Ein Geschwätz von gestern?

von Peter Porsch

Niemand wird abstreiten, dass die Zahl der in Europa Zuflucht und Sicherheit suchenden Menschen sehr groß ist. Das kann nicht ohne Probleme abgehen. Auf diese wird sehr unterschiedlich reagiert. Zwischen dem „wir schaffen das“ und dem „Grenzen dicht“ oder dem „refugees welcome“ und dem „das Boot ist voll“ ist vieles möglich – Mutiges und Ängstliches, Gutes und Böses. Unter der Überschrift „Auf dem Weg nach rechts“ lese ich: „Die Bundesrepublik Deutschland driftet nach rechts ab. Nein, es sind nicht die in jeweils beherrschbaren Trupps vor Asylbewerberheimen ihren Frust mit Molotowcocktails und Steinen abreagierenden Jugendlichen, die – für sich betrachtet – eine solche Aussage stützen. Es ist die dahinter verborgene klammheimliche Zustimmung der ,braven‘ Bürger für den ungebändigten Ausbruch von Haß und Gewalt“: Die Situation ist brandgefährlich. In Oberösterreich wurde unlängst zum Landtag gewählt. Für 85 % war die Problematik „Flüchtlinge und Asyl“ das beherrschende Thema für die Wahl und gut 30 % trauten ihre einschlägigen Ängste der rechtspopulistischen und offen nationalistischen FPÖ an. Bei uns sucht die AfD auf der gleichen Welle ihr unseliges Glück.

„Wohnraum beschlagnahmt. Familie muß Asylanten aufnehmen“ oder „Asylanten jetzt auf Schulhöfe. Neue Welle! Und bis Weihnachten kommen noch 400 000“. Das waren Schlagzeilen von „BILD“. Der Verdacht, den Flüchtlingen ginge es zu gut, taucht immer wieder auf. „Warum bringt man diese Leute nicht gleich in einem 5-Sterne-Hotel unter oder baut ihnen einen Bungalow“, fragt eine Leserbriefschreiberin. Ein anderer meint, „Mein Gewissen gebietet es mir, zu dieser Asylpolitik nicht zu schweigen. Was antworte ich später, wenn meine Enkelkinder fragen, wie konntet ihr diese Asylpolitik zulassen und was habt ihr dagegen getan?“ Der Spiegel titelt: „Flüchtlinge Aussiedler Asylanten. Der Ansturm der Armen“. Genug der Zitate. Sie sprechen eine deutliche Sprache. Diese ist nicht zu überhören. Und die Worte werden oft zu „materieller Gewalt“.
Ach so, ich habe vergessen, die Herkunft der Zitate anzuzeigen. Das erste, mit der Warnung vor dem Abdriften der Bundesrepublik nach rechts, stammt von Roderich Reifenrath und war in der „Frankfurter Rundschau“ vom 7.9.1992 zu finden. Früh gewarnt und nichts bewirkt, möchte man jetzt sagen. Die beiden BILD-Schlagzeilen fanden sich in der zitierten Reihenfolge in den Ausgaben vom 8.9.1992 und vom 1.9.1992. Die Leserbriefe waren abgedruckt in „Neue Ruhr Zeitung“ vom 27.8.1992, und auch den Spiegel-Titel wird man bei Ausgaben dieser Tage vergebens suchen. Er ist vom 9.9.1991(!). Gefunden habe ich alles in: SchlagZeilen. DISS-Skripten Nr.5, Duisburg 1992.

Mag sein, es kam bei dieser oder jener ein Verdacht schon wegen der alten Schreibung von „muß“ oder „Haß“ auf. Außerdem, BILD? Die promoten doch, „Wir helfen!“. Nun, die Zitate sind Reaktionen auf Pogrome gegen Migrantenheime in Hoyerswerda, Rostock und anderswo. Sie klingen dennoch ziemlich aktuell. Und „BILD“ hat auch nicht immer geholfen. Erstaunlich dabei, dass schon dazumal die vorgeblich große Zahl von Flüchtlingen Angst machte. Im „vollen Boot“, so drohte man, würde zwangsläufig eine Verdrängung der „Alteingesessenen“ stattfinden. Die Armen der Welt wollen sich in einem „Ansturm“ in unserem Wohlstand einnisten. Nationalistisch genährte Egoismen feierten fröhliche Urständ. So viele waren es aber doch damals gar nicht, bemerke ich jetzt irritiert; im Vergleich zu heute eine fast zu vernachlässigende Anzahl. Die prognostizierten 400.000 waren in dieser Zeit nie und nimmer zu erwarten. Was steckt also wirklich hinter der Panikmache? Es ist sehr viel weniger die Angst vor der Zahl als die Ablehnung der Fremden, die Ablehnung des Fremden. Eine zumindest unterschwellig, aber auch offen angenommene Überlegenheit, die uns vermeintlich Wohlstand gebracht hat, wird gewalttätig ausgespielt. Es kommen welche, die nicht hierher passen, denen das „Unsere“ nicht zusteht. Das ist Rassismus – sagen wir es doch einfach laut und deutlich! Rassisten reicht schon der eine „Mohr“, der spazieren geht vor dem Tor.