Lehrer-Reserve? Fehlanzeige!

von Cornelia Falken

Der Streit um die Einstellung von Lehrkräften reißt nicht ab. Anfang Mai verkündete die Kultusministerin, dass zum 1. August 2015 1.000 neue Lehrkräfte eingestellt werden. Das ist gut und richtig. Es reicht aber hinten und vorne nicht. Nun wird mancher sagen: Derart viele Einstellungen gibt es anderswo kaum im Land und schon gar nicht im öffentlichen Dienst. Die Polizisten hätten allen Grund, neidisch auf das Schul-Ressort zu schielen. Doch der relativ große Umfang resultiert aus den massiven Versäumnissen der letzten Jahre und den enorm gestiegenen Anforderungen, aus denen der Bedarf erwächst.

Wie immer, wenn die Staatsregierung Erfolge verkündet, ist die Opposition gehalten, genau zu hinterfragen. Dann wird schnell klar, was man ahnt: Die 1.000 geplanten Einstellungen reichen nicht aus. Sie ersetzen noch nicht einmal jene Lehrkräfte, die im kommenden Schuljahr regulär ausscheiden oder Altersteilzeit-Regelungen in Anspruch nehmen. Dabei hat sich die Koalition aus CDU und SPD darauf verständigt, über diesen „normalen“ Bedarf hinaus in Qualität zu investieren und zusätzliche Stellen zu schaffen, etwa für zusätzliche 5.000 Schüler/-innen, die ab dem Schuljahr 2015/16 in Sachsens Schulen lernen werden (das entspricht etwa 200 Lehrkräften), für die Umsetzung von Integration und Inklusion gemäß UN-Behindertenrechtskonvention, für die Integration von Schüler/-innen mit Migrationshintergrund und den zahlreichen Flüchtlingskindern sowie für die Absicherung der fachlichen Betreuung von Referendar/-innen an den Schulen. Allein für diese vier Schwerpunkte sollte es 600 zusätzliche Stellen geben.

Wir als LINKE gehen noch einen Schritt weiter und sagen: Wir brauchen zusätzliches Personal, um endlich kleinere Klassen bilden zu können sowie den massiven Unterrichtsausfall einzudämmen. Gemäß der jüngsten Umfrage des Landesschülerrates fällt jede zehnte Unterrichtsstunde in Sachsen aus, in Leipzig ist es sogar jede siebente. Und seit Jahr(-zehnten) haben Lehrer kaum die Möglichkeit, mit innerer Ruhe und strategischer Weitsicht innovative pädagogische Konzepte in staatlichen Schulen umzusetzen oder gar zu entwickeln. Dabei ist diese Arbeit ein wesentlicher Kern des pädagogischen Selbstverständnisses.

Aber selbst für die 1.000 Stellen, die das Kultusministerium besetzen möchte, gibt es nicht genug qualifizierte Bewerber/-innen. Hatten sich vergangenes Jahr noch 2.500 Lehrer in Sachsen beworben, so sind es in diesem Jahr nur noch 1.500, davon nicht wenige ohne pädagogischen Abschluss. Offenkundig empfinden viele Referendare nach ihrer Ausbildung den Werbespruch der Staatsministerin Kurth „Lehrer werden. Aus Überzeugung“ eher als Hohn denn als Versprechen. Zahlreiche Bewerber werden auch nicht in jener Schulart eingesetzt werden können, für die sie ausgebildet wurden. Vor allem vielen Gymnasiallehrern wird eine Stelle an einer Mittel-, Förder- oder Grundschule angeboten werden.

In der Praxis sieht das Einstellungsverfahren für sächsische Referendare so aus: Die Bewerber/-innen bekommen eine konkrete Schule angeboten (im Zweifelsfall am anderen Ende von Sachsen) und haben drei Tage Zeit, den Vertrag zu unterschreiben. Lehnen Sie ab, ist das Verfahren beendet. Verhandlungsspielraum über den Einsatzort gibt es auch bei Referendaren mit Familienbindung nicht. Wen wundert es dann, dass sich viele Referendare gleich nach dem Abschluss in anderen Bundesländern – und sei es im nahe gelegenen Halle –, bewerben und dem sächsischen Schulsystem den Rücken kehren? Aus Überzeugung!