Schlag nach bei Rosa – Ständiges Rosa-Luxemburg-Seminar in der RLS Leipzig eröffnet

von Wulf Skaun

„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Rosa Luxemburgs Demokratieverständnis, pointiert in dieser Sentenz, hat weder Lenin, dessen Revolutionstheorie sie kritisch beurteilte, noch seinen realsozialistischen Erben in der DDR geschmeckt. Allgemeiner: Zu allen Zeiten bemächtigten sich Freund und Feind dieses Zitats, wenn sie glaubten, daraus Kapital für ihre Zwecke schlagen zu können. Doch erschöpft sich die ganze Luxemburg in dem berühmt gewordenen Freiheitsdiktum? Eine rhetorische Frage, natürlich. Und Aufforderung an Linke von heute, ihr Werk auf aktuelle Opportunität zu hinterfragen.

Im Leipziger Domizil der Stiftung, die den Namen der Revolutionärin trägt, hatte Klaus Kinner Ende April das Ständige Rosa-Luxemburg-Seminar eröffnet, das sich genau dieser Aufforderung annehmen will. Der Leipziger Historiker hatte sich schon länger mit der Absicht getragen, Leben und Werk der demokratischen Sozialistin auf noch unabgegoltenen Feldern zu untersuchen und auf produktive Erkenntnisse für heutige Linke abzuklopfen. Seine Grundidee für das Seminar formulierte er so: „Leben und Werk Rosa Luxemburgs sind intensiv erforscht. Gleiches gilt nicht für deren Wirkungsgeschichte. Zwar liegen Einzelstudien und Überblicksdarstellungen vor, eine Gesamtdarstellung ist jedoch noch ein Desiderat.“ Die Wirkungsgeschichte zu erhellen, heiße auch herauszufinden, inwieweit Luxemburgs umstrittene Theorieansätze und ihr Politikverständnis, aktuell auch im Widerstreit der Erben, „für strategische Orientierungen der Linken in der Gegenwart tragfähig“ seien. Auf der Grundlage fachkompetenter Einführung und tiefgründiger Diskussion im Stile kleiner Kolloquien könnten Forschungs- und Diskursergebnisse in den Rosa-Luxemburg-Forschungsberichten veröffentlicht werden. „Unsere Stiftung kann so unser international einzigartiges Periodikum mit neuem Impetus fortführen.“

Dass das Seminar mit dieser Aufgabe nicht bei null beginnt, ließ Kinner an Publikationen und Konferenzen der Stiftung seit 1990 aufscheinen. So habe sich der 2002 von ihm und Helmut Seidel herausgegebene Sammelband „Rosa-Luxemburg. Historische und aktuelle Dimensionen ihres theoretischen Werkes“ einen festen Platz in der internationalen Luxemburg-Forschung erworben. Kinner erläuterte den Premieren-Seminaristen seine Themen-Vorschläge. Deren inhaltliche Spannweite erstreckt sich von der Rolle Rosa Luxemburgs als Märtyrerin der Revolution über die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus bis zur Luxemburg-Forschung und -Edition in Deutschland und der Welt.

14 engagierte Wortmeldungen bekundeten den gelungenen Auftakt des Ständigen Seminars. Übereinstimmender Tenor: Keine Musealisierung, keine Romantisierung von Leben und Werk der „roten Rosa“. Hans Piazza sann über die Bedeutung der KPD-Mitbegründerin für die deutsche und internationale Arbeiterbewegung nach. Willi Beitz skizzierte deren Wirkung nach Russland. Volker Caysa sprach von „moderner Reformulierung“. Das heiße für ihn, zunächst das unabgegoltene Potential Luxemburgischer Ideen zu definieren, um es dann für heute zu bewerten. Dabei gelte es, das geschichtliche Vorwissen, insbesondere der Jugend, zu berücksichtigen. Manfred Neuhaus, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung, bezeichnete Kinners Überlegungen als „durchdachte Konzeption“. Sie zu realisieren, brauche es „viel Kraft“.

Mit einer sensationell anmutenden Petitesse überraschte Volker Külow die Runde. Er habe bei Alexander Kluge, dem anerkannten Autor, Regisseur und Sozialphilosophen, den Terminus „negativer Imperialismus“ gefunden, den Rosa Luxemburg in ihrem Tagebuch von 1917 verwendet hätte. Für den einschlägig versierten Historiker ein Phänomen. Sollte der internationalen Luxemburg-Forschung dieses einzigartige Theorem entgangen sein? Külow forschte bei Kluge nach. Der bekannte freimütig, das Zitat fingiert zu haben. Dass es Nachfragen auslöse, beweise: Auf der Suche nach Antworten für die Herausforderungen der Gegenwart erhoffe man sich immer noch Rat auch von der großen Revolutionärin.