Ein Schelm, der Böses dabei denkt …

von Peter Porsch

Der Schelme (und Schelminnen) gibt es offensichtlich sehr viele, zumindest wenn es darum geht, Wirklichkeit und Wahrnehmung von sexueller Vielfalt in der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. BILD bildet da zum Beispiel in besonderer Weise: „Linke kämpft für mehr Schwul-Unterricht“. Das war eine Überschrift in der Dresdner Ausgabe vom 10.06.2015. „Schwul-Unterricht“? Was war geschehen? Der Untergang des Abendlandes sollte im Sächsischen Landtag heraufbeschworen werden. Da waren sich BILD mit ihrer Überschrift und die Abgeordneten von CDU und AfD einig. Sie dachten sich unisono Böses bei einem Antrag der Fraktion DIE LINKE, der die Sexualbildung in den sächsischen Schulen modernisieren wollte. Es sollte Schülerinnen und Schülern die reale Vielfältigkeit sexuellen Lebens nicht vorenthalten und auch die real längst in Frage gestellte binäre Kategorisierung der Geschlechter in Mann und Frau problematisiert werden. Wir wissen alle, dass mit den alten Erzählungen von sexueller „Normalität“ Ausgrenzungen und Diskriminierungen verbunden sind, mit zum Teil fatalen Folgen für Betroffene. Warum sollte das in der Schule nicht thematisiert werden? „Schwul-Unterricht“ war da nicht vorgesehen, wohl aber zum Beispiel und unter anderem die Unterrichtung über die Realität von Schwul-Sein. Die Schelme, männlich und weiblich, wollten das aber nicht wahrhaben. Die Vermutung des Bösen, dem unsere Kinder in der Schule ausgeliefert werden sollten, trieb seltsame Blüten. „Die Schule darf nicht zum Experimentierfeld des Zeitgeistes werden“, empörte sich Herr Sebastian Fischer von der CDU. Der Bezug zur Wirklichkeit sexueller Vielfalt wurde als eine „ideologisch verordnete Sexualbildung an Schulen“ denunziert. Von der AfD kam die Mahnung, dass die Kinder in der Schule Rechnen, Lesen und Schreiben zu lernen hätten und das Abfassen sprachlich korrekter Bewerbungsschreiben. Ihre Sexualität sollten sie aber selbst entdecken. Auweia! Das tut wirklich weh! Rechnen, Schreiben, Lesen – das ist Zeitgeist der Kaiserzeit. Mehr war für Untertanen und künftige Soldaten damals nicht nötig. Befähigung oder gar Ermutigung zu einem selbstbestimmten Leben war gleichgestellt mit Gotteslästerung. Sexualität dient einzig der Fortpflanzung. Lust ist Sünde!
„Die Sexualität selbst entdecken“ – das heißt doch letztlich die Kinder und Jugendlichen mit ihrer Sexualität alleine zu lassen, mit all den frühen Überraschungen, aber auch Nöten, verqueren Phantasien und Schuldgefühlen, sie letztlich der Aufklärung auf der Straße und tollpatschigen Ersterlebnissen mit sich selbst und anderen zu überantworten. Das war Zeitgeist vor noch nicht allzu langer Zeit und sehr wohl auch Unterrichtsprinzip in den Schulen. „Schwul-Unterricht“? Wenn es den überhaupt geben kann, dann fand er in einem anderen Typ Schule statt. Es wird sich im Osten Deutschlands kaum noch wer vorstellen können, wie es in Knaben-Schulen (und sicher auch in Mädchen-Schulen) zuging. Ich habe 12 Jahre Knaben-Schule durchlaufen. Dort wurde in der Pubertät Homosexualität zum heimlichen Notprogramm heterosexuell veranlagter Menschen, was übrigens der Diskriminierung von Homosexualität auch noch Vorschub leistete, weil die Heteros ihre Ausflucht als „beschämend“ und ihren eigentlichen Sehnsüchten widersprechend empfanden. Liebe Leute von CDU und AfD und BILD, habt ihr denn übersehen, dass es eine Entwicklung gibt: Ehebruch (einst § 195 StGB) ist längst nicht mehr strafbar. Hoteliers müssen gemeinsam übernachtende Paare nicht mehr nach der Eheurkunde fragen, weil sie sich ansonsten des Verdachtes der Kuppelei aussetzten. Der § 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, existiert nicht mehr. Aber Frau Andrea Kersten von der AfD sagt: „Die Ideologie ,Gender‘ ist durch die Bürgergesellschaft nie legitimiert worden“. Natürliches Geschlecht unterliegt aber sozialer Prägung, und ist auch soziale Konstruktion, die an der Realität der eigenen sexuellen Einordnung von Menschen vorbeigehen kann. Frau Kersten aber schließt (mit Christian Morgenstern) „messerscharf – (dass) nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Eine Schule, die so an die Welt herangeht, sollten, nein müssen wir unseren Kindern wirklich ersparen. Das gilt übrigens nicht nur für die Sexualität!