Leo Kofler auf Vortragsreise in der Noch-DDR

von Uwe Jakomeit

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen (redaktionell leicht gekürzten) Nachdruck aus dem von Uwe Jakomeit u.a. herausgegebenen Band „Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch“ (Köln: PapyRossa 2011). Ursprünglich erschien er in der „Frankfurter Rundschau“ am 18.6.1990. Der 1907 geborene Gesellschaftstheoretiker und Sozialphilosoph Leo Kofler starb vor zwanzig Jahren, am 29. Juli 1995, in seiner Wahlheimat Köln. Siehe auch www.leo-kofler.de.

Die steinernen Löwen, die das Hauptportal der Martin-Luther-Universität in Halle bewachen, begrüßt er beim Hineingehen wie alte Bekannte. „Von den beiden habe ich damals immer gewusst, dass sie meine Freunde waren“, sagt er schmunzelnd und überlässt es den Umstehenden, in Gedanken zu ergänzen, dass es bei den damaligen Kollegen und Studenten wohl nicht so leicht zu erkennen war, wer ihm wohlgesonnen war und wer zu denen gehörte, die ihn bespitzelten und an seiner Verweisung von der Universität mitwirkten. Von 1947 bis 1950 hatte der mittlerweile in Köln ansässige Soziologe Leo Kofler an der Hallenser Alma Mater einen Lehrstuhl für Geschichtsphilosophie, bis er durch seinen eigenwilligen Umgang mit dem Marxschen Werk in Konflikt mit der Kulturbürokratie der SED geriet, seine Vorlesungen verboten wurden und er gezwungen war, das Land bei Nacht und Nebel zu verlassen.
Kofler war nun auf Einladung der Universitäten in Halle und Leipzig und der Akademie der Wissenschaften in Berlin zum ersten Mal seit seinem unfreiwilligen Weggang wieder in der DDR. Nach der Rehabilitierung von Ernst Bloch, Robert Havemann, Walter Janka und anderen ist damit auch Leo Kofler, der als einer der ersten mit seiner radikalen Kritik an dogmatischer Starre und bürokratischer Enge angeeckt und in Ungnade gefallen war, in der Erinnerung der DDR-Gesellschaft wieder aufgetaucht. Die späte Aufarbeitung seines Falles ist immerhin noch so rechtzeitig angegangen worden, dass der 83-jährige sie bei bester Gesundheit und ungebrochener Lust am „Anecken“ erleben konnte, denn unbequem ist seine Berufung auf Marx jetzt fast schon wieder genauso wie damals, wenn auch aus anderen Gründen.
Eine wehmütige Feierlichkeit war dadurch ebenso ausgeschlossen wie eine triumphierende Abrechnung mit den alten Gegenspielern. Koflers Referat vor ca. 200 Zuhörern und die anschließende Diskussion waren unverkennbar auf die Gegenwart bezogen, auch wenn mit dem Thema „Sozialdarwinismus, Religion und Humanphilosophie“ eher theoretische Grundfragen angesprochen waren. Wer allerdings einmal miterlebt hat, wie Kofler seine Vorträge mit Beispielen aus Romanen und Gedichten oder persönlichen Anekdoten anreichert, wie er mit sonorer Stimme unvermutet ein altes Arbeiterlied vorträgt, um einen sinnlichen Eindruck von der sozialistischen Bewegung im Wien der 1920er Jahre zu geben, wie er ins verdutzt-amüsierte Publikum lacht und gleich darauf heftige Attacken gegen die Verkommenheit der entfremdeten Gesellschaft reitet, der kann sich gut vorstellen, dass diese Art der Marx-Interpretation der Parteibürokratie nicht behagte. Die allseitige Entwicklung der Persönlichkeit, die „Re-Erotisierung des Menschen“ – wie Kofler formuliert – ist für ihn nicht bloße Phrase.
Professor Gerlach vom Institut für Philosophie, der sich für die Einladung der Universität an Kofler eingesetzt hatte, war die alte Personalakte durchgegangen und berichtete beim Abendessen von dem aufgeregten Briefwechsel zwischen Ministerium und Fakultät, den der „Fall Kofler“ damals auslöste. Immer wieder wird darin moniert, Kofler halte sich nicht an die vorgeschriebenen Lehrinhalte. In der Presse tauchte schließlich neben dem Vorwurf des Idealismus das gefährliche (und unbegründete) Verdikt des „Trotzkismus“ auf; es kam zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit dem späteren Parteisekretär Kurt Hager. Kofler erinnert sich: „Hager hielt mir vor, ich sei ein Träumer, der die Partei auf Abwege bringe. Darauf war ich vorbereitet und zog als Antwort ein Buch aus der Tasche, das ich schon an der entsprechenden Stelle aufgeschlagen hatte. Ich zitierte eine Stelle, in der das Träumen als notwendige und vorwärtsweisende Kraft beschrieben wird. Nachdem ich vorgelesen hatte, nannte ich ohne weiteren Kommentar den Namen des Autors: Lenin! Es gab einen Riesenapplaus, die Versammlung war zu Ende.“ Zu Ende war damit vorläufig auch die Karriere des Universitätsprofessors Leo Kofler.
Kofler erzählt von diesen Ereignissen ohne Bitterkeit, allerdings mit einer Leidenschaft, die die Heftigkeit der damaligen Auseinandersetzungen spürbar werden lässt. Auch diese Leidenschaftlichkeit entspringt seinem Verständnis von Gesellschaftstheorie. Nicht zufällig schließt er deshalb den Vortrag in Halle mit einem seiner Lieblingszitate: „Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft.“ Wenn man Kofler diesen Satz aussprechen hört und dabei noch einmal die Repräsentanten der vergangenen Staats- und Parteimacht wie Ulbricht, Honecker, Hager Revue passieren lässt, könnte man fast vermuten, Karl Marx sei in der DDR ein unbekannter Autor gewesen.