Krieg zu Ende und doch noch weitere Tote?

Eine etwas andere Geschichte zum Jubiläum der Befreiung vom Faschismus
von Siegfried Gläß, Dr. Reinhold Gläß

Wenige Tage nach der Befreiung vom Faschismus, am frühen Nachmittag des 13. Mai 1945,
zerbarst ein gewaltiger Detonationsknall unvermittelt die durch Anwesenheit von US-Truppen ohnehin ungewöhnlich geschäftige und laute Szenerie im sonst eher beschaulichen obervogtländischen Dorf Muldenberg.

Kurz zuvor, am 6. Mai, waren Truppenteile der 3. US-Armee von Plauen und Oelsnitz her kämpfend vorgerückt, hatten den Widerstand der letzten im Ort und seiner Umgebung befindlichen SS-Einheiten gebrochen und in Muldenberg ein großes Gefangenen-Sammellager für Wehrmachtsangehörige eingerichtet. Nach der Kapitulation der faschistischen Wehrmacht am 8. Mai begannen die Amerikaner, Kommandos aus Kriegsgefangenen zusammenzustellen, um Munition aus Wehrmachtsbeständen zu entsorgen. Als „Endlager“ dafür schien ihnen die nahegelegene Talsperre, die die Städte und Gemeinden im Göltzschtal, einschließlich der Stadt Reichenbach mit Trinkwasser versorgt, der geeignete Ort zu sein. So fuhren in unregelmäßigen Abständen kleinere Militär-Transportfahrzeuge mit ihrer gefährlichen Fracht auf die Sperrmauer, um die Munition im Stausee zu versenken. Dies war Aufgabe der Gefangenen.

Bei einer solchen Entsorgungsaktion kam es dann am erwähnten 13. Mai zum vorhersehbaren tragischen Ereignis: Die versenkte Munition explodierte unter ohrenbetäubendem Lärm. Ein Block von etwa 70 Metern Länge der aus Bruchsteinmauerwerk bestehenden, 476 Meter langen Sperrmauer wurde um bis zu 80 cm nach der Luftseite hin verschoben sowie die Mauerkrone in diesem Abschnitt abgesprengt. Zum Glück für die Bewohner der Ortschaften des Tales der Zwickauer Mulde bis hinunter nach Aue und weiter verharrte das betreffende Mauerstück in dieser kritischen Lage, und auch der Rest der Mauer hielt, so dass rund fünf Millionen Kubikmeter Wasser kontinuierlich zunächst über die Mauerkrone, im weiteren über einen längeren Zeitraum aus den Mauerrissen abfließen konnten und so zumindest eine Überschwemmungskatastrophe ausblieb.

Allerdings wurden die US-Posten und die deutschen Kriegsgefangenen auf der Stelle getötet: Die vermutlich einzigen beiden Augenzeugen der Katastrophe sahen von ihrem nahen Wohnhaus aus, wie mehrere menschliche Körper neben Fahrzeugteilen in die Höhe geschleudert wurden, während kurz darauf alles hinter einer riesigen Wand aus Staub und einer Wasserfontäne verschwand. Die Leichen der amerikanischen Toten wurden nach kurzer Zwischenlagerung in Muldenberg abtransportiert und in die USA überführt. Für die sterblichen Überreste der deutschen Kriegsgefangenen dagegen begann eine Odyssee, die in gewisser Weise bis in unsere Tage andauert:

Die Toten wurden nach ihrer Bergung in einem Waldstück unweit des östlichen Endes der Sperrmauer vergraben. Der nahe der Sperrmauer wohnende Co-Autor Siegfried Gläß bemüht sich seit Jahrzehnten um eine wahrheitsgetreue geschichtliche Aufarbeitung, u. a. auch durch Einbeziehung von US-Dienststellen.

Zunächst gibt die Inschrift im derzeit vorhandenen Gedenkstein keinen Aufschluss über die tatsächliche Ursache und den Charakter des Ereignisses. Es ist nur noch von einer imaginären „Munitionsexplosion“ die Rede. Auch die übrigen Angaben auf dem Stein – entsprechend dem Textvorschlag des „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ (!) an den örtlichen Bürgermeister – entsprechen nicht der Wahrheit. Und obwohl zum Beispiel der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ nach 1989 große Anstrengungen unternommen hat, um in Osteuropa und vor allem auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion Kriegstote zu identifizieren, angemessen zu bestatten und entsprechende Friedhöfe/Gedenkstätten einzurichten, will das im hier beschriebenen Fall im eigenen Land nicht gelingen. So weiß man bis heute nicht einmal, wie viele deutsche Kriegsgefangene bei der verhängnisvollen Aktion am 13. Mai 1945 wirklich ums Leben kamen: In verschiedenen Veröffentlichungen kursieren Zahlen zwischen acht und 12. Diese Angaben können von den Augenzeugen nicht bestätigt werden. Bezeichnenderweise wird heute auf besagtem Gedenkstein in der Abteilung 4 des Reviers Muldenberg des Sächsischen Staatsforstes die Zahl 12 angegeben, und auf einer Schautafel der Landestalsperrenverwaltung am anderen, westlichen Ende der Sperrmauer, die Zahl 8!

Das fachlich zuständige Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat sich prinzipiell mit den Vorschlägen von Siegfried Gläß (Feststellung der Anzahl und der Identität der Toten, Überführung in eine würdige Gräberstätte) einverstanden erklärt. Es hat sich in diesem Sinne an die Sächsische Staatsregierung und die Landestalsperrenverwaltung Sachsen gewandt. Siegfried Gläß seinerseits hat durch mehrere Schreiben an den Sächsischen Ministerpräsidenten und die Landesdirektion Sachsen dem Anliegen Nachdruck zu verleihen versucht, jedoch geschah von sächsischer Seite bisher absolut nichts zur Veränderung des unwürdigen Zustandes vor Ort. Eine solche Veränderung sollte neben der Realisierung o. g. Vorschläge auch die sachlich korrekte Einordnung des geschichtlichen Ereignisses beinhalten, u. a. durch Anbringen einer Gedenktafel an der Unglücksstelle.

Das einzige konkrete Ergebnis – die inzwischen erfolgte Identifizierung von 4 Toten – geht offensichtlich auf die Initiative des Bundesministeriums zurück. Allerdings wurde dazu keine Exhumierung durchgeführt, so dass die Frage offen bleibt, auf welchem Wege die Informationen erlangt worden sind und warum nicht im gleichen Verfahren die endgültige genaue Anzahl der Toten festgestellt werden konnte. Übrigens: Das Bundesministerium geht von sechs deutschen Toten aus.

So bleiben also vor allem Fragen: Warum opferte die US-Armee noch nach Beendigung des Krieges eigene Soldaten in einem offenkundig sinnlosen Unternehmen? Wie konnte ein Militärangehöriger (zumal nach Beendigung der Kampfhandlungen) auf die Idee kommen, eine Trinkwassertalsperre als Ort für die (ohnehin unsachgemäße) Entsorgung von Munition zu bestimmen? Warum tun sich 70 Jahre nach Kriegsende die deutschen, namentlich sächsischen, Behörden so schwer, die historischen Tatsachen konkret zu benennen, die genaue Anzahl der Toten festzustellen, alle zu identifizieren und würdig zu bestatten?

Abschließend sei angemerkt, dass angesichts der großen Bedeutung der Talsperre für die Trinkwasserversorgung des östlichen Vogtlandes in für die äußerst schwierigen Nachkriegsbedingungen vergleichsweise kurzer Zeit das beschädigte Mauersegment abgetragen und das Bauwerk wiederhergestellt wurde (1946-1950). Auch bis dahin war es gelungen, die Versorgung mittels eines hinter einem provisorischen Damm gestauten Minimums an Wasserreserve und mit viel Improvisation aufrechtzuerhalten.

Die Ausführungen stützen sich – neben allgemein zugänglichem Material – hauptsächlich auf Berichte der beiden vermutlich einzigen lebenden Augenzeugen Ruth und Siegfried Gläß