„Akademisierungswahn“ – Nida-Rümelin rechnet ab

von Ralf Richter

Julian Nida-Rümelin meldet sich zu Wort. Der Kulturstaatsminister der Schröder-Fischer-Regierung hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, das in der edition Körber-Stiftung erschienen ist. Auf 256 Seiten analysiert Rümelin die Kursrichtung aktueller Bildungspolitik. Dabei sagt der Titel „Der Akademisierungswahn – Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung“ schon viel aus. Freilich, der aus einer Künstlerfamilie Stammende ist kein Praktiker, sondern ein Theoretiker. Das merkt man seinem Buch auch an. Es geht also nicht um den Nah-Kampf in Berufsschule und Uni, den die Lehrer oft gegen Smartphone- und soziale Netzwerksucht verlieren, sondern ums große Ganze: Insbesondere wurde Bildungspolitik in den Landtagen und Kommunen in Ostdeutschland nach 1989 nach Rezepten gemacht, die aus den 60ern und 70ern Westdeutschlands stammten? Tatsächlich waren aber die damaligen Weichenstellungen in der alten Bundesrepublik längst obsolet und hatten sich als fehlerhaft erwiesen. Doch der Diskurs darüber hatte in der alten Bundesrepublik in den 80ern noch nicht begonnen. So wurden die Fehler nach der Wende in Ostdeutschland wiederholt. Wir erinnern uns: Vor ´89 entsprach die Abiturientenquote in der DDR jener der Schweiz. Etwa 20 Prozent eines Jahrgangs machten in der DDR Abitur, über EOS, Spezialschule oder Berufsausbildung mit Abitur. Die meisten machten zunächst ihren Facharbeiter und dann wurden sie eventuell Meister oder Fachschulingenieure – im Prinzip aber war die Gesellschaft in der DDR eine Facharbeitergesellschaft.
Im Westen war die Situation 1989 eine ganz andere. Dort machten ca. die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs Abitur. Während in Ostdeutschland sehr viele mit dem Facharbeiterabschluss gut leben konnten, galt der Mensch in Westdeutschland erst mit dem Hochschul- oder Universitätsabschluss als „richtiger Mensch“. Die Sozialdemokraten hatten deshalb in den 70er Jahren massiv in Universitäten investiert, mit dem Ziel, dass möglichst jeder Abitur machen und studieren sollte. Dies war ein völlig anderes Verständnis von Bildung als in der DDR. Während in der DDR bis zu zehnten Klasse eine gute Allgemeinbildung für alle „geliefert“ wurde, gab es in der BRD eine Bildungspolitik des Selektierens und Aussiebens. Dies begann frühzeitig. Wer kein Abi hatte, war auf die Loser-Rolle abonniert – dabei war die Berufsausbildung auch in Westdeutschland nicht schlecht und wesentlich praxisorientierter als in der DDR, wo großer Wert auf theoretische Kenntnisse gelegt wurde. Nida-Rümelin macht aber keinen Ost-West-Vergleich, sondern schaut in die Zukunft. Wie hoch ist der Bedarf an Akademikern wirklich, und ist die akademische Bildung überhaupt das wert, was sie verspricht?
Nida-Rümelin bricht in seinem Buch eine Lanze für die berufliche Bildung, denn die meisten Menschen werden wie in der Gegenwart auch in der Zukunft nicht in akademischen Berufen unterkommen – weil es diese Stellen schlicht und einfach nicht gibt. Solide ausgebildete Facharbeiter und Fachhochschulingenieure aber werden Mangelware. Der Humanist spricht aus ihm, wenn er fordert, endlich Schluss zu machen mit der Arroganz, den Hochschul- oder Universitätsabschluss über den Berufsausbildungsabschluss zu stellen. Stattdessen fordert er den Zugang zu wissenschaftlichen Inhalten in der Berufsausbildung, denn eine Berufsausbildung muss heute mehr Wert auf eine hohe Allgemeinbildung legen – weil kaum jemand mit einer Berufsausbildung in seinem Leben auskommen kann, da sämtliche Berufsbilder starkem Wandel unterliegen, der durch die Digitalisierung ausgelöst wurde. Deshalb wird über die Phase des gesamten Erwerbsarbeitslebens eine hohe geistige Beweglichkeit für alle notwendig, unabhängig vom letzten Bildungsabschluss. Entscheidungen müssen auf der Basis von Wissen getroffen werden und Arbeiter wie Ingenieure müssen in der Lage sein, die Folgen ihrer Entscheidungen abzuschätzen. Erfolgt das nicht, verschwinden komplette Stadtarchive wie in Köln in einem Schacht, weil die Bauaufsicht aufgelöst wurde und der öffentliche Dienst immer weniger seinen Aufgaben nachkommt. Was sich heute akademische Ausbildung nennt, ist nicht selten eine Mogelpackung – denn eine Verbindung von Forschung und Lehre ist oft nicht mehr gegeben, und ein Bachelorabschluss kann – muss aber noch lange nicht – ein akademischer Abschluss sein, weshalb Rümelin die angebliche US-Rate von 40 Prozent Akademikern stark anzweifelt und nach seiner Rechnung auf zehn Prozent kommt. Rümelin prangert eine OECD-Statistik an, die Äpfel mit Birnen vergleicht und von Deutschland ständig mehr Universitätsabsolventen erwartet. Stattdessen fordert er, die Berufs- und die Fachhochschulausbildung massiv zu stärken, so dass in Zukunft auch die klügeren Abiturienten oder Studienabbrecher eine gute und solide Berufsausbildung absolvieren werden, die sie nicht unterfordert. Gleichzeitig sollen Universitäten und Hochschulen mehr Wissen an die Gesamtbevölkerung abgeben – hier schimmert der alte URANIA-Gedanke wieder auf, der von Wissenschaftlern verlangt, ihre Kenntnisse in populärwissenschaftlicher Form unters Volk zu bringen. Das entspräche dem Humboldt‘schen Ideal, geschieht aber derzeit viel zu wenig. Statt einer abgehobenen „Bildungselite“ setzt der Autor auf eine Volksbildung im wahrsten Sinne des Wortes, wenn dieses Land eine Zukunft haben soll mit seiner Wirtschaft und Kultur. Kurz: Nicht weniger als ein radikaler Kurswechsel in der Bildungspolitik ist angesagt! Der Text ist nicht ganz einfach zu lesen, viele Stellen verdienen es aber, gehört zu werden. Das Buch kostet 16 Euro und ist auch als Ebook erhältlich.