Wiederauferstehung der Volkseigenen Betriebe?

von Ralf Richter

In der Unterzeile des bei Campus erschienenen, etwa 500 Seiten starken Buches heißt es „Das Internet der Dinge, Kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“. Bei manchen Büchern macht der Titel neugierig, bei anderen sind es die Untertitel, die einen „ins Boot holen“. Für mich waren es die letzten drei Wörter des Untertitels, der „Rückzug des Kapitalismus“ also. Wir leben ja in einer Welt, die scheinbar die letzten Bereiche des Lebens der Privatisierung überantwortet. Waren bis 1990 noch Bahn, Post und die Fluggesellschaft heilige Staatsgüter, konnten wir seither erleben, wie alles dem Profitinteresse geopfert wurde – inzwischen ist die Privatisierungsorgie längst bei Kultur, Bildung und Gesundheit angekommen. Und bei dieser selbst beobachteten Ausweitung des Kapitalismus – die auf die Staatsdoktrinen von Reagan und Thatcher zurückgeht und später von Labour und SPD nur abgekupfert wurde – soll es also doch noch Licht am Ende des Tunnels geben, einen Rückzug des Kapitalismus gar? Scheint das nicht völlig unglaublich?

Ja und nein. Der Autor ist Amerikaner. Man muss das Buch nur umdrehen, um zu sehen, was er meint: „Teilen statt Besitzen – das neue Gesicht der Wirtschaft. Der Kapitalismus geht seinem Ende entgegen. Nicht von heute auf morgen, aber dennoch unaufhaltsam. Die Zeichen dafür sind unübersehbar: sinkende Produktionskosten, Share Economy, das Internet der Dinge … Aus dem Kapitalismus entsteht eine globale, gemeinwirtschaftlich orientierte Gesellschaft“. Aus Rifkins Sicht tobt eine Schlacht, in der es um drei unterschiedliche Besitzverhältnisse geht: Privateigentum, Staatseigentum und – Gemeinschaftseigentum. Meint er damit gar die Wiederauferstehung der VEB, der Volkseigenen Betriebe? Er greift noch viel weiter zurück, in das Feudalzeitalter und dort auf die Allmende – Land, das von allen genutzt wurde. Das ist zugegebenermaßen etwas verwirrend, denn der Autor vermischt offensichtlich Feudal- und Urgesellschaft, wenn er die Ausrottung der Indianer in den USA darauf zurückführt, dass sie sich eben nicht versklaven ließen, nicht bereit waren, Geld zu verdienen und es für Dinge auszugeben, die sie nicht brauchten. Weil die Indianer einfach alles selbst herstellten, was sie benötigten, den Rest tauschten und dabei unverschämterweise auch noch glücklich und zufrieden waren, mussten sie weg. Sie standen dem sich nach Westen ausbreitenden Kapitalismus im Wege. Weil es mit der Ausbeutung der Indianer nicht klappte, mussten eben richtige Sklaven her. So beruhte letztlich der Reichtum vieler Weißer insbesondere in den Südstaaten auf der Ausbeutung der Schwarzen, während man die Indianer in Reservate verdrängte und mit allen Mitteln zu marginalisieren versuchte. Mit der Allmende und dem Gemeingut, das viel länger für die Menschheitsgeschichte entscheidend war, ist weniger der Rückgriff auf die Feudal- als auf die Urgesellschaft gemeint, denn im Feudalismus waren eben nicht Wälder und Seen für alle da. Vielmehr wurde das Recht des Volkes auf freien Zugang zu Seen und Wäldern, Fischerei und Jagd beseitigt, was bis zum „Halsgericht“ des Feudalherren ging: Der Feudalherr durfte auf seinem Grund und Boden mit den Leibeigenen umspringen, wie er wollte, und bei Vergehen auch Sanktionen bis hin zur Todesstrafe verhängen.

Tatsächlich sieht der Autor uns heute mitten in der Dritten Industriellen Revolution, wobei er jede industrielle Revolution über eine Energie/Kommunikationsmatrix definiert. Wurde zuerst die Energie über Wind- und Wasserkraft gewonnen und der Buchdruck erfunden, so trat die Menschheit später in das Zeitalter der Dampfkraft ein. Segel- wurden durch Dampfboote ersetzt, die Kohle lieferte über 300 Jahre lang Energie, und kommuniziert wurde bald per Telefon und Fernschreiber. Rifkin erläutert, welche ökonomischen Strukturen in der Zweiten Industriellen Revolution notwendig waren, um effektiv zu sein – der Konzern mit seinen hierarchischen Strukturen war das Modell dieser Zeit. Der Autor spricht ihm die Zukunftstauglichkeit ab und verweist auf die neuen Möglichkeiten, die mit dem Internet und den regenerativen Energien verbunden sind. Wir werden alle wieder Indianer – der Konsument wird zum Produzenten. Bei Rifkin heißt es: Prosument. Egal ob wir freie Software erarbeiten, bei youtube-Videotutorials einstellen, wo man lernen kann, etwas zu reparieren, oder das Internet nutzen, um Mitfahrgelegenheiten anzubieten – der neue Trend heißt: Ich muss nicht mehr alles haben, aber deshalb muss ich noch lange nicht verzichten, ich kann es mir ja auch teilen. Die Fahrt mit anderen zur Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin im Januar zum Beispiel. Wichtig wird, dass die Menschen parallel ihre Energie selbst erzeugen – etwa mit Solarzellen oder genossenschaftlich organisierten Windparks. Selbst Häuser und Autos entstehen schon aus dem 3D-Drucker, und es spricht nichts dagegen, die Bauanleitungen und Programme für jedermann kostenlos zur Verfügung zu stellen. Alle drei Eigentumsformen existieren bereits heute parallel. Rifkin sieht die Bedeutung des Privateigentums schwinden, während es für immer mehr Menschen wichtig wird, Musik, Autos, Wohnungen, Lebensmittel und anderes zu teilen. Linkssein bekommt also bald eine neue Bedeutung, die sich wieder – und das kann nur ein Fortschritt sein – an der Stellung zum Eigentum definiert: Sharecommunisten gegen Pro-Kapitalisten. Das werden spannende Zeiten! Das Buch gibt für die, die dem Teilen mehr als dem Besitz zugewandt sind, einen optimistischen Ausblick. Es kostet 27 Euro.