Eine Kritik der Zeitverhältnisse

von Andreas Haupt

Diese Besprechung bemüht sich um den Essayband „Beschleunigung und Entfremdung“ des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa, der auf der Basis seiner intensiven Beschäftigung mit dem Phänomen der Beschleunigung in der Moderne einen neuen Zugang zum Konzept der Entfremdung entwickelt. Dabei geht es dem Autor, wie schon der Untertitel „Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“ verrät, ebenso um eine Neubelebung der Tradition der Kritischen Theorie.

Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem guten Leben und danach, warum es uns heute vielfach nicht gelingt, ein solches zu führen. Das ‚Projekt der Moderne‘ beschreibt ein gutes Leben als die „Überzeugung, daß die Individuen das Recht und die Chance haben sollten, ein Leben zu finden, das (‚authentisch‘) zu ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Hoffnungen paßt“. Jedoch scheint das Autonomie- und Freiheitsversprechen der Moderne gebrochen worden zu sein. So zeigt eine Analyse der Spätmoderne negative Erfahrungen moderner Subjekte, wie Termindruck, Fremdbestimmung, Vereinzelung, Versagensängste oder gar seelische Erkrankung. Die Menschen werden „durch weitgehend unsichtbare, entpolitisierte, nicht diskutierte, untertheoretisierte und nicht artikulierte Zeitregime rigoros reguliert, beherrscht und unterdrückt“. Die moderne Gesellschaft wird nicht mehr von allmächtigen Diktatoren beherrscht, sondern von zeitlichen Strukturen engmaschig organisiert und koordiniert. To-do-Listen, Deadlines und Projekt-Zeitpläne beherrschen fortan den Alltag der Menschen. Die spätmodernen Beschleunigungsraten tendierten dazu, das Modernisierungsprojekt der persönlichen Autonomie zu untergraben. Hieraus ergibt sich für Rosa die Notwendigkeit einer neuen Kritischen Theorie der Zeitlichkeit in der spätmodernen Gesellschaft, die er unter wesentlichem Bezug auf die Arbeiten von Jürgen Habermas und Axel Honneth entwickelt. Dieser Ansatz wird zu einer Kritischen Theorie der sozialen Beschleunigung ausgearbeitet. Die soziale Beschleunigung verändert den Menschen in einem Maße, die Rosa mit dem Terminus der Selbstentfremdung zu fassen sucht und damit den von Karl Marx in den soziologischen Diskurs eingeführten Begriff der Entfremdung für die Debatte wiederbelebt. Demnach liegt die Entfremdung in der Tatsache, dass aufgrund der Beschleunigung jede Form von Erfahrung entwertet wird. „Wenn das Gegenteil von Entfremdung bedeutet, sich an einem Ort, mit bestimmten Menschen oder in bestimmten Handlungszusammenhängen ‚zu Hause‘ zu fühlen, dann lässt sich durchaus sagen, daß spätmoderne Subjekte sich häufig in ihrem eigenen Tun nicht (mehr) wohl bzw. ‚zu Hause‘ fühlen“. Die Konsequenz einer Entfremdung von der Zeit, vom Raum, von den Handlungen, Erfahrungen und Interaktionspartnern unseres Lebens ist der Verlust der Biografie und letztlich der Authentizität. Am Ende seiner Darstellung skizziert Rosa eine neue Ethik im Sinne eines neuen Bewusstseins für Langsamkeit, Gemächlichkeit und überhaupt der Muße, wozu er religiöse und romantische Systeme beschwört. Dabei geht es ihm um eine Veränderung des Weltbezugs oder der Art des In-der-Welt-Sein der modernen Subjekte.

Dieser Essay ist gerade für den interessierten Laien ein guter Einstieg, um die Arbeit des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa kennenzulernen. Dabei ist seine dritte Monographie zum Thema sozialer Beschleunigung ungeachtet ihrer gedanklichen Dichte sehr verständlich und anschaulich geschrieben – die Argumentation ist scharfsinnig und klar nachvollziehbar.

Hartmut Rosa: „Beschleunigung und Entfremdung“. Entwurf einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Suhrkamp Verlag, Berlin, 156 Seiten, 20 Euro.