Anmerkungen zur Chruschtschow-Ära 1953-1964

von Karl-Heinz Gräfe

Der Bergmannssohn und gelernte Maschinenschlosser Nikita Chruschtschow (1894-1971) kämpfte seit 1918 als junger Kommunist gegen weiße Konterrevolutionäre und ausländischen Interventen. Erst nach seinem Studium an der Arbeiterfakultät in Juzowka [1924 Stalino, seit 1961 Donezk] und an der Moskauer Industrieakademie machte er eine steile politische Karriere. Als Parteichef der sowjetischen Hauptstadt (1935-1938, 1949-1953) und der Ukrainischen Unionsrepublik (1938-1949) hatte er maßgeblichen Anteil an den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, am Sieg über den Faschismus, aber auch an den ungeheuerlichen Verbrechen unter Stalin. Widersprüchlich bis heute ist auch das Bild über sein Wirken als l. Sekretär der KPdSU (1953) und noch zusätzlich als Ministerpräsident (1957) – seine Rolle bei der Erneuerung des sowjetischen Staatssozialismus, der Gestaltung der Beziehungen zu den entstehenden sozialistischen Ländern in Europa und Asien, der Umwandlung der UdSSR zur zweiten Weltsupermacht und der offensiven, teils riskanten Abwehr des Weltmachtstrebens der USA, den sowjetischen Herrschaftsbereich einzudämmen und letztlich auch auszuschalten. Die Reformer um Chruschtschow brachten die UdSSR aus der durch Stalinismus, Krieg und Kalten Krieg entstandenen ökonomischen und politischen Sackgasse heraus.

Die kollektive Parteiführung unter Chruschtschow versuchte die in den osteuropäischen Volksdemokratien und in den zwischennationalen Beziehungen im sozialistischen Lager entstandene kritische Situation durch Reformen von oben und eine stärkere Beachtung der nationalen Besonderheiten zu entschärfen, ohne jedoch die Grundstrukturen der Sowjetgesellschaft und die imperiale Hegemonialpolitik anzutasten. Die wirtschaftlichen Beziehungen im RGW wurden intensiver, 1955 ergänzt durch das Verteidigungsbündnis des Warschauer Vertrages. Die strategischen Beziehungen zur einflussreichen Gruppe nicht paktgebundener und kolonialbefreiter Länder wie Jugoslawien, Indien, lndonesien, Burma, Ägypten, Syrien, Algerien oder Kuba waren nicht unwesentlich für die Durchsetzung einer friedlichen Koexistenz der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme und für den sozialen Fortschritt.

Angesichts der nicht nachlassenden Konkurrenz und Bedrohung durch das weltweit organisierte kapitalistische System erreichte die UdSSR unter seiner Herrschaft enorme wissenschaftlich-technische Fortschritte, vor allem in der Weltraumforschung („Sputnikschock“ 1957) und der atomaren Rüstung. Als die kubanische Regierung unter Fidel Castro nach der gescheiterten US-Militärintervention in der Schweinebucht um militärischen Schutz bat, schlug Chruschtschow seinen engsten Mitstreitern ein riskantes Unternehmen vor: „Wie wäre es, wenn wir den Amerikanern einen unserer Igel in die Hosentasche stecken? Laut unseren Geheimdienstberichten hinken wir, was Gefechtsköpfe angeht, hinter den Amerikanern her. Aber unsere Raketen würden die Situation drastisch ändern“. Die Kremlführung machte nun das nach, was die militärisch überlegene USA und NATO schon dutzendfach zuvor gegen die UdSSR organisiert hatten: Unter strenger Geheimhaltung wurden 42 strategische Flugkörper R-12 und R-14 auf der Karibikinsel stationiert. Als der CIA das am 22. Oktober 1962 entdeckte, verhängte Präsident Kennedy eine Seeblockade und drohte für den 26. Oktober 1962mit einem Luftangriff auf Kuba. Chruschtschow gab seinen Raketenstützpunkt auf, erreichte aber im Gegenzug die bis heute eingehalte Zusicherung, gegen Kuba nicht mehr militärisch zu intervenieren und auch US-Raketen aus der Türkei abzuziehen.

Im Vorfeld des XX. Parteitages der KPdSU (Februar 1956) warf Chruschtschow im engsten Führungszirkel die Frage auf, ob das, was in der Stalin-Herrschaft geschah, „wirklich noch Kommunismus“ sei. Einflussreiche Führer wie Molotow und Kaganowitsch warnten vor dem Offenlegen der Verbrechen Stalins, um „keine Naturkräfte zu entfesseln“. Es genüge, die „Fehler“ ohne öffentliche Debatte zu korrigieren. Aber der Parteichef verlangte, „den Mut aufzubringen, die Wahrheit zu sagen“. ln seiner Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, die vorerst nur im engen Kreis von Funktionären bekannt wurde, entlarvte er einige Seiten des diktatorisch­repressiven und sich selbst zerstörenden Herrschaftssystems des „Vaters aller Völker“ und führte die UdSSR aus der Krise, sicherte in dieser sog. Tauwetterperiode aber zugleich die sowjetische Interessensphäre in Osteuropa – 1956 durch Kompromisse in Polen, aber auch durch blutige Militärintervention in Ungarn. Durch die rigorose Verurteilung Stalins bis hin zur Entfernung seiner sterblichen Überreste aus dem Lenin-Mausoleum kam es schließlich zur Todfeindschaft mit dem nach sowjetischem Vorbild entstandenen China. ln seiner groben Art vereinfachte und rechtfertigte er diesen Rückschlag nach seinem letzten Gespräch mit Mao 1958: „Es ist schwer, eine Vereinbarung mit einer alten Galosche zu treffen. Er kann uns unseren Umgang mit Stalin nicht verzeihen“. Es gelang Chruschtschow letztlich aber nicht, in einem durchaus riskanten Reformmanöver von oben, gestützt auf die entscheidenden sozialen und politischen Kräfte, den autoritären Staatssozialismus in einen demokratischen und ökonomisch überlegenen Sozialismus umzubauen. Er scheiterte an der Frage, wie man das System erneuert, ohne die Grundlagen seiner Existenz zu zerstören, und kapitulierte schließlich mit seinem Rücktritt im Oktober 1964.

Zweifellos gelang es Chruschtschow im Jahrzehnt seiner Herrschaft, als primus inter pares das eigene Land ökonomisch und sozial wie auch hinsichtlich größerer Freiheit und Demokratie voranzubringen, teil- und zeitweise eine friedliche Koexistenz beider Weltsysteme zu erreichen und den Zerfall des kapitalistischen Kolonialsystems in Afrika und Asien zu beschleunigen. Zerschellt sind allerdings seine wieder aufgegriffenen Ideen und Versuche von der sozialistischen Entwicklung dieser sozialökonomisch rückständigen Neustaaten der sog. Dritten Weit – wie auch seine utopische Vision, die UdSSR bis 1980 in eine „klassenlose kommunistische Gesellschaft“ umzuwandeln. Erst Gorbatschow unternahm seit 1986 einen zweiten Versuch, den sowjetischen Staatssozialismus umzubauen und zu demokratisieren. Doch er verfügte weder über ein tragfähiges Konzept, noch besaß er die politische Durchsetzungsfähigkeit und Massenzuspruch. Zudem war er getrieben von Macht und Eitelkeit, aber auch bekämpft vom einstigen Politbüromitglied Jelzin. Deshalb ging der letzte sowjetische Partei- und Staatschef als Abwickler der sowjetischen Weltmacht und als einer der Weichensteller des Übergangs vom Staatssozialismus zum Oligarchenkapitalismus in die Geschichte ein. So erklären sich die große Dankbarkeit und die vielfältigen Ehrungen, die „Gorbi“ im letzten Vierteljahrhundert von den „Siegern der Geschichte“ erhielt.