„Burgkrieg, nicht Burgfrieden!“

von Dr. Volker Külow

Niemand schöpfte in Bern Verdacht, als am 5. September 1915 in der sonntäglichen Morgenruhe früh um zehn Uhr gut drei Dutzend internationale Vogelfreunde in vier Pferdefuhrwerken in das zwölf Kilometer entfernte Bauerndorf Zimmerwald aufbrachen. Nach zwei Stunden Fahrt durch eine idyllische Landschaft erreichte die bunte Truppe, in der sich nur wenige Frauen befanden, den malerisch gelegenen Ort und quartierte sich für die nächsten vier Tage im Hotel „Beau Séjour“ (Schöner Aufenthalt) und der benachbarten Pension Schenk ein. Weder der Landjäger Meier, der dem Wirt Anton Eberle lediglich wegen „Überwirtens und unerlaubtem Tolerieren von Tanz“ eine Strafe aufbrummte, noch ein anderer Dörfler ahnte, dass sich hinter den fröhlich zechenden Ornithologen eine Versammlung der bekanntesten sozialistischen Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner Europas verbarg. Das Verdienst der klandestinen Vorbereitung und Durchführung der Zimmerwalder Konferenz – wie sie kurz danach benannt wurde – kam dem Sozialdemokraten Robert Grimm zu, der als Redakteur der Berner Tagwacht und Nationalrat zu den profiliertesten Köpfen im politischen Leben der Schweiz zählte.

An der Konferenz nahmen insgesamt 38 Marxistinnen und Marxisten teil, die offizielle Delegationen der sozialistischen Parteien aus Bulgarien, den Niederlanden, Lettland, Norwegen, Polen, Schweden, Rumänien und Russland repräsentierten. Ohne Mandat waren Vertreter oppositioneller Gruppen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz erschienen. Zu den namhaften Delegierten zählten aus Russland Pawel Axelrod, Lenin, Julius Martow, Grigori Sinowjew und Leo Trotzki. Aus dem Deutschen Reich kamen zehn Teilnehmer – darunter Julian Borchardt, Georg Ledebour, Ernst Meyer, Willi Münzenberg und Bertha Thalheimer – die stärkste Gruppe. Die polnischen Sozialisten hatten Karl Radek geschickt; Angelika Balabanowa und Giacinto Serrati waren für die italienischen Arbeiterpartei erschienen, und die französischen Sozialisten hatten Albert Bourderon und Alphonse Merrheim entsandt. Zu den wenigen Frauen zählte Henriette Roland Holst, die aus den Niederlanden angereist war.

Die Konferenzteilnehmer standen vor einer schwierigen Situation. Seit über einem Jahr tobte in Europa der Erste Weltkrieg, der schon unzählige Opfer gefordert hatte und bis 1918 rund 17 Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Das bestialische Schlachten war nur möglich geworden, weil nahezu alle in der II. Internationale organisierten Arbeiterparteien nach dem 4. August 1914 die früher gefassten Beschlüsse verrieten, zu ihren jeweiligen Regierungen übergelaufen waren und nunmehr aktiv an der sogenannten Vaterlandsverteidigung bzw. am „Burgfrieden“ mitwirkten. Der Schock über diesen Verrat saß tief bei allen linken Kriegsgegnern, denn noch bis kurz vor Beginn der Kämpfe hatte es machtvolle Demonstrationen in ganz Europa gegen das drohende Gemetzel gegeben.

In den ersten Wochen nach der Entfesselung des Krieges herrschten zunächst Ratlosigkeit, Resignation und Wut in den oppositionellen Strömungen der einzelnen Arbeiterparteien. Die schon vor Kriegsbeginn vorhandene Ausdifferenzierung der Parteien in eine rechte und eine linke Strömung sowie ein „Zentrum“ vertiefte sich rasch und spürbar. Unter den jetzt herrschenden Kriegsbedingungen rückte die Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Sozialchauvinismus und Sozialpatriotismus in der Arbeiterbewegung für Lenin und seine Kampfgefährten in den Mittelpunkt der politischen Arbeit. Das schloss die konsequente Auseinandersetzung insbesondere mit den Wortführern der Vaterlandsverteidigung sowie den international renommiertesten marxistischen Theoretikern Karl Kautsky und Georgi Plechanow ein, die noch immer über großen Einfluss in der weltweiten Arbeiterbewegung verfügten und Illusionen darüber verbreiteten, wie die II. Internationale nach dem Krieg ihre Arbeit angeblich unverändert fortsetzen würde.

Im ersten Halbjahr 1915 spitzten sich die Auseinandersetzungen deutlich zu, nicht zuletzt weil Karl Liebknechts „Nein“ zu den Kriegskrediten am 2. Dezember 1914 europaweit Resonanz erhielt. Einerseits entstanden nun immer mehr oppositionelle Gruppierungen in den einzelnen Arbeiterparteien. Andererseits versuchten die sozialpatriotischen Führer der II. Internationale, aktions- und mehrheitsfähig zu bleiben. Vor diesem Hintergrund wurde es für die linken Kriegsgegner in der internationalen Arbeiterbewegung immer wichtiger, sich zu verständigen und zu vernetzen. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde aber ein Hauptproblem der künftigen Zimmerwalder Bewegung deutlich, an dem sich später die Geister scheiden sollten: Spaltung oder Wiederbelebung der II. Internationale.

In mehreren Vorbesprechungen im Juli und August wurde angesichts dieser zentralen Fragestellung sowohl um die Einladungsliste als auch die Tagesordnung der bevorstehenden Konferenz hart gerungen. Nach langwierigen Vorbereitungen begann am 5. September um 16 Uhr im Hotel „Beau Séjour“ endlich die Konferenz, die Grimm mit einem Paukenschlag eröffnete. Unter großem Beifall verlas er eine am 2. September hastig im Zug geschriebene Grußadresse von Karl Liebknecht, der zu diesem Zeitpunkt als Soldat dienen musste und daher nicht anreisen konnte. In dem von dessen Ehefrau Sophie überbrachten Brief benannte er die beiden Hauptaufgaben der Konferenz aus seiner Sicht: „Abrechnung, unerbittliche Abrechnung mit den Fahnenflüchtigen und Überläufern der Internationale in Deutschland, England, Frankreich und anderwärts. Gegenseitige Verständigung, Ermutigung, Anfeuerung der Fahnentreuen, die entschlossen sind, keinen Fussbreit vor dem internationalen Imperialismus zu weichen, mögen sie auch als Opfer fallen.“ Dann folgte die berühmte Aufforderung: „Burgkrieg, nicht Burgfrieden!“ Zum Schluss seines Briefes benannte Liebknecht das Credo der künftigen Zimmerwalder Linken: „Die neue Internationale wird erstehen auf den Trümmern der alten; nur auf den Trümmern der alten kann sie erstehen, auf neuen, festeren Fundamenten. Ihr, Freunde, Sozialisten aus allen Ländern, habt den Grundstein heute für die Zukunft zu legen. Haltet unversöhnlich Gericht über die falschen Sozialisten!“ Lenin war über den Brief derart begeistert, dass er ihn zunächst an sich nahm und auszugsweise abschrieb. Nach dieser Abschrift wurde Liebknechts Schreiben 1930 erstmals veröffentlicht, mit Lenins Unterstreichungen im Fettdruck.

Laut Protokoll meldete Lenin sich in Zimmerwald nur fünfmal und jeweils nur erstaunlich kurz zu Wort. Zum Ende der Konferenz schälten sich entsprechend der drei Strömungen in der Teilnehmerschaft auch drei verschiedene Manifestentwürfe heraus. Der eine stammte von Ledebour, der andere von Trotzki und Henriette Roland Holst und der dritte schließlich von Lenin und Radek, der mit dem programmatischen Satz „Der gegenwärtige Krieg ist durch den Imperialismus erzeugt“ begann und ein klares Bekenntnis zum Basler Manifest von 1912 enthielt. Die Debatte um die drei Vorschläge für ein Abschlussdokument verlief sehr heftig. Grimm brachte die Auffassung der Konferenzmehrheit, die vor einem Bruch mit der II. Internationale zurückschreckte, verklausuliert auf den Punkt: „Wollen wir ein Manifest bloß an die Parteigenossen oder an die breiten Massen der Arbeiter?“ Ähnlich argumentierten dann auch Ledebour und andere Konferenzteilnehmer, worauf Lenin erwiderte: „Grimm irrt sich, wenn er sagt, unsere Resolution und unser Manifest richten sich nicht an die Massen.“

Nur mit Mühe gelang es, sich am Ende auf eine gemeinsame Proklamation an die „Proletarier Europas“ zu einigen, deren Endredaktion in den Händen von Grimm und Trotzki lag. Vorbedingung war, dass eine von Lenin, Sinowjew, Radek und drei weiteren Genossen unterzeichnete Erklärung ins Protokoll aufgenommen wurde, die das Manifest als „nicht vollständig“ kritisierten, weil es „keine Charakteristik des offenen wie mit radikalen Phrasen zugedeckten Opportunismus (…) und keine klare Charakteristik der Hauptkampfesmittel gegen den Krieg“? enthielt. Ungeachtet dieser Kritik von Lenin, der ein halbes Dutzend Anhänger hinter sich wusste, war das „Zimmerwalder Manifest“ ein wegweisendes Friedenssignal der revolutionären Arbeiterbewegung und zugleich der erste und entscheidende Schritt auf dem noch langen und schweren Weg zur Herausbildung einer neuen Internationale.

Die Abspaltung von den opportunistisch versumpften Parteien der II. Internationale verlief allerdings wesentlich komplizierter und widersprüchlicher als zunächst gedacht. An der Entwicklung in Deutschland wurde das besonders deutlich. Eine organisatorische Selbständigkeit des deutschen Kommunismus setzte die Spaltung der SPD, die Abtrennung der kriegsgegnerischen USPD voraus, die aber erst im April 1917 erfolgen sollte. Es dauerte dann noch, bis durch die katalysierende Wirkung der Oktoberrevolution 1917 in Russland und den politischen Zusammenbruch vieler Herrschaftsstrukturen im Herbst 1918 die Voraussetzungen für die Gründung der Kommunistischen Internationale im März 1919 in Moskau geschaffen wurden.

Das Dörfchen Zimmerwald fremdelte lange mit seiner weltgeschichtlichen Rolle im Ersten Weltkrieg, auch wenn es auf jedem politischen Atlas zu finden war. Erst nach der Epochenwende veränderte sich auch hier die Welt. 1990 wurde von Freizeitkickern um den Lehrer Caspar Bieler der „FC Lenin“ gegründet. 1996 hob Bieler mit Freunden die Jazzband „Hot Lenin“ aus der Taufe. Im gleichen Jahr fand der Festumzug zum 700. Jahrestag der urkundlichen Ersterwähnung des Dorfes statt – mit dabei ein Glatzkopf, der dem berühmtesten Teilnehmer der Zimmerwalder Konferenz verblüffend ähnlich sah. Und der Dorfladen verkaufte, wenn man danach fragte, Ansichtskarten, die Lenin samt der Pension „Beau Séjour“ zeigten. So brachte der Kommunist fürs Dorf sogar einen kleinen marktwirtschaftlichen Nutzen. Zum 100. Jahrestag gibt es im Regionalmuseum Schwarzwasser bis zum 22. November die Ausstellung „Grimm und Lenin in Zimmerwald“. Und last but not least erschien vor einigen Wochen ein von Bernard Degen und Julia Richers herausgegebenes Buch mit dem Titel „Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe“ erschienen, dem eine große Leserschaft zu wünschen ist.