„Diese Digitalisierungseuphorie finde ich richtig gefährlich“

2010 erschien erstmalig der Wegweiser Solidarische Ökonomie. Soeben kam die neue Auflage heraus. Die Autorin Elisabeth Voß nahm auch Teil am Kongress Solidarische Ökonomie, dem Solikon, der vom 10. bis 13. September in Berlin stattfand. Ihm war eine „Wandelwoche“ vorgeschaltet, in der konkrete Projekte in Berlin und Brandenburg besucht und vorgestellt wurden. Ralf Richter sprach für „Links!“ mit der Autorin.

Wer den Kongress besuchte, wurde mit einigen Publikationen beschenkt – unter anderem einer Sonderausgabe der taz mit einem offensichtlichen „Solök“-Roboter auf dem Titelbild. Wie findest Du das?

Ehrlich? Naja … Wenn ich nicht involviert gewesen wäre und die Leute, die den Kongress vorbereitet haben, nicht persönlich kennen würde, wäre ich bei diesem doch eher abschreckend wirkenden Titelbild kaum zum Solikon gekommen.

Weshalb?

Die Basis Solidarischer Ökonomie sind doch Menschen, die miteinander kommunizieren, diskutieren, streiten, Ideen austauschen. Ich habe immer noch einen Kopf und keinen Bildschirm auf meinem Hals. Dieser alberne Solibot-Roboter auf dem Titelbild drückt für mich das genaue Gegenteil aus von dem, was ich unter Solidarischer Ökonomie verstehe.

Aber ist die Digitalisierung denn nicht gerade en vogue?

Ja, es gibt einen regelrechten Digital-Hype, auch bei den Linken mit ihrem Sozialismus 2.0. Aber diese Digitalisierungseuphorie finde ich richtig gefährlich. In Solidarischen Ökonomien geht es ja um die Erfüllung der Bedürfnisse aller Menschen, nicht nur einiger weniger. Die Fixierung auf eine Technologie, die Jahr für Jahr Millionen Tote fordert, durch die Folgen von Extraktivismus, Vertreibung und durch die Kriege um Ressourcen, das halte ich für äußerst problematisch.

Wie definiert sich denn Solidarische Ökonomie?

Es gibt dafür keine feste Definition. Für mich drückt es der Slogan „people before profits“ aus, wobei auch darüber beim Solikon kritisch diskutiert wurde. Es geht um menschliche Bedürfnisbefriedigung durch das Herstellen nützlicher Dinge, nicht um Profite.

Wo liegen die Wurzeln des Begriffs?

Den Begriff Solidarische Ökonomie hat Louis Razeto aus Chile geprägt, in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Er hat untersucht, wie wirtschaftliche Selbsthilfe in Krisenzeiten funktioniert. Wir erleben das ja aktuell auch in Griechenland, wo Menschen aus der Not heraus zur Selbsthilfe greifen, die von sich aus keine Unternehmerinnen oder Unternehmer sind. Das ist das engere Verständnis von Solidarischer Ökonomie – wirtschaftliche Selbsthilfe und Kooperation statt Konkurrenz in genossenschaftlichen Unternehmungen. Wir hatten uns aber schon in der Vorbereitungsgruppe des Kongress „Wie wollen wir Wirtschaften? Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus“ 2006 in Berlin auf ein breiteres Verständnis geeinigt, das eine Wirtschaftsweise umfasst, die insgesamt der Erfüllung von Bedürfnissen dient und nicht dem Profit, und wo die globale Perspektive und soziale Kämpfe dazu gehören. Ich finde diese Sachverhalte eigentlich wichtiger als den Begriff – Worte sind ja heute beliebig verwendbar, sogar die NPD hat solidarisches Wirtschaften in ihrem Parteiprogramm. Ich denke es kommt eher darauf an, sich darüber zu verständigen, was wer ganz konkret meint, jenseits irgendwelcher Labels.

Im Marxismus wird die Grundfrage nach dem Besitz von Produktionsmitteln gestellt …

Ja, das ist wichtig, und es geht auch um die Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz. Besitz ist das, was Menschen nutzen, während Eigentum das ist, was verkauft werden kann – darüber gibt es oft Unklarheiten und auch unterschiedliche Auffassungen. Manche sagen, Besitz ist entscheidend, Hauptsache die Nutzenden kooperieren und das Eigentum ist egal, während ich behaupte, dass Eigentum überhaupt nicht egal ist, sondern im Gegenteil das Zentrale, die Basis darstellt.

Stichwort Sharing Economy …

Hier gibt es ganz bedenkliche Entwicklungen. Unternehmen und Konzerne betreiben immer mehr Internetplattformen und generieren Profite oder verdienen am Datenhandel. Bei dem ganzen Sharing-Hype fehlt mir oft der kritische Blick auf die Frage nach dem Eigentum, und danach, wer eigentlich mit wem teilt oder was das ist, das da geteilt wird. Und dann geht es ja auch um Überwachung und Datensammeln durch Konzerne.

Warum ist die Solidarische Ökonomie so ein Nischenthema?

Vielleicht fehlt manchmal der größere Blick, die gesellschaftliche Perspektive. Ich würde es zum Beispiel heute als Fehler der westdeutschen Alternativen bezeichnen, dass wir früher den Staat abgelehnt und uns auf Nischen konzentriert haben. Wir haben zentrale Strukturen abgelehnt und den Staat praktisch „den anderen“ überlassen. Heute stellt sich für mich die Frage: Wem gehört der Staat?

Es gibt ja die großen Themen wie Energie und Wasser. Gerade bei alternativen Energien gibt es viele aktive Genossenschaften – sollte alles in genossenschaftliche Hand kommen?

Nein, nicht alles. Für die Energiewende und die Energieproduktion spielen Genossenschaften sicher eine wichtige Rolle. Aber in einer Großstadt sollten die Stromnetze von öffentlichen Unternehmen betrieben werden, so wie wir vom Energietisch das fordern. In Berlin bewirbt sich zum Beispiel eine Genossenschaft um die Konzession für die Stromnetze. Ich halte das für eine Privatisierung. In einer Genossenschaft entscheiden diejenigen, die Genossenschaftsanteile haben. Wer sich das aber nicht leisten kann oder will, hätte dann kein Stimmrecht. So gut und wichtig wie Genossenschaften in anderen Bereichen sind, so gibt es auch Grenzen. Bei den öffentlichen Unternehmen kommt es aber darauf an, dass sie demokratisch gesteuert und kontrolliert werden.

Beim Kongress hatte man das Gefühl, von der Themenbreite schier erschlagen zu werden. Es war einerseits schön, so viele Ansätze zu sehen, andererseits suchte man doch nach dem roten Faden, oder?

Ja, ich hatte auch den Eindruck, dass zu viele Ziele gleichzeitig erreicht werden sollten. Vielleicht hat die Fokussierung gefehlt, bei vielen Themen wurde nur an der Oberfläche gekratzt. Was ich ganz hervorragend fand, war die Wandelwoche mit den vielen tollen Projektbesuchen, wo an ganz konkreten Beispielen gezeigt wurde, wie denn zum Beispiel Solidarische Landwirtschaft funktioniert. Das stellte gleichzeitig aber wiederum nur ein kleines Tortenstück aus dem großen Bereich Solidarische Ökonomie dar.

Was ist für Dich am Wichtigsten auf dem Kongress gewesen?

Ganz schön fand ich die freundliche Stimmung, die ganz stark von den tollen jungen
Leuten im Orga-Team geprägt war. Und ich freue mich immer, wenn sich Leute die Arbeit machen, einen Rahmen zu organisieren, wo viele verschiedene Menschen zusammen kommen, gemeinsam diskutieren, sich gegenseitig inspirieren und dann vielleicht auch gemeinsame Projekte machen.

Welche Entwicklung hat sich über die Jahre vollzogen? In Sachsen sieht man in jüngster Zeit ein zaghaftes Aufblühen der Repaircafe-Bewegung zum Beispiel …

In Berlin gibt es schon mehr als zehn Repaircafes, das ist eine Bewegung aus dem Do-it-yourself-Bereich, die aus den Niederlanden zu uns kommt, seit ein paar Jahren. Was mir auffällt, ist, dass es früher in den Kollektivbetrieben oder selbstverwalteten Projekten um verbindliche Zusammenarbeit für den Lebensunterhalt ging. Heute gibt es eher Teilzeitkollektive oder Freizeitprojekte, wo die Leute vielleicht ein paar Stunden pro Woche arbeiten, oft ehrenamtlich oder für ein kleines Entgelt. Wer sich hier bewegt, ist mobil, flexibel, jung, meist weiß und oft männlich, aber es gibt auch – erfreulicherweise – immer mehr Frauen zum Beispiel, die hier aktiv sind.

Zum Abschluss: Leserinnen oder Leser fühlen sich vielleicht durch unser Gespräch hier angesprochen, aus der kapitalistischen Ökonomie auszubrechen und vielleicht sich in der alternativen Ökonomie zu versuchen. Was empfiehlst Du denen?

Das kommt darauf an, was wer gerne machen möchte. Auch wenn das jetzt nach doofer Eigenwerbung klingt: Ich empfehle meinen „Wegweiser Solidarische Ökonomie“. Dort habe ich nicht nur versucht, zahlreiche Beispiele vorzustellen, sondern auch gelegentlich den Finger in die Wunde gelegt, um vor Fallstricken zu warnen. Gegenüber der letzten Ausgabe ist der Wegweiser jetzt mehr als doppelt so dick geworden.