Die Geschichte von der Geschichte

von Peter Porsch
Manchmal dümpelt Geschichte vor sich hin, über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende oder wenigstens 40 Jahre, und manchmal legt sie ein Tempo vor, dass Du mit dem Moped nicht hinterher kommst. Da verlässt man z. B. am Montagabend der Herbstmessewoche 1989 das Uni-Hochhaus in Leipzig gegen sechs und bis nach Hause ist schon alles anders.
Es war noch ein lauer Frühherbsttag. Dennoch war es geraten, für die Fahrt abends mit dem Moped bereits eine Jacke über dem Jackett zu tragen. Fahrtwind ist selbst bei nur 50 km/h etwas Kaltes und Unangenehmes, wenn die Luft sich in die Gegend der 10-Grad-Marke abkühlt. Auf dem Jackett unter der Jacke, links am Revers steckte das Parteiabzeichen. Das wärmte nicht, auch wenn es gleich bis auf die Haut brennen sollte. „Genossen! Für dieses Abzeichen sind Menschen in den Tod gegangen“ tönte vor nicht allzu langer Zeit der Kreissekretär jenen entgegen, die auch in der Parteiversammlung kein solches Abzeichen sehen ließen. Da waren schon zu viele in der Partei, weil halt eine Hand die andere wäscht. Das musste man nicht auch noch vor sich hertragen mit den verschlungenen Händen auf dem kleinen ovalen Ansteckmedaillon. Ich trug es jedoch und war der Meinung, meine Hände wären sauber ohne anderer Hände Zutun. Nur, was einer meint, was wirklich der Fall ist und was andere so denken, das sind dreierlei Dinge. Da ist es manchmal gut, wenn die drei Dinge schon aufeinander treffen sollten, dass man nicht gleich erkennt, dass da einer ist, den man es ausbaden lassen könnte. Denn kaum rechts abgebogen aus der Goethestraße war ich plötzlich eingekeilt und zum Anhalten gezwungen. Eine bewegte Menschenmenge kam von mehreren Seiten auf mich zu, rannte an mir vorbei, wollte hin zum Bahnhof. Der Motor lief. Das war wahrnehmbar. Das Abzeichen nicht. Es steckte nicht mehr nur so, sondern jetzt muss man sagen zum Glück oder gar Gott sei Dank, unsichtbar unter der Jacke. Wer weiß, was es in diesem Moment anzurichten imstande gewesen wäre. Die Montagsbeter waren ausgerissen. Nicht gleich bis zum Ziel ihrer Träume, dem Westen, aber doch aus der Absperrung um die Kirche, hinaus in die Stadt, hin zum Bahnhof eben. Das waren keine Freunde derer, die das Abzeichen trugen. Und je weiter sie rannten, desto mehr rannten mit ihnen. Es ging eben los, worauf schon viele gewartet hatten. Das Signal dafür war nicht vereinbart und funktionierte doch wie die Muttersprache, die für jeden Menschen plötzlich da ist und zuvor keiner Absprache bedarf.
Der Motor lief und die Menschen liefen. Das vertrug sich irgendwie nicht: „Komm, mach aus. Das dauert jetzt etwas länger“, meinte jovial ein Vorbeieilender zufrieden schmunzelnd und drückte dabei jenen Hebel an meinem Moped, der den Motor zum Verstummen brachte. Und zu Ende war mit dem abgewürgten Motor, was zuvor für dauerhaft gehalten war. Es war mir plötzlich im ganzen Körper spürbar, dass ab jetzt nichts mehr so bleiben konnte, wie es war und lange genug gedauert hatte.
Die Fahrt konnte ich ziemlich bald fortsetzen. Es waren alle im Bahnhof untergekommen. Da drinnen brodelte es. Die Straße war wieder frei – jedenfalls für ein Moped. Im Rosenthal wurde es ein holprig-ängstlicher Ritt durch das Dunkel des Parks und der kommenden Geschichte. Mein Scheinwerfer und die Straßenlichter ließen nicht viel nach vorne erkennen. Meine Gedanken auch nicht. Ich sah den Erlkönig, und trug mich selbst durch die Nacht und den Fahrtwind. Die Hoffnung, mit mir selbst im Arm lebendig anzukommen, war dem Ritt mit dem Moped und der eben begonnenen Reise in eine in einer kurzen halben Stunde mit Gewissheit schon ungewiss gewordenen Zukunft gemeinsam. Es ist alles vorbei und es wird alles anders und wir wissen nicht, was aus uns wird. Das war die Nachricht, die ich am Ende dieses Tages einer noch ahnungslosen Frau und einem nichts ahnenden Kind nach Hause brachte. Dass sich die Ereignisse in den nächsten beiden Monaten überstürzen würden, war noch nicht vorstellbar, auch nicht der neue Anfang, schon gar nicht der lange Weg bis heute.