Wolfgang Harich: 1923-1995

von René Lindenau

Im gewissen Sinne könnte man sagen: Jetzt wird es „haarig“. Gemeint ist Wolfgang Harich, seiner soll hier gedacht werden. Streitbar und umstritten war er ja, als Theaterkritiker und als Philosoph.

Eine harsche Kritik brachte ihm 1946 gleich eine Ohrfeige durch die Schauspielerin Käthe Dorsch ein, während die DDR ihn 1956 direkt verhaften ließ. Was sagt uns das? Ob Theaterkritik oder Systemkritik: Kritiker haben es immer schwer. Mag aber auch sein, dass Kritiker und Kritisierte es sich einander auch nicht immer leicht machen. Dennoch – Kritik sollte erlaubt sein, konstruktiv vorgetragen, bringt sie Bewegung statt Stillstand. Wolfgang Harichs Schuld war es, in einem „Manifest über den deutschen Sozialismus, über die Demokratisierung der SED sowie über die Wiedervereinigung von links“ nachzudenken. Aber in einer sozialistischen DDR war jenes Nachdenken nicht erlaubt, stattdessen wurde ein Schauprozess angestrengt. Der Angeklagte Harich fürchtete gar die Todesstrafe. Diese Furcht ließ ihn sicher diese Bemerkung machen:

„Mir ist es klar, dass der Staatssicherheit zu danken ist, dass sie also unseren Staat vor größerem Schaden bewahrt hat (…) Ich wäre nämlich nicht mehr aufzuhalten gewesen. Ich war wie so ein durchgebranntes Pferd, das man nicht mehr durch Zurufe aufhält. Mit diesen Ideen im Kopf bin ich eben durchgegangen, und wenn sie mich nicht festgenommen hätten, dann wäre ich heute nicht reif für die zehn Jahre, die der Herr Generalstaatsanwalt beantragt hat, sondern für den Galgen. Und deshalb (…) sage ich der Staatssicherheit also dafür meinen Dank“. Ganz anders sein Mitangeklagter, Walter Janka. Ungebrochen sagte er sagte im Prozess aus: „Von meinen 43 Lebensjahren sind fast 30 Jahre (…) mit der Arbeiterklasse, mit der kommunistischen Bewegung verbunden (…) Es ist kein leeres Wort, dass ich mich lieber in Stücke reißen lasse, als dass ich Konzessionen machen würde und dem Kapitalismus jemals die Hand reichen würde.“

Das so unterschiedliche Auftreten vor Gericht und in der Haft selbst dürfte die Ursache dafür sein, dass aus den einstigen Mitstreitern später Erzfeinde werden sollten. Während Janka sich in „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ (1990) erklärte, konterte Harich mit „Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ (1993). Aber das ist wieder ein anderes tragisches Kapitel der deutschen Geschichte.

Natürlich war sein Leben nicht nur derart – prozessgesteuert. Es gab ein Davor und Danach.
Zunächst wurde Harich 1942 in die Wehrmacht einberufen, nach einer Bestrafung wegen „unerlaubter Entfernung von der Truppe“ entfernte er sich 1944 ganz von ihr: Er desertierte. In Berlin untergetaucht, fand Harich Kontakt zu einer kommunistischen Widerstandsgruppe. Nach dem Krieg beauftragte ihn Wolfgang Leonhard mit der Organisation der Kulturarbeit in Wilmersdorf und in anderen Stadtteilen der Westsektoren. Ab 1948 hielt er an der Berliner Universität Vorlesungen in marxistischer Philosophie, 1951 promovierte er über Herder. Dem folgte die Berufung zum Professor an der Philosophischen Fakultät. Gemeinsam mit Ernst Bloch gab er ab 1953 die Deutsche Zeitschrift der Philosophie heraus. Das alles klingt zunächst nach einer bilderbuchhaften Karriere.

Als Harich jedoch nach dem 17. Juni 1953 die seines Erachtens „dogmatische Kultur- und Medienpolitik der SED“ kritisierte, bekam dieses Bild erste Risse. Die Universität musste er verlassen, als Cheflektor des Aufbau-Verlages fand er 1954 ein neues Betätigungsfeld.
Sein Chef: Walter Janka. Wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck des XX. Parteitages fand sich ab 1956 im Aufbau-Verlag ein kleiner Kreis zusammen, um die Möglichkeiten und Potentiale eines freien Sozialismus ebenso zu diskutieren wie die Chancen auf eine Reformierung und Neuausrichtung der DDR. Dabei entstand unter maßgeblicher Beteiligung Harichs und Jankas u.a. das Papier der „Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“. Statt nun aber mit diesen Anschauungen einen offenen Diskurs zu führen, wurde gegen die Autoren prozessiert.
Der DDR-Klassenjustiz waren das jedenfalls zehn Jahre Zuchthaus wert. Dank einer Amnestie wurden für Harich acht Jahre daraus.

Was war, was ist aber so verwerflich daran, sich Gedanke über einen besseren Sozialismus zu machen, frei von allen Geiseln des Stalinismus, wo Freiheits- und Bürgerrechte verwirklicht sind, in dem die innerparteiliche Demokratie gestärkt, freie Parteien und Gewerkschaften zugelassen sind, in der das Individuum eine Aufwertung erfahren sollte? Und was kann man gegen einen entmilitarisierten, neutralen deutschen Staat mit sozialistischer Prägung einwenden? Noch dazu aus Sicht eines Linken, eines Sozialisten?

Das Leben von Wolfgang Harich hatte viele Facetten: Sein Eintreten für einen demokratischen Sozialismus innerhalb der Harich-Gruppe und der damit verbundene Prozess, später avancierte er zu einem Pionier linker Wachstumskritik. Der Vorsitzende einer Alternativen Enquetekomission zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit war er auch noch. In diesem Spannungsbogen lebte er. Zu Janka sollte der – so gesehen – endgültig reißen: Während Janka schon 1990 aus der PDS austrat, trat Harich 1994 ein.

Ein Jahr danach starb der linke Querdenker. Ihn weiter denken, schöpferisch mit ihm umgehen, ihn sich in kritischer Weise anzueignen, darauf hat er weiter Anspruch. Denn viele Fragen, die Harich einst stellte, harren noch immer der Antworten.