„Nichts kann uns aufhalten!“

von Volkmar Wölk
Die Kühlerhaube des Rolls Royce kennen auch alle jene, die sich die Nobelkarosse nie werden leisten können. Die Zahl von lediglich 1.300 Mitarbeitern rechtfertigt es nicht, dass das Logo der Firma, zwei ineinander verschränkte „R“, weltweit Legende sind. Und ebenfalls Legende ist die Kühlerfigur, „Spirit of Ecstasy“, natürlich gestaltet von einem Bildhauer. Als 1982 Robert Wyatts Soloalbum „Nothing can stop us“ erschien, als eine der ersten Platten des Independent-Labels „Rough Trade“, zierte ebenfalls die Kühlerhaube eines Rolls Royce des Cover. Und rief umgehend ein breites Grinsen hervor. Statt der „Spirit of Ecstasy“ stand ein Arbeiter im roten Overall auf dem Kühlergrill, die Faust emporgereckt, einen Schraubenschlüssel umgreifend. Zweifellos: Dies war eine politische Botschaft.
Drehte man die Plattenhülle, stieß man auf eine überraschende Erklärung für den Titel. Eine, die die Bildbotschaft der Vorderseite zu konterkarieren schien. Es handelt sich um ein Zitat aus dem 1930 erschienenen Band „America Conquers Britain“ des US-amerikanischen Autors Ludwell Denny: „Wir werden nicht Britanniens Fehler nachmachen. Wir sind zu klug die Welt regieren zu wollen; wir werden sie einfach in Besitz nehmen. Nichts kann uns aufhalten“. Nichts kann uns aufhalten!
Wirklich?
Robert Wyatt jedenfalls schien sich mit diesem Ansinnen ganz und gar nicht anfreunden zu können. Und das obwohl die Zeichen der Zeit ganz und gar nicht für eine machtvolle Gegenbewegung, oder gar deren Erfolg, sprachen. Großbritannien war wirtschaftlich marode, die Schwerindustrie befand sich im Niedergang. Seit drei Jahren regierte die „Eiserne Lady“ Margret Thatcher („Es gibt keine Alternative!“), deren Politik auf Privatisierung, Liberalisierung der Wirtschaft und Zerschlagung der Gewerkschaften zielte. Noch stand die verheerende Niederlage beim Streik der britischen Bergleute 1984/85 bevor.
Leisen, verhaltenen und nur spärlich instrumentierten Optimismus setzte Robert Wyatt dem entgegen. Musik für ein Land in der Krise, für eine Linke in der Krise. Mit Interpretationen der Chilenin Violetta Parra zum Beispiel. Aus „Guantanamero“, das Pete Seeger zu einer Hymne der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung gemacht hatte, wird bei Wyatt „Caimanera“. Anspielend auf jenen Ort in der Guantanamo-Bucht, in dem sich USA und Cuba direkt gegenüber stehen. Eine ergreifende Version des Nile Rogers-Titel „At last I am free“ war Nelson Mandela gewidmet. Und wenn Wyatt dann fröhlich schmetternd „Stalin wasn’t stallin“ („Stalin zögerte nicht“) intonierte, handelte es sich selbstverständlich nicht um eine Lobpreisung des Stalinismus, sondern um eine augenzwinkernde Coverversion eines Hits des Golden Gate Quartetts aus dem Jahr 1943, die damit für den Kriegseintritt der USA warben. Sie griffen damit Worte des US-Präsidenten Roosevelt auf: „Die Welt hat niemals eine größere Hingabe, einen größeren Willen, eine größere Opferbereitschaft gesehen als die des russischen Volkes und seiner Armeen unter der Führung von Marschall Joseph Stalin“. Doch wenn zum Ende der LP der Lyriker Peter Blackman sein Gedicht „Stalingrad“ rezitiert, dann ist klar, dass Robert Wyatt dabei nicht nur an den Ort der historischen Schlacht denkt, sondern auch an die Klassenkämpfe im Großbritannien der damaligen Zeit. Robert Wyatt ist im Januar 70 Jahre alt geworden. Politisch war und ist seine Musik immer. Wenn auch nicht so plakativ wie auf „Nothing can stop us“. Aber: Stets war sein Schaffen dem Kampf gegen die „Dummheit in der Musik“ (Hanns Eisler) gerichtet. Und so ist es nur folgerichtig, wenn sein Biograf Marcus O’Dair ihn beschreibt als „mit einem Bart buschiger als der von Fidel Castro, wenn nicht sogar in der Liga von Karl Marx“. O’Dairs Buch, versehen mit zahlreichen Fotos, ist mehr als die Lebensgeschichte, die ein Fan verfasst hat. Es handelt sich um nicht weniger als um einen wichtigen Teil der Popgeschichte der letzten 50 Jahre, die Robert Wyatt mitgeprägt hat. Beginnend bei der legendären Band „Soft Machine“, die Ende der sechziger Jahre aus Jazz und Rock etwas völlig Neues schuf. Als stilbildend für die so genannte Canterbury Scene. Und – quergeschnittgelähmt, nachdem er besoffen aus dem Fenster gestürzt war – schließlich als Solokünstler.
Einen sehr guten Einblick in diese musikalische Biografie gibt jetzt die Doppel-CD „Different Every Time“, die ihn einerseits als Komponisten präsentiert und auf der zweiten Seite als gesuchten Sideman – so des Jazztrompeters Mike Mantler, von Björk oder gar von John Cage.

Marcus O’Dair: Different Every Time. The Authorised Biography of Robert
Wyatt: London: Serpent’s Tail, 2014, 460 S., 20€

Robert Wyatt: Different Every Time; Doppel-CD, Domino Recordings, 2014