Vor 75 Jahren Ermordung Trotzkis

von Dr. Florian Wilde

Am 20. August 1940 zertrümmerte ein durch einen vom sowjetischen Geheimdienst angeheuerten Mörder geschwungener Eispickel den Schädel Leo Trotzkis und damit einen der brillantesten marxistischen Köpfe des 20. Jahrhunderts. So endete ein Leben, in dem sich wie in wenigen anderen die ganze Tragik des „Jahrhunderts der Katastrophen“ spiegelte.

Aus einer jüdischen Familie stammend, hatte er sich früh der marxistischen Untergrundbewegung im Zarenreich angeschlossen. Verhaftung, Verbannung nach Sibirien, Flucht und Exil prägten seine Jugend und sollten auch sein ganzes Leben prägen. Die meiste Zeit dieses Lebens führte Trotzki eine randständige Existenz, sowohl innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft als auch in der Arbeiterbewegung, an deren revolutionärem Rand er – oft ziemlich isoliert – stand. Es bedurfte großer, die ganze Gesellschaft erfassender revolutionärer Erhebungen, um jemanden wie ihn zeitweilig sogar in die Zentren der Macht zu katapultieren. Zum ersten Mal wiederfuhr dies dem brillanten Redner in der russischen Revolution 1905, als der gerade 28-Jährige zum Vorsitzenden des Arbeiterrates von St. Petersburg gewählt wurde. Nach der Niederschlagung der Revolution folgten wieder Verhaftung, Verbannung, Flucht und Exil. Trotzki blieb eine wichtige Figur der revolutionären Linken, auch wenn er sich weder den Menschewiki noch Lenins Bolschewiki anschließen mochte. Erst die Politik der Bolschewiki nach der Februarrevolution mit ihrer konsequenten Orientierung auf eine Machtübernahme mit sozialistischer Zielstellung ließ ihn 1917 in die Partei Lenins eintreten. Und wieder wählten die Delegierten des nun Petrograder Arbeiter- und Soldatenrates den eben nach Russland Zurückgekehrten zu ihrem Vorsitzenden. Als solcher spielte er eine Schlüsselrolle bei der politischen und militärischen Vorbereitung des Oktoberumsturzes und dann beim Aufbau des Sowjetstaates. Ohne selbst über eine militärische Ausbildung zu verfügen, übernahm er die Leitung der Roten Armee und organisierte die erfolgreiche Verteidigung Sowjetrusslands gegen die Konterrevolution und imperialistische Interventionsheere. In der Frühzeit der internationalen kommunistischen Bewegung wurde sein Name oft in einem Atemzug mit dem Lenins genannt. Beider Portraits hingen weltweit auf Kongressen nebeneinander. Doch mit Lenins Tod begann sein Abstieg. In den Kämpfen um die Nachfolge hatte Stalin mit seinem Zugriff auf den Parteiapparat von Anfang an die Oberhand. Trotzki stand Stalin nicht nur als Person, sondern auch politisch im Wege. Trotzkis Internationalismus war mit Stalins Projekt eines „Sozialismus in einem Lande“ unvereinbar, ebenso wie es sein Anti-Bürokratismus und sein Beharren auf der Wiederbelebung der Demokratie in Partei und Räten es mit dem Aufbau eines totalitären Staates waren. Bald wurde Trotzki erneut verbannt und schließlich in die Türkei ausgewiesen. Die Parteien der sich stalinisierenden Kommunistischen Internationale wurden von seinen Anhängern „gesäubert“. Trotzki war dazu verurteilt, weitgehend ohnmächtig den Aufstieg Hitlers zu beobachten. Seine Faschismus-Analysen gehören bis heute den klarsten, die die marxistische Faschismus-Forschung aufzuweisen hat. Doch fehlte ihm eine organisierte massenhafte Anhängerschaft, um den Weg Deutschlands in den Abgrund wirklich beeinflussen zu können. Diese sollte ihm auch die IV. Internationale nicht mehr verschaffen, die er 1938 ins Leben rief. Währenddessen hatte Stalin mit der systematischen Ermordung der Angehörigen und hunderttausender Anhänger Trotzkis in Russland, aber auch weltweit, begonnen. Von Stalin über den Erdball bis nach Mexiko getrieben, wurde 1940 schließlich die Stimme des scharfsinnigsten marxistischen Kritikers Stalins zum Schweigen gebracht. Seine Analysen des Stalinismus blieben allerdings unabgeschlossen und widersprüchlich, was zu unterschiedlichen Interpretationen und anschließenden Spaltungen seiner Anhänger beitrug. Jahrzehntelang wurde sein Erbe vor allem in trotzkistischen Kleinparteien, Zirkeln und Sekten bewahrt und häufig in dogmatisch-abschreckender Form präsentiert.

Dabei kann eine Linke des 21. Jahrhunderts viel von der Auseinandersetzung mit Trotzki lernen: Sei es über Transformationsstrategien für einen Übergang zum Sozialismus in unterentwickelten Ländern (Permanente Revolution), sei es über Strategien einer revolutionäre Realpolitik, um auch in nicht-revolutionären Zeiten Mehrheiten für kommunistische Politik zu Gewinnen (Einheitsfront). Sein Internationalismus und seine rätedemokratische Perspektive haben nichts an Aktualität eingebüßt. Die Fruchtbarmachung des Erbes Trotzkis für eine Linke des 21. Jahrhunderts sollte man nicht den Trotzkisten überlassen. Sie sollte Aufgabe der gesamten Linken sein.

Dr. Florian Wilde ist Mitglied im Sprecherrat der Historischen Kommission der LINKEN.