aber auch sein, dass ich die erste Trilogie abschließe und mit einer neuen beginne“. Noch ist das Ende nicht absehbar, aber vier Bände der Krisen-Krimis liegen bereits vor. Und man muss keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen, um vom Erscheinen eines weiteren Bandes auszugehen.

Für alle, die den ermittelnden Kommissar Kostas Charitos bereits kennen, ist das eine gute Nachricht. Charitos, der seit Jahren vergeblich auf eine Beförderung wartet, der seinen uralten Fiat endlich gegen einen neuen Wagen eingetauscht hat und trotzdem mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, da das Benzin unerschwinglich geworden ist, findet seine Täter zwar regelmäßig, aber gerade in den Krisenkrimis wäre es ihm wohl lieber, er hätte seine Arbeit nicht so gut erledigt. Es sind dutzende von Geschichten, die am Rande der „eigentlichen“ Geschichte erzählt werden. Die vom Erstarken der faschistischen „Goldenen Morgenröte“ und ihren Sympathisanten in der Polizei. Die von der Obdachlosigkeit auch alter Menschen und den Versuchen zur Selbsthilfe. Die von der Perspektivlosigkeit gut ausgebildeter jungen Menschen. Die von der Angst und dem Elend der Geflüchteten. Die vom desillusionierten, aber ungebrochenen Kommunisten, dem nun auch noch seine Verfolgtenrente gestrichen wird. Die von den angeblichen „Sozialisten“, die genauso korrupt und verkommen sind wie die Konservativen.

Und natürlich immer wieder auch die Geschichte von den Deutschen und ihrer Rolle bei der Krise. Nein: nicht nur bei der Krise. Natürlich auch ihrer Rolle in der Besatzungszeit durch die Nazis und die bis heute nicht geleistete Wiedergutmachung. Und, so Varoufakis als Gegenpol, die Geschichte von Deutschland als „Land, das den griechischen Demokraten zuverlässig zur Seite stand“, das mit der „Deutschen Welle“ Beistand gegen die „erdrückende staatliche Propaganda“ lieferte. Die Geschichten von Markaris und Varoufakis, sie überschneiden sich.

Yanis Varoufakis: Time for change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre. München: Hanser, 2015, 179 S., 17,90 €.

Yanis Varoufakis: Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise.
München: Kunstmann, 2015, 63 S., 5,- €.

Petros Markaris: Finstere Zeiten. Zur Krise in Griechenland
Zürich: Diogenes, 2012, 175 S., 9,90 €.