„Es war alles falsch, es waren unsere besten Jahre“

von Volkmar Wölk

Mehr als eine Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens

„Es wird nie ein Mensch fliegen“, so behauptet überzeugt der Bischof gegenüber den Leuten – nachdem der „Schneider von Ulm“ beim Versuch, das Gegenteil zu beweisen, auf dem Pflaster zerschellt ist. So jedenfalls in Bert Brechts gleichnamiger Ballade. Nun, es haben trotzdem immer wieder Menschen versucht. Und auch wenn nicht der Mensch selbst fliegt, sondern von ihm beherrschte Maschinen, ist der Bischof längst widerlegt. Der Mensch fliegt. Und nur dann, wenn seine Maschinen versagen, zerschellt er weiterhin am Boden.
„Der Schneider von Ulm“ ist der Titel einer endlich auch auf Deutsch erschienen Monografie über die Kommunistische Partei Italiens aus der Feder von Lucio Magri. Übersetzungen des 2009 veröffentlichten Bandes in andere Sprachen liegen seit Jahren vor. Es ist bezeichnend für den Zustand der deutschen Wissenschaft und des deutschen Verlagswesens, dass die jetzt vorliegende Ausgabe nur durch die finanzielle Unterstützung etlicher Wissenschaftler sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung im renommierten Argument-Verlag erscheinen konnte. Der britische „Guardian“ urteilt in seiner Rezension des Bandes: „Manchmal spürt man den Schmerz eines Menschen, der sein Leben lang für ein besseres Italien gekämpft hat, um schließlich einem so lächerlichen Widersacher wie Silvio Berlusconi gegenüberzustehen – besiegt nicht etwa von den Massen, sondern von den Märkten“. Man könnte sich wohl kaum einen kundigeren Analytiker des Scheiterns der einstmals mit Abstand größten Kommunistischen Partei in Westeuropa vorstellen. Lucio Magri hat die Geschichte dieser Partei ein Leben lang mitgestaltet. In leitenden Funktionen ebenso, wie auch als Ketzer, als ihm die Parteilinie untragbar zu werden schien. Das Resultat seiner Dissidenz war im Jahr 1971 die Tageszeitung „Il Manifesto“, die – trotz erheblicher finanzieller Schwierigkeiten – im Gegensatz zur KP bis heute überlebt hat. Mit Magri gemeinsam gegangen waren führende Intellektuelle der Partei wie Luigi Pintor und Rossana Rossanda. Gelesen wurde ihr Blatt aber weiterhin auch in Kreisen der KPI, denn Teile des Jugendverbandes und einzelne Parteigliederungen, aber auch die linke Metallarbeitergewerkschaft und linke Intellektuelle teilten die Kritik der Gruppe um „Il Manifesto“.
Aus der Zeitung, die somit tatsächlich kollektiver Organisator wurde, entstand 1974 eine Partei: die „Partei der proletarischen Einheit für den Kommunismus“. Am Gründungsparteitag nahmen Vertreter fast sämtlicher Befreiungsbewegungen aus der so genannten Dritten Welt teil. Lucio Magri wurde der Generalsekretär der neuen Formation. Ein wesentliches Ziel bestand seit Anbeginn darin, die eigene Existenz überflüssig zu machen.
Dies wäre dann erreicht, wenn die KPI ihre wesentlichen Fehler korrigiert hätte und innerparteiliche Demokratie umgesetzt würde. In wohl allen anderen Ländern wäre eine solche Abspaltung von der hegemonialen Kommunistischen Partei als Feind behandelt worden. Es ehrt die KPI, dass sie diesen üblichen Weg nicht gegangen ist. 1984 bot Enrico Berlinguer, damals Generalsekretär, die Rückkehr in die Mutterpartei an. Das Angebot wurde angenommen, wichtige Personen der Gruppe wie Lucio Magri in wichtige Leitungsfunktionen kooptiert.
Doch war es bereits zu spät, um wirksam den Kurs zu ändern. 1991 folgte die schmähliche Selbstauflösung der Partei. Magri und der Kreis um ihn stimmten gegen diesen Schritt. Anschließend organisierten sie sich in der neuen „Partei für die Kommunistische Neugründung“ (PRC) sowie in der Friedensbewegung. Um schließlich auch das Scheitern der PRC erleben zu müssen.
Als im vergangenen August bei der europäischen Sommeruniversität von Attac in Paris Wissenschaftler_innen aus zahlreichen Ländern bei einem mehrtägigen Workshop über das Erstarken rechter Parteien auf dem Subkontinent zu debattierten, wurde von etlichen Teilnehmenden die eklatante Schwäche einer linken außerparlamentarischen Bewegung und der linken Parteien als eine Ursache dafür benannt. Sichtbar unruhig dabei wurde der Italiener Matteo Albanese. Er merkte schließlich an: „Ihr jammert auf hohem Niveau. In Italien gibt es schon längst keine Linke als gesellschaftliche Kraft mehr“. Lucio Magris Buch untersucht und schreibt also die Geschichte eines Scheiterns. Sachkundig und schonungslos gegenüber der eigenen Partei wie auch gegenüber der kommunistischen Bewegung insgesamt. Und doch wird sein historischer Optimismus bereits im Buchtitel deutlich. Der „Schneider von Ulm“ ist zwar nicht geflogen, aber der Mensch fliegt doch. Der Kapitalismus, davon war auch der greise Lucio Magri zutiefst überzeugt, wird nicht das Ende der Geschichte sein.

Lucio Magri: Der Schneider von Ulm; XXIII + 458 S., Hamburg: Argument, 2015, geb., 46 Euro