Die Zukunft beginnt im Heute…

Bericht über die LINKE Woche der Zukunft
von Sabine Pester

… doch leider ging sie ohne mich los. Denn über 400 Menschen hatten sich zur LINKEN Woche der Zukunft in Berlin angemeldet, die von der Partei DIE LINKE, der Linksfraktion im Bundestag sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert wurde. Und schon bei den ersten beiden Veranstaltungen am Donnerstag – eine Lesung mit Volker Braun und die anschließende Soiree mit Frigga Haug, Katja Kipping und Anke Domscheit-Berg – waren so viele Menschen anwesend, dass sie den Veranstaltungssaal in der Volksbühne wegen Überfüllung schließen mussten. Ärgerlich für mich, aber ein positives Zeichen, dass die Konferenz und ihre Themen unter unseren Parteimitgliedern und anderen linksdenkenden Menschen reges Interesse gefunden hat.

In den nächsten drei Tagen war das Angebot mit über 80 Veranstaltungen aber dann so groß, dass sich die Teilnehmer_innen gut verteilt hatten. Die Themenspreizung war so breit, dass für jede_n etwas dabei war: kapitalismuskritische Veranstaltungen, Podien zu internationaler Politik mit Gästen von Podemos und Syriza, Angebote mit kommunalpolitischen Bezügen, Werkstätten zum Thema Arbeits- und Netzpolitik, und, und, und. Trotzdem muss man auch ein wenig Kritik anbringen: So verliefen einzelne Veranstaltungen nicht wie erwartet, sind zu oberflächlich geblieben und die Tage waren mit vier Veranstaltungsblöcken zu voll.

Bei der Auswahl der Veranstaltungen, die ich besucht habe, habe ich mich natürlich von meinen Interessen leiten lassen. So war ich unter anderem bei den Werkstätten zum Thema fahrscheinloser ÖPNV und Bürger_innenbeteiligung. Bei beiden Veranstaltungen hatte ich mir einen Input für meine kommunalpolitische Tätigkeit erhofft. Das Ergebnis fiel für mich aber persönlich unterschiedlich aus. Während das Thema ÖPNV zwar materialmäßig gut ausfiel – man konnte mehrere Broschüren sowie Studien zum Nachlesen und Vertiefen mitnehmen –, war doch die Diskussion für mich eher unbefriedigend. Die Inputreferate blieben eher oberflächlich, und bspw. auf meine Frage, wie man als Mitglied in einem Verkehrsverbund den fahrscheinlosen ÖPNV anstoßen kann, habe ich keine richtige Antwort erhalten. Hier hätte ich mir gewünscht, dass konkret auf Beispiele eingegangen wird, wo es schon umgesetzt wurde. Das konkrete Gegenteil war der Workshop „ Alle bestimmen mit – Wie eine Bürger_innenbeteiligung in der Verwaltung funktionieren kann“. Die Diskussionsgruppe war sehr klein, so dass es zu einem regen Austausch gekommen ist. So haben nicht nur die Referent_innen erzählt, was bei ihnen machbar war, sondern auch die Teilnehmer_innen sind oft zu Wort gekommen und konnten ihre Erfahrungsberichte bzw. Fragen anbringen. Aus der Diskussion konnte ich auf alle Fälle mitnehmen, dass Bürger_innenbeteiligung nicht ohne die kommunale Verwaltung geht; wir dort als LINKE aber auf alle Fälle einen Schwerpunkt jetzt und in Zukunft setzen müssen. Denn die politische Zukunft kann man nur gemeinsam gestalten.

Ein weiteres Thema, das die Zukunft bestimmen wird und wo wir als LINKE unbedingt stärker aktiv werden müssen, ist die Netzpolitik bzw. die digitale Revolution. Mehrere Veranstaltungen auf der Zukunftswoche haben sich damit beschäftigt, z. B. die Podiumsdiskussion „Digitalisierung von Arbeit demokratisch veranstalten“ und „Digitale Revolution?“. In Zeiten, in denen 3D-Drucker immer mehr produzieren können und immer günstiger werden, wo Geräte und Maschinen die Produktion immer weiter verändern, die Kommunikation sich mit dem Internet und den sozialen Medien immer schneller wandelt, muss DIE LINKE sich damit beschäftigen. In Wissenschaft und Gesellschaft reden wir inzwischen von der Industrie 4.0. DIE LINKE hat aber bei vielen Diskussionsprozessen noch die Lohnarbeit von vor 20 Jahren vor Augen. Da sind die Piraten in ihrem Programm schon viel weiter als wir. Wenn wir hier nicht den Anschluss verlieren wollen – auch an jüngere Wähler_innenschichten – müssen wir das mit als obersten Punkt auf unsere Agenda setzen.

Auch mit anderen Themen müssen wir uns zukünftig stärker beschäftigen und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Sei es im Bereich der solidarischen Ökonomie und der Commons (Gemeingüter), indem konkrete Projekte bei uns in den Städten und Gemeinden mit unterstützt werden, oder bei den Arbeitskämpfen für eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen, vor allem im Bereich der Arbeitsverteilung und Arbeitszeitverkürzung.

Mit dem Manifest von Katja Kipping und Bernd Riexinger „Die kommende Demokratie: Sozialismus 2.0“, das beide zu Beginn der Konferenz vorgestellt hatten, wurde ein erster Schritt zur Zukunftsentwicklung getan, der aber nicht der letzte sein darf. Auch dieses Papier muss weiterentwickelt werden. So müssen meiner Meinung nach auch die Diskussionsprozesse und Ergebnisse aus der jetzt stattgefunden Zukunftswoche einfließen, aber auch das, was in Zukunft noch passieren wird.

Horst Kahrs hat es, wie ich finde, am Sonntag ganz richtig formuliert, als er in der Podiumsveranstaltung „Die nächste LINKE. Erfahrungen, Experimente, Visionen“ sagte: „Wir brauchen keine NÄCHSTE Linke, sondern eine weiterentwickelte.“ Wir dürfen nicht bei „Hartz IV muss weg!“ und „Gute Arbeit für gute Löhne!“ stehen bleiben. Wenn wir die Gesellschaft mit gestalten wollen, müssen wir uns auch an ihre stattfindenden Prozesse beteiligen. Denn das, was die Bürger_innen von uns verlangen, ist mehr als das, was wir derzeit tun. Darum sollten wir das wagen, was Twitternutzer auf die Frage „Was erwartet ihr von einer LINKEN?“ antworteten: Mehr Utopien entwickeln! Mehr Punkrock wagen! Denn der Mainstream sind schon die anderen.