Einen Gang zurückschalten

von Kevin Reißig

Zweierlei Situationen konnten wir jüngst oft beobachten: Entnervte Bahnreisende warten an leeren Gleisen, entnervte Autofahrer warten auf verstopften Autobahnen. Der Frust war groß und schien täglich zu wachsen. Was fehlte? Die Antwort liefert der zweite „Aufreger“ der letzten Wochen: Der Wandelbare, der Drache, der den Zusatz „-töter“ nie wirklich verdiente. Jener also, den seine Lieder so herrlich demaskieren. In seinem guten, starken Titel „Streikposten vor Euro-Kai“ („Trotz alledem“, 1978) ist formuliert: „Was, oft nur als Phrase hingeschmiert, mit roter Farbe auf Mauern steht – jetzt wissen wir wieder, was das ist: Solidarität. Und das ist vielleicht noch wichtiger als die paar Prozente und die paar Mark“. Sie kann freilich unbequem sein, im Großen wie im Kleinen – besonders für jene unter uns, die sich in den Verhältnissen wohlig eingerichtet haben, weil sie es können. Opfer, über die uns vorgegangene Generationen keine Silbe verloren hätten – etwa das, einige Stunden warten zu müssen –, treiben uns zu wüsten Elegien. Manchmal sogar so weit, dass wir uns online und offline aufwiegeln lassen, von Blättern, die einen unkorrumpierten Gewerkschafter – der aktiv ein Grundrecht verteidigt – allen Ernstes einen „Bahnsinnigen“ nennen. Die fragen, ob er ein „Held“ sei oder ein „Halunke“. Die seine Telefon-Durchwahl angeben und den „Volkszorn“ zum Auswurf anstacheln. Die sein Wohnhaus abbilden, mit möglichen Folgen, die besser nicht ausgesprochen werden.
Dabei könnten wir alle einen kleinen Beitrag zur Deeskalation leisten. Das Entgleiten von Stimmungen lässt sich schließlich auch auf Wohnzimmersofas und in sozialen Netzwerken bekämpfen. Es spricht vieles dafür, dem Aufbegehren von abhängig Beschäftigten, gleichgültig wo, nicht per se mit Wut, sondern mindestens mit Gelassenheit zu begegnen. Jakob Augstein schrieb, der Bahnstreik sei „kein Skandal“, „sondern ein Geschenk. Er erinnert uns an die Macht der Arbeitnehmer“. Dass dieser Hinweis notwendig scheint, lässt aufhorchen. Denn er verweist auf die offenbar verbreitete, vor allem aber vorrausetzungslose Geringschätzung von Arbeitskämpfen, die naturgemäß und mit allem Recht die Leistungserbringung von Unternehmen beeinträchtigen. In seiner Potenz und Zuspitzung wurde dieser Streik so zum Spiegelbild unserer Allgemeinheit: „Der Wind der öffentlichen Meinung bläst Weselsky auch deshalb so hart ins Gesicht, weil nicht wenig Leute inzwischen meinen, die Beschäftigten sollen gefälligst nehmen, was der Chef zahlt, und ansonsten das Maul halten“, schreibt Augstein. Ist das die (Medien)Gesellschaft, die wir wollen können?
Einigen mag es Freude und Respekt einflößen, andere mit den Zähnen knirschen lassen: Gemeinsam täten wir gut daran, Streik gern und geduldig zu ertragen, auch wenn er zeitweise in unser aller Leben einschlägt.