Ruandas Sturz in den Genozid

von Andreas Haupt

Im eben erst vergangenen Jahr 2014 dominierte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren unseren Erinnerungshorizont. Der rwandische Genozid, der vor 20 Jahren stattfand und bei dem fast eine Million Menschen binnen 100 Tagen getötet wurde, blieb dagegen weitgehend unbeachtet. Dieser Lücke des Gedenkens hat sich der Verlag Das Wunderhorn mit der Übersetzung von Scholastique Mukasongas im Original 2012 erschienenem und mit dem Prix Renaudot ausgezeichnetem Roman „Notre-Dame du Nil“ angenommen. Die Autorin wurde 1956 in Rwanda geborenen und musste schon in ihrer Kindheit die Gewalt und Demütigungen des ethnischen Konflikts in Ruanda erfahren. Mit 17 Jahren ging sie nach Burundi ins Exil. Ein Großteil ihrer Familie fiel dem Völkermord in Ruanda 1994 zum Opfer. Sie lebt heute mit ihrer Familie in der Normandie.

Der Entwicklungsroman „Die Heilige Jungfrau vom Nil“ spielt nicht während des Völkermordes, sondern schildert den Schulalltag an einem katholischen Mädchenpensionat in Ruanda der 1970er Jahre, zwei Jahrzehnte vor dem Genozid. An dieser Schule hoch oben im südwestlichen Bergland, unweit einer der Nilquellen, lernen die Töchter ranghoher Politiker, Militärs, Geschäftsleuten und Diplomaten, aber auch die mittelloser Bauern unter strenger katholischer Aufsicht. Doch die scholastische Idylle trügt. Ruanda ist seit einigen Jahren unabhängig, und mit der sozialen Revolution haben sich auch die einstigen Machtverhältnisse zwischen den Tutsi und den Hutu zugunsten der Hutus verschoben. Eine gesellschaftliche Veränderung, die auch im Bildungswesen ihre Folgen zeigt. Der Zugang zum Bildungssystem ist für Kinder der Tutsi durch eine Quote, schon oft Quell ewigen Unfriedens, geregelt. Doch für die Schülerin Gloriosa, eine Hutu, ist das noch nicht genug: „Auf zwanzig Schülerinnen zwei Tutsi, das ist also die Quote, und wegen der haben Freundinnen von mir, echte Ruanderinnen vom Hauptvolk, dem Volk-der-Hacke, in der Schule keinen Platz mehr bekommen“. Die Schule wird zum Mikrokosmos, in dem sich die Mechanismen der Gewalt und des Hasses spiegeln, und entlarvt den ethnischen Wahn und die kolonialen Altschulden. Die Schülerin Modesta, die selbst halb Hutu, halb Tutsi ist, sagt zum Ursprung des Rassenwahns: „Dass es in Ruanda nun mal zwei Rassen gab. Oder drei. Das haben die Weißen gesagt, sie haben es herausgefunden. Sie schrieben es in ihren Büchern. Gelehrte kamen extra dafür angereist, maßen alle Schädel“. Aber auch nach der Unabhängigkeit sind es Europäer wie Pater Herménégilde, der belgische Anstaltsgeistliche, der in antisemitischer Weise gegen die Tutsi hetzt, die für ihn wie „die Juden“ seien. Doch bevor der mörderische Hass in seinem unausweichlichem Pogrom mündet, erzählt die Autorin, ermöglicht durch die gewählte Schreibform des Tagebuchs, wunderbare Geschichten über das ‚normale‘ Leben ruandischer Mädchen. Über eine Schülerin, die zu einer Regenmacherin geht, damit diese ihr ein spezielles Liebespuder für ewige Treue ihres motorisierten Freundes abmischt. Das belgische Königspaar, das seine einstige Kolonie mit einer Visite beehrt, der zairische Botschafter, dessen liederliches Treiben mit einer Schülerin die Mutter Oberin geflissentlich übersieht, aber auch die bekannte Gorilla-Forscherin Dian Fossey und der deutsche Fotojournalist Robert Lebeck umkreisen das Geschehen an der Mädchenschule wie bunte Himmelskörper.

Scholastique Mukasonga ist ein packender Roman voll unerträglicher Spannung gelungen. Sie hat unter dem trügerischen Schutz einer Schwarzen Madonnenstatue einen Ort des Friedens geschaffen, der nach und nach vom Hass gefangen genommen wird. Es graut einem beim Lesen, wenn man sich daran erinnert, dass das Entsetzliche, das dann losbricht, sein exaktes Vorbild in der Realität hat.

Scholastique Mukasonga: Die heilige Jungfrau vom Nil. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2014. 24,80 Euro.