Ursprung und Auflösung der als klassisch geltenden Ehe

von Enrico Pfau

Als die saarländische Ministerpräsidentin warnte, dass die Öffnung der Ehe für Homosexuelle ein Einfallstor für Inzest und Polygamie sei, regte sich berechtigterweise viel Empörung. Ging es doch offensichtlich darum, das Anliegen in den Schmutz zu ziehen. Es ist ein vielgenutztes rhetorisches Mittel, eine Sache zu diskreditieren, indem man sie mit anderen als verwerflich geltenden Sachen in Zusammenhang bringt. Doch an zwei Punkten ist die Empörung kritisch zu hinterfragen: Was ist, wenn diese anderen Sachen gar nicht so verwerflich sind? Und was hat die Ehe damit zu tun?
Viele würden nicht lange diskutieren und Inzest als komisch, unnatürlich oder gar krank bezeichnen. Außerdem ist er immer noch eine Straftat in Deutschland. Allerdings bleibt das nicht unwidersprochen. Am 24. September 2014 hat der Deutsche Ethikrat empfohlen, den einvernehmlichen Beischlaf zwischen erwachsenen Geschwistern nicht mehr als Straftat zu behandeln. Die individuelle Freiheit werde sonst grundlos eingeschränkt und einem abstrakten Familien- und Rollenbild geopfert. Zudem stehe der Vorwurf der Eugenik im Raum, also die zweifelhafte Theorie und Praxis, in einer Population oder Gattung den Anteil positiv geltender Erbanlagen zu vergrößern und negativ geltende Erbanlagen zu verringern. Die erhöhten Gefahren der Vererbung von Krankheiten dürften allerdings, so der Ethikrat, kein Grund für ein Inzestverbot sein. Es gibt ja auch kein staatlich verordnetes Sex-Verbot zwischen körperlich oder geistig benachteiligten Personen oder Personen mit HIV-Infektion.
Wenn es um die Weitergabe „blauen Blutes“ und vor allem des damit verbundenen materiellen Erbes ging, war vielen Adeligen der Inzest bekanntermaßen kein Gräuel. Das ist zwar kein Argument für Inzest, aber zeigt das Wesentliche. Ähnliches gilt für die Polygamie. Der Monogamie gehen – wie Friedrich Engels in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ dargestellt hat – handfeste Eigentumsverhältnisse voraus, die auch viel älter sind als die christliche Kirche. Letztere ist nicht Ursprung, sondern nur Heiligsprechung dieser Verhältnisse, welche die jahrtausendalte Unterdrückung der Frau beinhaltet. Die Frauen waren durch die Schwangerschaften und das Aufziehen der Kinder tendenziell von vielen Arbeitsprozessen ausgeschlossen, was umso schwerwiegendere Isolation bedeutete, je stärker sich die Arbeitsprozesse differenzierten und je mehr durch Viehhaltung und Sesshaftwerdung an Reichtum erarbeitet werden konnte. Die damit einhergehende Entwicklung von Privateigentum spielte dabei eine entscheidende Rolle. Die Männer waren daran interessiert, dass ihre Arbeitsmittel und der damit produzierte Reichtum im Familienclan blieb, was aber durch das tausende Jahre lang geltende Mutterrecht durchkreuzt wurde. Durch die Institution der Vielehe, also die Möglichkeit, gleichzeitig mehrere Menschen zu heiraten, war die Vaterschaft unklar und nur die Mutterschaft durch den Zeugungsakt eindeutig nachvollziehbar. Konzentrierte Erbschaften bzw. die Akkumulation durch Erbe in wenigen Händen waren dadurch unmöglich. Das Interesse am Privatei-gentum und ihrer Eigentümer löste schließlich die polygamen Familienstrukturen auf und setzte anstelle des Mutterrechts das Vaterrecht, wonach der Vater Familienvorstand und nur seine Söhne erbberechtigt wurden. In dieser Lage drängten bzw. wurden die strukturell bereits benachteiligten Frauen auf eine ausschließlichere Form der Bindung gedrängt. Sie wurden in die Privatsphäre ver-bannt, die durch die sich entwickelnde Trennung zum Öffentlichen die Isolation verstärkte. Die gesellschaftlich ohnmächtigen Frauen, auch durch Frauenraub und durch die sexuelle Begierde auf Gegenstände bzw. Sklaven reduziert, hatten an der Monogamie ebenso ein Interesse wie der Mann, dem es um das Eigentum seines Vaters oder die Vererbung seines Eigentums an seine eigenen Kinder ging. Aus diesem Interessengemenge entwickelten sich auch Werte wie z. B. Treue und die Keuschheit, wobei Verstöße die Frauen meist härter trafen als die Männer, denen es gar nicht einfiel, den sexuellen Luxus der Vielweiberei aufzugeben. Vielehe und Vielmännerei verschwanden. Die Vielweiberei überlebte, mal offiziell in Form der Harems weniger Reicher, mal inoffiziell durch die ungleiche Behandlung der Geschlechter im Fall des außerehelichen Beischlafs. Heißt das, dass die Polygamie gut oder schlecht ist? Muss sie sogar verboten sein? Es ist unklar, ob jeder Mensch polygam leben will oder das überall ohne Schwierigkeiten funktioniert. Das ist aber bei der Monogamie nicht anders.
Kapitalistischer Rationalismus und Frauenemanzipation haben der religiösen Vorstellung der Ehe schwer zugesetzt und einige Unterdrückungsmomente bereits beseitigt. Durch Ehevertrag und Erbrecht leben aber noch immer die alten Zwecke fort. Die Öffnung der Ehe ist ein weiterer aktiver Schritt zur Auflösung derselben. Manche finden das erschreckend. Manche verstehen dahinter das notwendig gewordene Abwerfen historischer Altlasten. Aber es ist keines von beiden. Die Frauen waren lange das Opfer naturwüchsiger und gesellschaftlicher Ordnung und sind es heute immer noch. Doch selbst wenn sie als Frauen keine Opfer mehr wären, bringen die Eigentumsverhältnisse unablässig weitere Widersprüche hervor, für die Frauen seit langer Zeit die prägnanteste, aber nicht die einzige Projektionsfläche sind.