Was bleibt von Jugoslawien?

von Dr. Hartmut Kästner

Als am 7. März 1945, also vor 70 Jahren, die Provisorische Regierung des Demokratischen Föderativen Jugoslawien gebildet wurde, war das nur ein Moment in der Geschichte des neuen Jugoslawiens.
Der revolutionäre Prozess zur Herausbildung des Staates hatte früher begonnen, nämlich unmittelbar nach dem Überfall Deutschlands auf Jugoslawien (6. April 1941). Wenige Tage später kapitulierte der Staat. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt begannen nationale und patriotische Kräfte, den Okkupanten Widerstand zu leisten. Davon zeugte die heroische Episode der Partisanenrepublik von Uzice (November 1941). Die Partisanen erhielten Unterstützung durch die Sowjetunion und durch England. Ende 1942 gab es bereits ein geschlossenes befreites Territorium und es konnte die Republik von Bihac (Bosnien) gegründet werden. Spiritus rector des ganzen war der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens (AVNOJ), dessen Hauptkräfte die Kommunisten waren. Auf seiner zweiten Tagung in Jajce (29./30.November 1943) bildete der AVNOJ ein Nationalkomitee, das bereits Funktionen einer provisorischen Regierung wahrnahm. Aus diesem Nationalkomitee entstand dann die Provisorische Regierung.
Nach den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung am 11.11.1945 , die eine überwältigende Mehrheit für den Rat und damit für die Kommunistische Partei ergaben, wurde am 29. 11. 1945 die Föderative Volksrepublik Jugoslawien ausgerufen.
37 Jahre war es Josip-Broz Tito, der dem Land den Stempel aufdrückte. Er war die überragende Figur im Widerstandskampf gegen die deutschen Okkupanten, gegen die faschistischen Ustascha-Kämpfer und die Tschetniks. Während des Widerstandskampfes war er zum Marschall ernannt worden und stand an der Spitze des AVNOJ. Am 29. November 1945 wurde er Ministerpräsident der Volksrepublik Jugoslawien. Nach der Annahme einer neuen Verfassung im Jahr 1953 wurde Tito am 14. Januar 1953 in das Amt des Staatspräsidenten gewählt, das er ab 1963 auf Lebenszeit innehatte. Er starb am 4. Mai 1980 wenige Tage vor seinem 88. Geburtstag. Er selbst soll die Kompliziertheit des Aufbaus eines brüderlich-verbundenen, demokratischen Jugoslawiens wie folgt umschrieben haben: „Ich regiere ein Land mit zwei Alphabeten, drei Sprachen, vier Religionen und fünf Nationalitäten, die in sechs Republiken leben, von sieben Nachbarn umgeben sind und mit acht Minderheiten auskommen müssen.“ Nach Titos Tod hatten viele Politiker und Wissenschaftler das Auseinanderfallen Jugoslawien erwartet. Das trat nicht sofort ein, es begann aber ein Prozess des starken Artikulierens nationaler Interessen durch die Teilrepubliken. Es kam es zu nationalen Anfeindungen und Abspaltungsbestrebungen. Die alte Titosche Losung „Bratsvo i Jedistvo“ (Brüderlichkeit und Einheit) war tot. An ihre Stelle trat die Realität bewaffneter Auseinandersetzungen, trat der Jugoslawienkrieg. Die Teilrepubliken strebten, auch unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, ihre Unabhängigkeit an und errangen nach insgesamt rund zehn Jahren währenden, teils brutal geführten Kämpfen die internationale Anerkennung als souveräne Staaten.
Was bleibt von Jugoslawien, was bleibt von den hoffnungsvollen Ansätzen der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Es bleibt eigentlich nur die Erinnerung an den Versuch, einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus zu beschreiten und eine dritte Kraft in einer bipolaren Welt zu sein. Die Realität des heutigen Serbien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien und Bosniens-Herzegowina sowie des Kosovo ist eine völlig andere, als sie in den 40er Jahren gedacht und in der Folgezeit – wenn auch sehr unzulänglich – zu realisieren versucht wurde. Das Nationalitätenproblem, die Überwindung eines wirtschaftlichen Nord-Südgefälles, die Herstellung einer Arbeiterselbstverwaltung (E. Kardelj), die Errichtung einer wahren Volksherrschaft (M. Djilas) – all diese Ziele wurden nicht erreicht. Stattdessen kam es in Jugoslawien zu einem autokratischen System mit einem auswuchernden Personenkult. Aber auch vom Begründer dieses Systems, von Tito, blieb nicht viel: Die Städte, Straßen etc., die nach ihm benannt waren, sind schon lange wieder umbenannt. Sein Grabmal – das Haus der Blumen – in Belgrad wird von der serbischen Führung als Last empfunden. Was bleibt? Fast nichts.