No Future war gestern

von Katja Kipping

Die Woche der linken Zukunft im April ist die Chance, für DIE LINKE ihre Antworten für ein besseres Morgen zu diskutieren

An die Zukunft denken viele Menschen in politischen Begriffen momentan lieber nicht. Wer kann es ihnen verdenken? Grund für schlechte Laune gibt es schließlich, wohin man schaut: Krieg in der Ukraine, Terror in Paris, Elend in Südeuropa, Prekarisierung selbst im Land des „Exportweltmeister“ und Rassismus auf den Straßen. Es scheint heute häufig tatsächlich realistischer, sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorzustellen, wie der Kulturtheoretiker Mark Fisher das Fehlen der Utopie im Neoliberalismus einmal umschrieb. Keine guten Zeiten für eine demokratisch-sozialistische Partei, könnte man meinen. Doch es gibt zahlreiche Ansätze und Alternativen, die auch eine ganze andere, hoffnungsvolle Perspektive möglich machen. Manchmal sind sie klein – wie Ansätze einer Shareconomy oder demokratische Haushalte auf kommunaler Ebene –, manchmal groß wie umfassende Konzepte für eine gerechtere Finanzordnung und den sozial-ökologischen Wandel. Zudem machen soziale Bewegungen und neue linke Parteien, wie Syriza in Griechenland, deutlich, dass die Linke vielleicht europaweit vor einem Comeback steht.

Es gibt also keinen Grund, sich in den eignen vier Wände zu verkriechen. Denn wer nicht heute schon an morgen denkt, überlässt anderen dessen Gestaltung. Und wohin die Ideen der neoliberalen Eliten führen, haben wir in den letzten Jahren erleben dürfen. Außerdem braucht eine linke Partei immer auch das überschießende Moment, sie kann im Gegensatz zu den Rechten ihre Poise nicht aus der Vergangenheit borgen, sondern nur aus der Zukunft ziehen. Die LINKE muss also über den Tag hinaus denken, wenn sie ihren eigenen, gesellschaftskritischen Anspruch ernstnimmt. Sie sollte das aber auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse tun. Denn der erfolgreiche Aufbau einer gesamtdeutschen Partei links von der SPD hat in den letzten zehn Jahren wesentlich auf politischen Pfeilern beruht, die eine erfolgreiche Parteientwicklung in Zukunft nicht mehr alleine tragen werden. Weniges veranschaulicht das besser als die jungen Leute, die – konfrontiert mit unserer Forderung „Hartz IV muss weg“ – mit der entgeisterten Frage antworten: Wie, das wollt ihr uns jetzt auch noch wegnehmen? Natürlich bleiben der Kampf gegen Hartz IV, die Ablehnung der Agenda-Politik (und von Kriegseinsätzen) zentrale Punkte für die Linke. Jedoch sind darüber hinausweisende, nach vorne gerichtete Alternativen gefragt. Gerade das offensichtliche Scheitern des Finanzkapitalismus macht deutlich, dass eine eigene linke Vision von Gesellschaft, eine positive Erzählung und eine dazugehörige Vorstellung von konkreten Einstiegsprojekten nötig sind. Mit anderen Worten: Es braucht neue strategische Anker für die Partei.

Genau an diesem Punkt setzt die Woche der Linken Zukunft an, die vom 23.-26. April in Berlin stattfinden wird. Mit Beiträgen von Partei, Fraktion und Rosa-Luxemburg-Stiftung sind dafür – nach einem „Call of Ideas“ und intensiver Beteiligung aus der Parteibasis – bereits über 80 Veranstaltungen zu den fünf großen Überthemen „Zukunft der Arbeit“, „Umverteilung“, „Zukunft des Öffentlichen“, „Sozialökologischer Wandel“ und „Aneignung der Demokratie“ organisiert worden. Die Lücke zwischen parteipolitischem Tagesgeschäft und abstrakter Utopie wollen wir dabei ergebnisoffen und sowohl im Hinblick auf die Analyse des Istzustandes als auch die Möglichkeiten der Zukunft diskutieren. Eingeladen zu diesem Forum linker Ideen sind natürlich alle Mitglieder der Partei, aber auch andere kritische Köpfe und HeldInnen des Alltages. Das können der Jobcenter-Mitarbeiter, der keine Sanktionen verhängt, die kritische Polizistin oder der engagierte Netzaktivist sein. Dabei haben schon so viele kritische Köpfe zugesagt, dass es unmöglich ist, sie alle aufzuzählen. Um nur die Bandbreite anzudeuten: der Autor Dietmar Dath, der Autor von Multitude Michael Hardt, die feministische Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg, die marxistische Feministin Frigga Haug, der Schriftsteller Volker Braun, die Publizistin Daniela Dahn, die Autorin von „Kommunismus für Kinder“ Bini Adamczak, der Regisseur Volker Lösch und viele internationale Gäste.

Vom üblichen Ablauf linker Kongresse wollen wir uns nicht zuletzt dadurch abheben, dass ganz unterschiedliche Formate – von Einführungsveranstaltungen über Workshops bis hin zu Podiumsdiskussionen – immer eine Möglichkeit zur wirksamen Beteiligung bieten. Bereits im Vorfeld der Zukunftswoche hat eine Debatte über verschiedene Themenfelder begonnen, an der man sich jetzt schon auf dem dazugehörigen Blog beteiligen kann. Und natürlich wollen wir nicht nur darüber diskutieren, wie die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden können, sondern auch selber tanzen. Überhaupt kommt der Kultur eine eigene Bedeutung zu. Es wird Ausstellungen und Lesungen sowie einen Galeriebesuch der besonderen Art geben.

Insgesamt hat es ein so offenes Angebot zur Diskussion in unserer Partei – zumindest jenseits des Entscheidungsdrucks (und gelegentlich ja auch Fraktions- bzw. Strömungszwanges) bei Parteitagen und in Gremiensitzungen – seit ihrem Bestehen noch nicht gegeben. Die Chancen stehen insofern gut, dass die Zukunftswoche ihren Anspruch, ein Labor für linke Ideen im Allgemeinen und die linke Partei der Zukunft im Besonderen zu sein, erfüllt. Dafür braucht es aber nicht zuletzt eins: Eure Beteiligung.