Ein Lied für alle Deutschen

Hartwig Runge alias Ingo Graf wirbt für „seine“ Nationalhymne
von Wulf Skaun

„Einigkeit und Recht und Freiheit …“ Man muss kein Prophet sein, um dem Lied der Deutschen zum bevorstehenden 25. Jahrestag der deutschen Einheit Hochkonjunktur vorherzusagen. Von den Klangsymbolen eines Staates ist die Nationalhymne schließlich das wichtigste. So wird rund um den 3. Oktober 2015 die beseelte Melodie der „Kaiserhymne“ von Joseph Haydn öfter als sonst erklingen. Gesungen wird, um nationalistischem Missverständnis vorzubeugen, allein die dritte Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben. Es ist hier nicht der Platz, die wechselvolle Textgeschichte der deutschen Nationalhymne zu erörtern. Doch mit Blick auf den gesellschaftlichen Umbruch 1989/90, der wieder in deutsche Einheit mündete, soll an Bestrebungen einiger Bürgerinitiativen erinnert werden, die Kinderhymne Bertolt Brechts „Anmut sparet nicht noch Mühe“ zur neuen Nationalhymne zu wählen. Andere Stimmen suchten in identitätsstiftender Absicht, Textbausteine von BRD- und DDR-Hymne zu vereinen. So schlug Ministerpräsident Lothar de Maizière während der Verhandlungen zum Einigungsvertrag 1990 vor, die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit dem Text Johannes R. Bechers „Auferstanden aus Ruinen“ zu verbinden. Der Bratschist de Maizière wusste, die „Becher-Hymne“ folgt bis auf den Schluss dem Versmaß der „Kaiserhymne“ von Haydn. Die Texte beider deutschen Hymnen harmonieren also jeweils mit der Melodie der anderen und können – bis eben auf den Schluss – wechselseitig gesungen werden. Was der Musiker de Maizière wollte, konnte der Politiker de Maizière, wie fast alles, was er aus dem Osten zu retten gedachte, nicht durchsetzen. Fall erledigt?
Nicht für einen anderen musikalischen und politischen Kopf. Bechers und Brechts Texte, jeweils von Hanns Eisler vertont, mit Fallerslebens Worten in eins zu bringen und auch den Schluss der Becherhymne nach Haydn-Versmaß singbar zu machen, hatte sich Hartwig Runge schon vor Jahren verschrieben. Vielen ist der heute 76-Jährige noch als Schlagersänger Ingo Graf bekannt, der in den 1960ern und 70ern manchen Hit und eigene Fernsehsendungen hatte. Dass er etliche seiner Titel selbst komponierte, die sich wohltuend vom üblichen geistfreien Trallala abhoben, hatte seinen Grund. Runge alias Graf war vor und nach seiner Musikerkarriere passionierter Mathe/Physik-Lehrer, der auch das Diplom eines Philosophen besitzt. Nach der Wende machte er für die PDS im Leipziger Stadtrat Politik. Der singende Komponist-Lehrer-Philosoph integrierte Fallersleben, Becher und Brecht aus politischer Motivation in Haydns unsterbliche Melodie. Wenn schon Einheit, dann auch im Einheitslied! Die handwerkliche Herausforderung, den Bechertext auch am Schluss mit Haydns Melodie in gesangliche Harmonie zu bringen, löste Hartwig Runge mit der Verdopplung einiger Worte, wobei ihm Monika Führer und Christian Führer, Pfarrer a. D. der Nikolaikirche, halfen, die letzten Stolperer zu tilgen. Die so entstandene Fassung nannte Hartwig Runge „Das Lied der deutschen Einheit“. Eine von ihm besungene CD mit dem deutsch-deutschen Textmix hört sich „wie aus einem Guss“ an. Runge-Graf sieht seine Absicht bestätigt: „Das ,Lied der deutschen Einheit‘ belebt die Intentionen der drei deutschen Dichter-Emigranten Fallersleben, Becher und Brecht. Es führt Geistesgeschichte und Geschichtshandeln der Menschen in Ost und West zusammen. Becher und Brechts Worte fügen der Triade Einheit, Recht und Freiheit historische Konkretheit hinzu und lassen diese nicht als vergangene, sondern neue Herausforderung erleben“. Runges musikalisch-politisches Projekt blieb bisher Idee. In einer 55-seitigen Dokumentation aber wirbt er für seine Überzeugung, mit seinem Lied der deutschen Einheit auch emotionale Einheit von Ost und West zu fördern. Er lässt darin Politiker, Dichter und Denker zu Wort kommen, die sich zu der Synthese von Fallersleben, Becher und Brecht auf Haydn bekennen. Und er berichtet von Auftritten vor großem Publikum, das sein Lied hören wollte und will. Hartwig Runge ist Realist. „Mein Lied der deutschen Einheit muss ja nicht zur Nationalhymne werden. Schon als ein schönes Lied in Haydns wunderbarer Tongebung kann es sinnlich helfen, den Weg von der formellen Einheit zur innerlichen Vereinigung durch alle Widerstände hindurch zu beschreiten, nicht nur als Nationalhymne, sondern auch als Sozialhymne.“ Die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit scheinen Hartwig Runge alias Ingo Graf geeignet, seine Idee wiederum ein Stückchen mehr Wirklichkeit werden zu lassen.