Revolutionen im Zeugenstand

Matthias Middell erörtert in der RLS Leipzig neue Positionen der Geschichtsforschung
von Wulf Skaun

„Tut mir leid, Jungs“, entschuldigt sich Karl Marx, „war halt nur so ?ne Idee von mir“. Ronald Beiers berühmte Karikatur galt dem Bruch mit dem Kommunismus. Hätte Marx heute auch seine Metapher, Revolutionen seien Lokomotiven der Geschichte, revidiert? Selbstredend, war sich die vierte Jour fixe-Runde der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Leipzig unlängst einig. Doch drängte es die 35 Beteiligten, von ihrem Gast Matthias Middell über das veraltete Bild hinaus aktuelle Positionen der neu aufgeflammten internationalen Forschungsdebatte rund um das Phänomen Revolution zu erfahren. Moderator Manfred Neuhaus hatte die Weichen schon auf Disput gestellt, indem er Walter Benjamin zitierte: „…aber vielleicht ist dem gänzlich anders, vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse?“
Der Direktor des Global and European Studies Institute der Universität Leipzig hütete sich, diese Gretchenfrage mit eigenem Topos zu beantworten. Er sei kein Revolutionstheoretiker, sondern nähere sich vergangenen sozialen Umbrüchen als „gelernter“ Historiker. Mithin auf den Spuren seiner akademischen Lehrer Walter Markov und Manfred Kossok, den Großen der vergleichenden Revolutionsgeschichte. In diesem Geist enthüllte er dem Auditorium, was Geschichtsforschung heute über Revolutionen denkt. Die zum Teil überraschenden (empirischen) Befunde, die in der anschließenden Diskussion zwölf Redner auf den Plan riefen, können hier nur thesenartig angerissen werden. So konstatierte Middell (immer an realen Beispielen), dass die Zeiten allgemein anerkannter Definitionen für Revolution, „wie wir sie kannten“, seit den 1990er Jahren vorbei seien. Das gelte selbst für 1789 (Middell hatte auf dem 21. Welthistorikerkongress 2010 in Amsterdam – Leitthema „Geschichte für eine Welt“ – eine „neue Lektüre“ der Französischen Revolution im Rahmen einer Globalgeschichte des 18. Jahrhunderts gefordert – d. A.). Der 1989 als „friedliche Revolution“ benannte gesellschaftliche Umbruch in der DDR habe es schon deshalb als Begriff schwer gehabt, in der Wissenschaft Fuß zu fassen, weil sich die Akteure selbst nicht als Revolutionäre verstehen wollten. In der politischen Erinnerungskultur erlebte der Begriff nach 2009 eine Renaissance, gerichtet gegen den unverbindlichen „Wende“-Terminus. Middell skizzierte auch das wechselhafte Interesse internationaler Forschung am Revolutionsthema. Auf dem XIV. Welthistorikerkongress 1975 in San Francisco habe es letztmalig ausdrücklich auf der Agenda gestanden. Die 22. Auflage dieses Forums in diesem Jahr in China werde sich aber wieder mit „Revolutionen in der Weltgeschichte“ befassen. Gleichzeitig mit dieser neuerlichen Aufmerksamkeit sei die Klarheit darüber, „was eine Revolution ist, den Bach runtergegangen“. Heute würden sehr unterschiedliche soziale Bewegungen schnell dafür ausgegeben.
Bei allen Kontroversen zeichneten sich jedoch einige konforme Sichten ab: Revolutionen schaffen neue Rechtsordnungen (Marx) und Raumgebilde innerhalb einer Gesellschaftsformation. Revolutionen sind weder vorhersag- oder herbeiführbar. Sie ereignen sich als Eruptionen, die in sozialen Imbalancen gründen. Aber, wie bereits von Kossok angedacht, nie in einem Land allein, sondern „in Bündeln“, in globalen Zyklen. Nach Middell bedeuteten diese Sichten eine Absage an die politische Wissenschaft, aber auch an Geheimdienste, wie man Revolutionen „machen“ könnte. Sie seien auch ein Weckruf an jene Parteien, „die auf der Lauer liegen, wie Revolutionen auszulösen sind, wenn ihnen die Bedingungen günstig erscheinen“. Auch die größten Revolutionäre der Geschichte seien überrascht gewesen, wenn Revolutionen passierten. Lenin zum Beispiel hätte sie (wie Marx und Engels) am ehesten in Westeuropa erwartet.
Zwei Anmerkungen waren dem Revolutionshistoriker noch wichtig. Erstens, angelehnt an Markovs Marx verpflichtetem Begriff der „heroischen Illusion“: Jegliches romantische Revolutionsverständnis endet praktisch in programmierter Enttäuschung. Und zweitens: „Gewalt muss Revolutionären nicht peinlich sein, doch die entscheidende Frage heißt, wie findet Revolution aus Gewalt wieder heraus?“ Abschließend legte Middell zwei Tendenzen akademischer Forschungsdiskussionen zur Sinnstiftung von Revolutionen dar. Während an der Sorbonne Revolutionen als weitere Durchsetzung des 1789er Republikanismus verstanden werde, betrachtet Harvard die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 als Prototyp aller folgenden Revolutionen.