Vom Kalten Krieger zum pragmatischen Visionär

Dietmar Bartsch erinnert an Egon Bahr

Das erste Mal traf ich Egon Bahr in der „Wendezeit“ 1989/90. Am Rande eines Moskau-Aufenthaltes besuchte er Aspiranten aus der DDR an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften. Wir begegneten dem SPD-Politiker freundlich und zurückhaltend. Einerseits imponierte uns seine Aufgeschlossenheit gegenüber Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika, in die auch wir große Hoffnungen setzten. Andererseits steckte immer noch ein Stück jener Propaganda in uns, die den Kurs des „Wandels durch Annäherung“ als „Aggression auf Filzlatschen“ brandmarkte.

Unsere Zukunft war wie die der meisten DDR-Bürger völlig offen, und in Berlin hatte keiner den Nerv, sich um ein paar Versprengte in der Sowjetunion zu kümmern. Egon Bahr jedoch kam und versprach sich dafür einzusetzen, dass wir unsere Aspiranturen bei der Friedrich-Ebert-Stiftung erfolgreich abschließen könnten. Für mich war das damals ein ziemlich absurdes Angebot.

Egon Bahr war ein Mann des klaren Wortes. Dafür war seine journalistische Arbeit beim RIAS eine gute Schule. Markante Formulierungen blieben zeitlebens sein Markenzeichen, vom Kalten Krieger, als den er sich selbst charakterisierte, hat er sich später verabschiedet. Die eigene Fähigkeit zur Veränderung mag ihn darin bestärkt haben, verändertes Denken und neue Einsichten bei anderen befördern zu können. Jederzeit verband er gesellschaftspolitische Strategien mit dem Alltag. So war er Architekt der auf Jahrzehnte angelegten neuen Ostpolitik und zugleich Brückenbauer, der Verbesserungen für die Menschen hier und heute auf den Weg brachte. Die „Passierscheinabkommen“, die es Westberlinern nach dem Mauerbau ermöglichten, Verwandte im Ostteil der Stadt zu besuchen, waren Bahrs Idee.

Egon Bahr war der Mann im Hintergrund, der sich nicht zurückgehalten hat. Gelegentlich übte er hohe Ämter aus. Vor allem aber war er Vordenker und Verhandler, Berater und Bevollmächtigter, Dulder und Drängler – natürlich an der Seite Willy Brandts, aber auch in den Jahren danach, bis hinein in unsere Tage. Bahr suchte nicht das Scheinwerferlicht, er strahlte durch seinen wachen Geist. Mit seinen scharfen Analysen und weitsichtigen Konzeptionen forderte der Freund und Feind heraus und scheute die Polarisierung nicht. Der Politiker und Diplomat Egon Bahr konnte, wenn es erforderlich erschien, durchaus den Mund halten. Anderen zum Munde reden konnte er nicht. Auch deshalb war er manchen der Mächtigen im Osten suspekt, im Westen „tricky Egon“ für die eher Gutwilligen und „Vaterlandsverräter“ für die Hardliner. Seine eigene Meinung ließ er sich nicht nehmen. Das KPD-Verbot etwa hielt Bahr für einen kapitalen Fehler und er scheute sich nie, sich mit Leuten von der PDS oder der LINKEN an einen Tisch zu setzen. Auf unsere Einladung hin haben wir in den neunziger Jahren über „Linke und Nation“ debattiert, und wiederholt saßen wir bei öffentlichen Diskussionen zusammen – oder gegenüber.
Egon Bahr war Friedensforscher und Sicherheitspolitiker. Er war es mit Leidenschaft und mit kühlem Verstand. Zehn Jahre lang stand er in Hamburg einem Institut vor, das sich diesen Themen widmete. Abrüstung und Entspannung waren für Egon Bahr das Nonplusultra verantwortungsvoller und zukunftsfähiger Politik. In vernünftigen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der Sowjetunion und Polen sowie zwischen beiden deutschen Staaten sah er ebenso Schlüssel dafür wie in einem stabilen europäischen Sicherheitssystem. Für Gewaltfreiheit hat er buchstäblich bis zur letzten Minute gekämpft. Im Juli dieses Jahres beriet er mit Michail Gorbatschow in Moskau darüber, wie der Konflikt um die Ukraine ohne rhetorische und militärische Drohungen beigelegt, vor allem der Krieg beendet und eine Wiederannäherung zwischen Deutschland und Russland erreicht werden können.

Das letzte Mal bin ich Egon Bahr im Oktober vergangenen Jahres begegnet. Wir waren zusammen mit Daniela Dahn, Ingo Schulze und Wolfgang Bittner Teilnehmer einer Podiumsdiskussion, deren Thema und Ort typisch wie symbolträchtig für den großen Politiker Egon Bahr waren: Unter dem Motto „Der Ukraine-Konflikt – ein Krieg der öffentlichen Meinung?“ diskutierten wir in der Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha. Sodann steht für ein Herangehen, das aus dem Gestern und Heute den Bogen in die Zukunft schlägt. „Ich lasse mir meine Vergangenheit nicht nehmen“, sagt er, der die zwischen 1945 und 1989 in der DDR erschienenen Bücher sammelt. Und der sich heute um der Zukunft willen einmischt.

Egon Bahr, der 93 Jahre alt wurde, hat sich zeitlebens eingemischt. Gehört wurde er wohl auch deshalb, weil ihn nie Humor und Genussfähigkeit verließen und er stets ein unverbesserlicher Optimist blieb. Ein Linker eben. Respekt, Genosse Egon Bahr! Ruhe in Frieden.