Sitzen zwei auf dem Blauen Sofa

Eine Rückschau auf die Leipziger Buchmesse mit Hör-, Seh- und Lesetipps von Ralf Richter

Wer reinkommt in die Glashalle bei der Leipziger Buchmesse, steuert unweigerlich auf „Das Blaue Sofa“ zu. Hier werden von ZDF und Deutschlandradio Kultur die renommiertesten Autoren interviewt. Am „Messe-Freitag“ waren es u. a. Gysi und Schorlemmer. Bei der Vorstellung ihres gemeinsamen Buches „Was bleiben wird“ (Aufbauverlag, ca. 300 Seiten für 19,95 Euro in der gebundenen Ausgabe oder als eBook für 15,99 Euro) sagte Gysi sinngemäß: „Ob heute nun der Bürgermeister von dieser Partei kein Geld zu verwalten hat oder von jener, das interessiert immer weniger Menschen“. Er sagt es, nachdem Schorlemmer berichtet hat, dass in seiner Heimatstadt Wittenberg bei der letzten Bürgermeisterwahl kaum noch 30 Prozent überhaupt zur Wahl gegangen sind. Gysi fordert Handlungsspielraum für Kommunen. Der werde erst erreicht, wenn es zu einer grundsätzlichen Haushaltsreform bei Bund, Ländern und Kommunen kommt. Doch vorher wird in Dresden eine neue Bürgermeisterin, ein neuer Bürgermeister gewählt, der/die auch wieder kein Geld hat. Wenn es so weitergeht, wird diese Stadt nicht einmal den Elberadweg vor den Demontageabsichten einer „Investorin“ schützen können. Ob nun Stange oder Ulbig mit dem Schutz des Elberadweges scheitern, das muss den Wähler Müller oder Lehmann vielleicht wirklich nicht interessieren, denkt man. Sollte es aber doch, findet Schorlemmer und hat auch nichts dagegen – er, der Sozialdemokrat –, wenn politisch Interessierte bei den Linken mitmachen. Denn: „Die Entpolitisierung heute finde ich schlimmer als die Ideologisierung früher!“ Wieder so ein Satz, über den es sich länger nachzudenken lohnt. Die Herren sind beide älter geworden, streitbar und geistig fit sind sie aber vielen Jüngeren überlegen – vom rhetorischen Schliff ihrer Ausführungen ganz zu schweigen. Den findet man so kaum in der jüngeren Politiker-Facebook-Twitter-Generation. Und wie sie sich die Bälle zuwerfen! „Wenn man älter wird, verliert man vielleicht die meisten Illusionen, aber es wächst auch die Hoffnung.“ Der Mehrwert des „Blauen Sofas“, das es seit fünf Jahren gibt, besteht darin, dass dort Gesagtes dank des Internets nicht verloren geht, sondern erlebbar bleibt. Was man am Messetag live nicht so genau gehört hat, kann man also am nächsten Tag bei Deutschlandradio Kultur nachhören. Und wenn man selbst das verpasst hat, bleiben einem immer noch die Mediatheken. Und wenn es selbst dort nicht mehr zu finden ist, wird man gewiss einen Mitschnitt bei youtube hören können. Man kann der Sache aber auch ganz anders auf den Grund gehen und im „Freitag“ nach „Was bleiben wird“ suchen. Dort war das Gysi/Schorlemmer-Werk „Buch der Woche“, und der „Freitag“ nutzt die medialen Mittel, um dazu Schorlemmer, Gysi und andere zu Wort kommen zu lassen. Die schönste Kurzzusammenfassung des Werkes liefert wohl die Thüringische Landeszeitung in prägnanten Sätzen: „Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer standen einst auf verschiedenen Seiten: SED-Funktionärssohn und Anwalt der eine, der andere evangelischer Pfarrer und Oppositioneller. Jetzt versuchen sie gemeinsam zu ergründen, was die DDR gewesen ist.“ Abschließend sei angemerkt, dass das Buch auf ein Gespräch im Sommer letzten Jahres zurückgeht, das Hans-Dieter Schütt, der langjährige Chefredakteur der Jungen Welt, aufgezeichnet hat.
Es braucht Hoffnung in diesen Tagen, wo die Menschen merken – noch einmal Gysi –, dass es keine Weltordnung mehr gibt seit dem Zusammenbruch des Ostblockes, sondern nur noch ein unkontrolliertes Schalten und Walten der Finanzkonzerne und Banken. Dieser Hoffnung gibt Jean Ziegler Ausdruck, der große Schweizer, der für „Tacheles“ am wenige Schritte vom Blauen Sofa entfernten Stand von Deutschlandradio Kultur enthüllt, dass er einmal als „Che Guevara-Chauffeur“ dem großen Revolutionär angeboten hat, mit ihm in Lateinamerika gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen – das Angebot erfolgte mitten in Zürich. Daraufhin habe „Che“ nur auf die Stadt gewiesen und gesagt: „Hier ist Dein Kampffeld!“ Im Stephané-Hessel-Stil hat nun Ziegler ein Buch herausgebracht: „Ändere die Welt!“, bei Bertelsmann für 19,99 Euro. Ziegler sieht den „nahen Aufstand des Gewissens“. Er ruft auf, sich einzubringen in die vielen Graswurzelbewegungen von Attac bis Occupy. Den Glauben, dass Parteien etwas ändern können, hat er offenbar nicht mehr. Aber: „Man muss gegen diese mörderische Weltordnung aufstehen – das Schlimmste wäre, es nicht versucht zu haben.“ Ziegler sieht die Welt „an der Schwelle zu einer total neuen Zeit“, in der die neoliberalen Fehlentwickelungen seit Thatcher und Reagan auf den Prüfstand kommen und korrigiert werden. Denn letztlich wird nur eine solidarische Welt eine Zukunft haben. Hier schließt sich der Kreis zu Gysi, der es zwar richtig findet, dass sich so viele für die Flüchtlinge in diesem Land engagieren, der aber auch gern endlich einmal über die Ursachen der Flüchtlingsströme reden würde. Nein, es reicht nicht, an den Symptomen zu arbeiten, man muss an die Ursachen heran, vielleicht reift diese Erkenntnis später. Mit simplen Straßenslogans „Alle raus!“ (PEGIDA) gegen „Alle rein!“ (No-PEGIDA) erreicht man gar keine Lösung. Was die drei älteren Herren Gysi, Schorlemmer und Ziegler bieten, lotet deutlich tiefer gesellschaftliche Entwicklungen aus.
Im Abgang noch ein kurzer Schwenk zum Stand der Bundeszentrale für Politische Bildung. Ich kann es kaum glauben: Man führt dort das auf der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichnete Buch von Pankaj Mishra „Aus den Ruinen des Empires – Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ in der eigenen Schriftenreihe. Was einem im letzten Jahr als gebundene Ausgabe noch unerschwinglich erschien, kann man heute bei der Bundeszentrale als Taschenbuch für 4,50 Euro bestellen! Und es gibt noch sehr viel mehr Bücher über Asien, Afrika, die DDR-Geschichte und jede Menge andere Themen – auch mit Tipps für die Unterrichtsgestaltung für Lehrer. Alles unter www.bpb.de und wirklich, sehr, sehr günstig für heutige Verhältnisse – da lohnt es sich, regelmäßig vorbeizuschauen. Wer also in schwierigen Zeiten einen Hoffnungsschimmer braucht, kann im Netz nach den Hinterlassenschaften der diesjährigen Leipziger Buchmesse recherchieren – es ist fast unmöglich, daraus keinen persönlichen Gewinn zu ziehen.