„Man sollte versuchen, bewusst zu kaufen“

Primark eröffnete am 20. November in Dresden eine neue Niederlassung. Mit über 7.000 Quadratmetern Verkaufsfläche ist sie das größte Geschäft in der Centrum-Galerie auf der Prager Straße, Dresdens bekanntester Einkaufsstraße. Der irische Textilhändler ist berühmt-berüchtigt: Berühmt für seine große Auswahl an Kleidung für insbesondere junge Kundinnen und Kunden zum kleinen Preis, berüchtigt für die schlechten Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern. Einen Aufschrei gab es vor einem Jahr, als bekannt wurde, dass die 1.100 Näherinnen, die bei dem Einsturz eines Werksgebäudes in Bangladesch ums Leben kamen, auch für Primark gearbeitet hatten – unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und zu einem Hungerlohn. Statt der erwarteten vierstelligen Besucherzahl zum Eröffnungstag kamen nur wenige KaufinteressentInnen, dagegen aber an die hundert AktivistInnen für kritischen Konsum und von Menschenrechtsgruppen. Sie protestierten ideenreich gegen die Eröffnung des neuen Billigladens. Unter anderen koordinierte das Entwicklungspolitische Netzwerk Sachsen (ENS) diesen vielfach spontan selbstorganisierten Protest. Ralf Richter unterhielt sich mit dessen Mitarbeiterinnen Fabienne Winkler und Bettina Musiolek.

Herzlichen Glückwunsch zu der Aktion! Was war da eigentlich los?

Winkler: Wir vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen (ENS) wollten darauf aufmerksam machen, dass die hier so angepriesene Mode, die man auch als „Fast Fashion“ bezeichnet, aus vielerlei Gründen „untragbar“ ist – darüber hinaus wollten wir aber nicht nur auf die schlechte Bezahlung der Näherinnen hinweisen, sondern auch Alternativen für junge Leute aufzeigen, die nach Kleidung suchen.

Musiolek: Im Vorfeld hatte es geradezu einen spontanen Aufschrei vieler Gruppen und Einzelpersonen in Dresden gegeben, die etwas zur Primark-Eröffnung machen wollten. Wir haben uns alle zu einem großen Bündnis zusammengefunden. Dafür haben wir vom ENS unsere seit langem erworbene Erfahrung im Bereich Menschenrechte in der globalen Modebranche eingebracht.

Bei Primark sind nicht nur die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen schlecht, sondern von den über 500 Angestellten bei Primark in Dresden haben lediglich 25 Prozent eine Vollzeitfestanstellung – die Masse sind mithin prekär Beschäftigte. Aber noch eine andere Frage, Sie sprechen gerade von „Fast Fashion“. Was ist damit gemeint?

Winkler: Fast Fashion ist schnell produzierte Kleidung, die schnell und in großer Stückzahl gekauft und ebenso schnell wieder weggeworfen wird. Denn es ist doch klar: Wer drei Euro für ein T-Shirt ausgibt, fühlt sich eher angesprochen, vier oder fünf zu kaufen, obwohl er vielleicht nur eines braucht. Der Rest wird dann oft schnell weggeworfen, und selbst die Ware, die gekauft wird, ersetzt man ja dann schnell durch neue – es ist ja so billig …

Dagegen haben Sie also demonstriert. Nicht alle werden das Entwicklungspolitische Netzwerk Sachsen kennen …

Musiolek: Das Entwicklungspolitische Netzwerk Sachsen vereint in Sachsen die Eine-Welt-Läden, Eine-Welt-Partnerschaftsinitiativen oder Hilfsprojekte im Globalen Süden und Osten. Solche Netzwerke gibt es praktisch in jedem Bundesland. Wir haben so ca. 50 Mitglieder, dabei sind z. B. die AG Postkolonial aus Leipzig, die arche noVa e.V., die TU Umweltinitiative hier aus Dresden und viele andere mehr.

Winkler: Bei der Primark-Eröffnung mit dabei waren z. B. die TU Umweltinitiative, der BUND-Jugend, die christliche Micha-Initiative Dresden und die Samba-Gruppe „Rhythm of Resistance“.

Also sind im ENS nicht 50 Einzelpersonen Mitglied, sondern Gruppen, die über ganz Sachsen verstreut sind – was war nun die Alternative, die ihr angeboten habt?

Musiolek: Es wurde auf die vielfältigen Wege hingewiesen, auf denen sich Menschen für die Rechte der ArbeiterInnen einsetzen können – z. B. kann man beim Einkaufen kritisch nachfragen und die Postkarte der Kampagne für Saubere Kleidung abgeben, die von der jeweiligen Modemarke Antworten auf Fragen zu Arbeitsbedingungen fordert.

Winkler: Im Bereich des kritischen Konsums haben wir einiges angeboten – einerseits gab es eine Kleidertauschbörse und Nähmaschinen zum Aufpeppen alter Kleider gleich vor Ort, andererseits haben wir an einem Informationsstand Broschüren und Flyer ausgegeben, wie z. B. eine Einladung zur „KleiderNachtsFeier“ …

Was ist das?

Winkler: Unter dem Motto „KleiderNachtsFeier“ – Klamottentausch statt Kaufrausch – haben wir eingeladen zu einer quasi entwicklungspolitischen Feier. Die InteressentInnen konnten Klamotten mitbringen und Klamotten mitnehmen, es gab eine alternative Modenschau, Filme über die Arbeit an der Mode, Leckereien, Kamingespräch, Tanzen mit den „Tagträumern“ und … Zuckerwatte! Die Fete war am 28. November im Bärenzwinger in Dresden, dem bekanntesten Studentenklub der Stadt. Über 100 meist junge Menschen waren gekommen.

Großartig!

Winkler: Das alles auch noch unmittelbar vor dem Kauf-Nix-Tag, auf den wir bei der Veranstaltung hingewiesen haben. Und wir hoffen doch, dass einige Besucherinnen und Besucher diesen Tag ein wenig ernst genommen haben.

So ganz ums Kaufen kommt man ja doch nicht herum. Wer aber die Kik-Story gesehen hat und über Primark unterrichtet ist, wird vielleicht woanders kaufen – nur: Helfen denn diese diversen Fairtrade-Siegel wirklich weiter?

Musiolek: Fairtrade möchte sein Siegel auf Bekleidung ausweiten. Dies ist jedoch leider eine große Mogelpackung. Denn was passiert, wenn z. B. im sächsischen Fairtrade-zertifizierten Arbeitsbekleidungshersteller nicht annähernd der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird? Der Lieferant wird „ausgesondert“, „dezertifiziert“. Wir von der Kampagne für Saubere Kleidung fordern jedoch, dass sich in diesem Falle der Händler, der Abnehmer also, für bessere Arbeitsbedingungen mit besseren Einkaufspreisen engagiert. Das heißt, das Fairtrade-Siegel erhöht noch den Kosten- und Preisdruck, der ohnehin herrscht und der zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen weltweit führt. Siegel und Zertifikate sind der falsche Weg, um Menschenrechte sicherzustellen. Es ändert nichts an den Arbeitsbedingungen, irgendwo nicht mehr zu kaufen. Einsatz für Menschenrechte der NäherInnen fordert dagegen gemeinsame Aktion, z. B. wenn es um die Petition für einen Lohn zum Leben geht (lohnzumleben.de) oder um Protestaktionen in Fällen gravierender Rechtsverletzungen. Letztlich braucht es jedoch gesetzliche Regelungen, die die Verantwortung von Staaten und Unternehmen für die Einhaltung der Menschenrechte sicherstellen. Es kann nicht sein, dass kik oder Primark oder Hugo Boss straflos ausgehen für dramatische Rechtsverstöße und Menschenleben, die ihre Produktion kostet.

Also doch nix kaufen, sondern ausschließlich tauschen?

Winkler: Es wird sich nicht immer vermeiden lassen, aber man sollte versuchen, bewusst zu kaufen. Wenn, dann wenig, und das Wenige lange nutzen – das schont die Umwelt am besten.

Wie sieht es aus bei den Herstellern – kann man sagen, dass die in Bangladesch oder Kambodscha hergestellte Ware generell unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen mit der miesesten Bezahlung hergestellt wurde, und importieren wir nicht sowieso fast alle Textilien von dort?

Winkler: Das ist ein Irrtum, dem viele unterliegen. Viele denken, „Made in Europe“ oder teurere Marken versprächen eine fairere Produktion.

Musiolek: Jedes dritte Bekleidungsstück in Deutschland kommt aus Osteuropa und der Türkei. Wir haben in der internationalen Clean Clothes Campaign eine Studie mit dem Titel „Im Stich gelassen: Die Armutslöhne der Arbeiterinnen in Kleiderfabriken in Osteuropa und der Türkei“ vorgelegt. Darin wird aufgedeckt, dass bulgarische, rumänische, mazedonische oder moldawische NäherInnen bedeutend weniger verdienen als chinesische und dass die Kaufkraft ihres Lohnes mit der des NäherInnenlohnes in Bangladesch vergleichbar ist.

Wo kann man sich weiter informieren oder engagieren?

Winkler: Das Entwicklungspolitische Netzwerk Sachsen sitzt direkt an der Kreuzkirche in Dresden. Unsere Arbeit zu Menschenrechten in der Mode ist auch im Internet einsehbar auf www.lohnzumleben.de oder sauberkleidung.de. Bei „LohnzumLeben“ kann man auch „IM STICH GELASSEN“ oder den „FIRMENCHECK“ herunterladen. Unser Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen (ENS) findet man unter www.einewelt-sachsen.de.