Bulat Okudshawa – politischer Sänger und Poet des Arbat

von Jens-Paul Wollenberg

Unweit vom Zentrum Moskaus gelegen befindet sich der Stadtteil Arbat, benannt nach dessen Hauptstraße. Er galt als das Wahrzeichen der Moskauer Intelligenz und war Mittelpunkt der sowjetischen Kunstszene. Zahlreiche Dichter, Musiker und darstellende Künstler fanden in seiner Atmosphäre ihr Domizil.

In diesem Milieu wurde Bulat Okudshawa am 9. Mai 1924 geboren und verbrachte dort auch seine Jugend. Sein Vater stammte aus Georgien, seine Mutter war Armenierin, und beide waren hoch motivierte Mitglieder der KPdSU, bis sie 1937 Stalins Repression zum Opfer fielen. Der Vater wurde als „deutscher Agent“ hingerichtet, die Mutter in ein Arbeitslager deportiert. Der junge Bulat wurde von seiner in Moskau lebenden Großmutter aufgenommen und hatte es als Kind sogenannter „Volksverräter“ nicht gerade leicht.
1942 ging er im Alter von siebzehn Jahren freiwillig zur Armee und an die Front. Nach einer Verwundung, Genesung und Entlassung zog er zu seiner Tante, die in Tbilissi wohnte. Dort besuchte er die Universität und studierte Philosophie. Nach dem Abschluss zog er nach Kaluga, wo er als Lehrer und später als Journalist Arbeit bekam. Nach Stalins Tod wurden seine Eltern rehabilitiert und er durfte nach Moskau zurückkehren.

1956 wurde er Redakteur beim Literaturjournal „Literaturnaja Gazeta“ und Mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Als freiberuflicher Dichter beschäftigte er sich zunächst mit Prosa und Film- bzw. Theaterszenarien, bevor er sich dem Romanschreiben widmete. Zur selben Zeit entstanden erste Gedichte, die er selbst vertonte und mit Gitarrenbegleitung, meist in privater Atmosphäre vor Freunden und Bekannten, vortrug. Offizielle Auftritte blieben ihm aufgrund seiner nicht angepassten, zum Teil pazifistischen Inhalte verwehrt.

Verbreitet wurden seine Lieder durch live mitgeschnittene Tonbandaufnahmen, die als (oft unbeschriftete) Musikkassetten von einem Recorder zum anderen überspielt wurden. Die meist minderwertige Tonqualität bei der Wiedergabe bewirkte einen wahren Kultstatus der Aufnahmen, da diese durch ihre ungeschliffene Authentizität in der gesamten Sowjetunion geschätzt wurden. Der Begriff „Tonbandliteratur“ war geboren.
In diesem Zusammenhang wird man an den russischen Liedermacher und Schauspieler Wladimir Wyssozki erinnert, der sich ebenso dieser Strategie bediente und mit seinen Songs, die sehr kraftvoll klangen und derb daherkamen, ein Millionenpublikum erreichte – das sich mit seinen Texten identifizieren konnte.
Doch im Vergleich zu Wyssozki, der in seinen Liedern in die Rolle von Stahlarbeitern, Soldaten, Gangstern, Raufbolden und Verlierern der Gesellschaft schlüpfte, blieb Okudshawa in poetischer Form und melancholischer Lyrik viel mehr bei sich selbst. Er war der stille, jedoch anarchistische Poet und Sänger, der Chansonnier, der es verstand, Spannung durch Minimalismus zu erzeugen. Das erinnert an westeuropäische Kollegen wie George Brassens, Moustaki oder den Holländer Herman van Veen, um nur einige zu nennen.
Musikalisch orientierte sich Okudshawa an alten russischen Romanzen, die einst von Dichtern vorgetragen wurden, und selbstverständlich spielte auch Volksmusik aus Georgien eine wichtige Rolle in der Umsetzung seiner Texte – zumal gerade dieser Region eine nicht zu unterschätzende Gesangstradition zuzuschreiben ist, die auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken kann. Die „Grande Dame“ des georgischen Chansons, Manana Menabde, die übrigens ein Jahrzehnt lang in Deutschland lebte, seine persönliche Bekanntschaft machte, mit ihm eine Bühne teilte, deren Hand einst Jacques Brel küsste, bezeichnete ihren Meister einst als „Russischen Villon mit georgischer Seele“. Und selbst in Polen, das sich getrost als Wiege des europäischen Chansons loben kann, fand Okudschawa als russischsingender Interpret große Beachtung. In Deutschland wurde Wolf Biermann auf ihn aufmerksam und auch der junge, in Leipzig lebende Sänger Peter Wasiljewsky sang seine Lieder in deutscher Übersetzung: „Ach, die erste Liebe macht das Herz mächtig schwach …“

Ende der siebziger Jahre tauchten Okudschawas Lieder auch in Filmen auf. Er entwarf zahlreiche Manuskripte für Theaterstücke und Filmprojekte, schrieb mehrere Romane, etwas zweihundert Songs und fast tausend Gedichte. 1991 wurde ihm der Staatspreis der UdSSR überreicht, und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion holte ihn Präsident Boris Jelzin in die sogenannte „Begnadigungskommission“, der er bis zu seinem Tod 1997 angehörte.

Sein Herz versagte während einer Tour in Paris. Seine Lieder leben jedoch weiter!