Stadtplanung versus Investoren-Pläne: Beispiel Leipziger Vorstadt (Dresden)

von Jacqueline Muth

Am Neustädter Hafen in Dresden soll ein neues Wohnviertel entstehen. Das Gebiet ist problematisch: Eisenbahntrasse und kontaminierte Bahnbrachen, die Leipziger Straße als stark befahrene Durchgangsstraße. Und das Neustädter Elbufer, das 2002 und 2013 dermaßen überflutet war, dass eigentlich an eine Wohnbebauung nicht zu denken sein dürfte.
Entsprechend feinsinnig versucht nun der Stadtrat, mit einer Fortschreibung des Masterplans für das Quartier unterschiedlichen Bedürfnissen und einer nachhaltigen Entwicklung Vorschub zu leisten. Dass es seit Jahren heftigen Streit um das noch nicht existierende Quartier gibt, ist dem Umstand geschuldet, dass der Immobilienmarkt auch in Dresden boomt. Der Markt schläft nie und überholt auch hier mal wieder kommunale Planungen.
Die Stadt selbst rief die Geister, die sie nun plagen. Der Beschluss zum Masterplan war gerade erst gefasst (2009) – noch recht weit und unkonkret –, da warb Dresden bereits auf der Immobilien-Messe Hannover für das neue Quartier „Wohnen am Wasser“. Nach dem Hochwasser 2013 hat sich dieser Slogan scherzhaft-bissig in „Schöner Wohnen in der Elbe“ verkehrt. Eine Bürgerinitiative müht sich seither um die Nicht-Bebauung des Flutgebietes. Und auch DIE LINKE in Dresden hat es sich zum Ziel gemacht, das Bauen im ausgewiesenen Flutgebiet zu verhindern.
Dass ein halb verwitterter Stadtteil wie der, um den es hier geht, nicht ewig unberührt bleiben wird, war wohl allen klar. Überall wird gebaut, saniert und entwickelt. Besonders in der Innenstadt drehen sich seit Jahren die Kräne. Die Dresdner Neustadt wurde schon mehrmals gentrifiziert und es ist deutlich spürbar, dass Dresden-Pieschen nun sehr bald ebenfalls herausgeputzt wird wie eine polierte Perle – Mit teuren Boutiquen und saftigen Wohnungspreisen.
Noch sind in der Leipziger Vorstadt äußerlich kaum Veränderungen zu sehen. Jedoch haben Immobilienspekulanten und Projektentwickler das Quartier bereits unter sich aufgeteilt. Zwei Firmen teilen sich das Elbufer und wollen hier Luxuswohnungen bauen, der Elbblick steigert die exklusiven Preise (Projekte „Hafencity“ und „Marina Garden“). Dass die Grundstücke im Flutgebiet liegen, gilt höchstens als „technisches Problem“. Das Hochwasser 2013 konnte dem kein Einhalt gebieten. Die Spekulanten fletschen die Zähne und kämpfen verbittert um ihr (Beton-)Gold.
Ein erstes Opfer ist zu vermelden: Am Puschkinplatz wurde am 27.2.2015 mit großem Gerät der „Freiraum Elbtal“ geräumt. Der Kulturverein mit Wagenplatz warb als Zwischennutzer dafür, die Elbe unverbaut zu lassen und stattdessen gewohnt mobil die heimische Industriebrache weiter nutzen zu dürfen. Wenigstens bis Baubeginn. Wenigstens. Nun ist er fort, es gibt ihn nicht mehr. Gebaut wird hier aber so schnell auch nicht. Den Freiraum Elbtal vermissen nun viele schmerzlich. Luxuswohnungen hat hier noch niemand vermisst.
Auf einem anderen Grundstück will die Globus GmbH einen Großmarkt bauen. Globus ist ein Dorn im Auge der heimischen Großmarktgilde und so richtig kann sich auch sonst niemand vorstellen, dass ein solcher Großmarkt hier hinpasst. Gleich nebenan jedoch lauert bereits die Kaufland Co.KG darauf, dass der Konkurrent einknickt. Erst Ende 2013 kaufte Kaufland das Grundstück von Procom, denn Procom wollte Häuser bauen. Als das nicht so einfach ging, wollten sie die Grundstücke schnell wieder loswerden. Auf einem Teil davon hocken sie noch jetzt.
Bauen können sie nicht, aber schon mal die Bäume fällen. Der alte Landschaftspark an der Sanitär-Keramikfabrik musste weichen, ebenso die Fabrikruine selber. Man muss doch sehen, dass etwas passiert.
Die Klageflut von Projektentwicklern und Spekulanten gegen die Stadt Dresden nimmt zu. Sie werfen der Stadt Bau-Verzögerung vor und greifen zuweilen zu drastischen Mitteln, wie jüngst die Dresdenbau GmbH. Sie will den Radweg abbaggern, weil ihr ein Baurecht verwehrt wird. Noch im vergangenen Jahr drohte sie mit dem Bau einer Tankstelle, aus dem gleichen Grund. Es ist ein Irrenhaus.
Sollte Stadtplanung sich zum willfährigen Erfüllungsgehilfen der absurd schnellen Baubranche degradieren lassen? Ich sage: Nein. Stadtplanung muss dem Ziel folgen, Entwicklungen nachhaltig und kritisch zu begleiten. Wenn Immobilien-Spekulanten längst über alle Berge sind, trägt die Stadt die Verantwortung für mögliche Fehlentscheidungen und deren Konsequenzen.