Die Sache mit der Befreiung

von Peter Porsch

Wir haben Mai und in diesem Mai den 8. Mai als einen besonderen Tag. Das ist unwiderruflich der 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus – vom Faschismus der besonders brutalen nationalsozialistischen Prägung. Da beißt die Maus keinen Faden ab, wie man mit dem Volksmund sagen kann. Doch es beißen einige am Faden, der uns mit der Befreiung vom 8. Mai 1945 verbindet. Mittlerweile unüberhörbar verkünden sie, der 8. Mai 1945 sei gar kein Tag der Befreiung, sondern nur der „Tag des Kriegsendes“ gewesen, und entsprechend müsse die Erinnerung ausgerichtet sein. Darüber kann man nicht einfach hinwegsehen. Es sind nämlich „einige“ in mittlerweile nicht unerheblicher Zahl, die solches behaupten und oft wortgewaltig ihre Sprachregelung in die Gesellschaft tragen wollen.

Im Vorwort der 4. Auflage des DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch (Mannheim 2001) steht: „Sie (die neue Auflage) will dazu beitragen, dass die deutsche Standardsprache weiterhin als Trägerin der politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung verlässlich bleibt.“ Ein großes Ziel! Wörterbücher definieren nicht nur Wortbedeutungen, sie sagen uns mit Beispielen auch, wie diese Wörter in alltäglichen Zusammenhängen verwendet werden. Ich suche das Stichwort „befreien“ und der Aha-Effekt lässt nicht lange auf sich warten: „das Volk vom Faschismus, von den Kolonialherren b(efreien)“, lese ich. Das gefällt mir sehr, denn damit ist – und spätere Auflagen dieses Wörterbuches machen das nicht anders – eine politische und kulturelle Entwicklung klar und deutlich zum Ziel gebracht. Die Welt und auch das deutsche Volk wurden damals vom deutschen Faschismus befreit! Jetzt dämmert mir aber ein Unterschied zum zweiten Beispiel, zur Befreiung von den Kolonialherren. Wer hat denn wen von den Kolonialherren befreit? Das waren doch in einem hohen Maße die von den Kolonialherren unterdrückten Menschen selbst. Sie wurden nicht befreit. Sie haben sich selbst befreit, in einem langen politischen, ökonomischen, kulturellen und oft auch militärischen Kampf. Sie waren Akteure ihrer Befreiung. Eine Leistung, die seither gerade seitens der einstigen Kolonialherren gerne rückgängig gemacht werden will und auch gemacht wird, wiederum brutal mit politischen, ökonomischen, kulturellen und militärischen Mitteln. Wer sich in den ehemaligen Kolonien den Folgen durch Flucht entziehen will, auf die und den warten heute das Mittelmeer und ein neuer europäischer Rassismus.

Sich selbst vom Faschismus zu befreien hat das deutsche Volk nicht zustande gebracht. Nachgerade besoffen von der Vorstellung, sich die Welt unterwerfen zu können, folgte es damals den Verbrechern bis hinein in den bis dato schlimmsten, den totalen Krieg. „Und wenn alles in Scherben fällt, …“. Diese Vision schreckte nicht ab. Sie motivierte vielmehr. Es waren deshalb die anderen Völker in Europa, die sich ihre Befreiung von Unterdrückung, drohender Vernichtung und faschistischem Terror erkämpften – mit ihren Armeen, gemeinsam mit den USA und in aufopferungsvollem, auf sich selbst keine Rücksicht nehmendem Widerstand einfacher Menschen, in Frankreich, in der Sowjetunion, in Jugoslawien, in Griechenland, in Italien, … .

Natürlich gab es auch Widerstand in Deutschland, kommunistischen, religiösen, bürgerlich-humanistischen und erst sehr spät auch beim Militär. Gerade unter den gegebenen Bedingungen konnte er nur heldenhaft sein. Der Sieg über den Faschismus kam von außen. Dennoch, gerade dieser Widerstand zwingt wiederum, von Befreiung zu sprechen. Es waren die Überlebenden in den Konzentrationslagern, die zuerst die Befreiung erlebten. Eben darum war es auch eine Befreiung für das gesamte deutsche Volk. Ich wurde vor etwas mehr als siebzig Jahren als deutscher Reichsbürger geboren. Am 8. Mai war ich knapp sieben Monate alt. Unendlichen Dank allen Befreiern! Ihr habt mich von einer mir zugedachten Biographie befreit, die ich unter keinen Umständen hätte leben wollen. Diese Befreiung muss nachhaltig bleiben. Wehren wir allen Anfängen der Rückkehr und Akzeptanz von Unmenschlichkeit!