Bomben und die Unwirklichkeit von Normalität

Mit den Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) kamen die Schrecken des Krieges in die autonom verwalteten Kurdengebiete im Westen Syriens. Dort wird gekämpft, vertrieben, gefoltert und getötet. Mitte Oktober war Dominic Heilig direkt an der türkisch-syrischen Grenze zu Kobane und erlebte so hautnah die Luftangriffe der US-Streitkräfte und die Feuergefechte zwischen den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) und den IS-Terrormilizen. Er sprach mit Ärzten und Flüchtlingen nahe der Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien. Für SachsensLinke! berichtet er über das Erlebte.

Das türkisch-kurdische Dorf Mehser liegt nur wenige hundert Meter vom Grenzzaun zu Syrien entfernt und damit in Sichtweite der umkämpften Stadt Kobane. In dem sonst ein paar dutzend Seelen zählenden Ort halten sich dieser Tage hunderte Kurdinnen und Kurden aus vielen Teilen der Türkei auf. Sie sind freiwillig gekommen, um die Grenze zu bewachen. „Die türkische Armee macht das ja nicht“, sagt Ahmed aus Diyarbakir. Junge und Alte haben sich an die Grenze zu Kobane auf den Weg gemacht, um den ungehinderten Grenzwechsel von IS-Kämpfern allein mit ihrer Anwesenheit zu verhindern. So wie in Mehser sieht es in vielen Ortschaften entlang der Grenze aus.
Als in der Nacht die Bombenabwürfe der um die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) gebildeten „Koalition“ gegen den IS intensiver werden, reißen die Detonationen wenige hundert Meter entfernt die dicht gedrängt im Erdgeschoss eines Hauses im Dorf auf Matten in einem Raum schlafenden Männer plötzlich aus dem Schlaf. Tagsüber kann man sehen, woher die Bomben und Geschosse stammen. In der Dunkelheit nicht. Und so ist auch immer die Angst da, dass es sich um Angriffe der IS-Milizen auf das Grenzgebiet handelt und nicht um Bomben der Amerikaner. In den vergangenen Tagen ist es schon mal vorgekommen, dass die Geschütze des IS das Dorf Mehser ins Visier nahmen.
Die IS-Milizen verfügen über schweres Gerät, Panzer und Artilleriegeschütze. Die kurdischen Verteidiger hingegen nur über leichte, kaum panzerbrechende Waffen. Daran haben auch die Waffenlieferungen der USA kaum etwas geändert.
Während im Hintergrund ständiges schweres Maschinengewehrfeuer zu hören ist, welches immer direkt nach einer US-Bombe folgt und daher vermutlich aus den Reihen der KämpferInnen der kurdischen YPG stammt, erklärt Leyla aus Cizre, dass hier niemand für Krieg sei und sich dennoch jeder über die Hilfe aus der Luft freut. „Erdogan will uns nicht helfen. Er hat die IS bislang ja nicht einmal als ,Terrormiliz‘ bezeichnet, sondern lediglich als Islamisten. Seine Medien verdrehen die Lage an der Grenze und haben über die Proteste im Land nur sehr selektiv berichtet“, so die junge Frau. Leyla ist 26 Jahre alt, hat einige Jahre in Bremen gelebt und ist seit den Kommunalwahlen vom Frühjahr Bürgermeisterin der Stadt Cizre. „Vor allem in den letzten Wochen ist deutlich geworden, dass sich die türkische Regierung für uns hier nicht interessiert. Sie lassen IS ungehindert die Grenze überwinden, während sie nicht bereit sind, einen Korridor für Flüchtlinge und Nachschub an die kurdischen Einheiten in Kobane offenzuhalten.“ Es ist eine unwirkliche Situation in diesem Landstrich. Unwirklich ist die Lage in der Türkei überhaupt. Während im Osten des Landes die Kurdinnen und Kurden in Aufruhr sind, dutzende Demonstranten von Sicherheitskräften verletzt und erschossen werden, geht im Westen des Landes das Leben in gewohnten Bahnen weiter. Hier gelten Kurden der Mehrheit als Terroristen, die syrischen Selbstverwaltungsgebiete als Rückzugsort für die PKK. Unwirklich ist auch die Tatsache, so sagen die Menschen entlang der Grenze, dass es auf Seiten der IS-Terrormiliz auch hunderte Tote in den letzten Tagen gegeben habe, dennoch deren Anzahl an Kämpfern stetig steigt. „Die holen nicht mal ihre Leichen ab, lassen sie einfach liegen und warten auf neue Kämpfer“ erzählt einer der Alten aus dem Ort.
Zwischen den Grenzdörfern an der Grenze und der nächstgrößeren Stadt auf türkischer Seite, Suruc, kampieren zwischen Panzerstellungen der türkischen Armee teils auf offenem Feld tausende Flüchtlinge aus und um Kobane. Kurdische Studierende aus Istanbul und Europa sind gekommen und haben eigenständig ein kleines Straßentheater erstellt, mit dem sie von Ort zu Ort ziehen, um die Geflüchteten für einen kurzen Moment mit Gesang und Tanz aus dem Schrecken zu ziehen. Das gelingt, wenn auch nur für wenige Minuten. Viele haben Verwandte, die in Kobane kämpfen und sterben. Beinahe täglich finden in Suruc Beerdigungen statt, während die offizielle Türkei die Überlebenden und Eingeschlossenen alleine lässt. Nicht einmal für den Bau von winterfesten Flüchtlingslagern engagiert sie sich finanziell. Auch diese Last tragen die Kurdinnen und Kurden und deren Gemeinden in der Grenzregion so – unfreiwillig – autonom.