Unterschätzte regionale Kunst

von Ralf Becker

2013 wurde das Werk des Malers Fritz von Uhde auf dem 1. Internationalen Wolkenburger Symposium bekannter gemacht und gewürdigt. Beim 2. Internationalen Wolkenburger Symposium am 27. und 28. Juni 2014 stand Joseph Mattersberger, ein klassizistischer Bildhauer im Dienste Detlev Carl Graf von Einsiedels, im Mittelpunkt. Er entwickelte in den Jahren der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in den Metallgusswerkstätten der von Einsiedels die künstlerische Eisengießerei. Auf Schloss Wolkenburg kann man einige Originale (und Nachbildungen) sehen. Vor der Schlosskirche St. Mauritius steht eine Büste des Detlev Carl Graf von Einsiedel, die Mattersberger schuf; diese Kirche besitzt auch zwei später geschaffene gusseiserne Giebel-Reliefs.

Das Symposium beschäftigte sich mit der Biographie Mattersbergers, mit der technologischen Seite, v. a. aber mit dem künstlerischen Wert und der kunstgeschichtlichen Einordnung der Gusskunstwerke seines Schaffens und dieser Zeit sowie deren Einfluss auf die weitere Entwicklung der Gießereikunst. Das industrielle Zeitalter eröffnete der Gießerei neue Möglichkeiten, die auch für die Herstellung von Kunst erschlossen wurden. Im Besitz der von Einsiedel war auch die Eisengießerei in Lauchhammer, die zu der Zeit beste sächsische Eisengießerei. Mattersberger ist als Pionier der Eisengießkunst zu betrachten. Er schloss an die antike Proportionslehre und an Leonardo da Vinci, Raphael und Michelangelo an und brachte ein entsprechendes Lehrbuch der Proportionslehre für die Ausbildung von Bildhauern heraus. Aber auch an Albrecht Dürers Proportionslehre dürfte er angeknüpft haben, so waren sich die Experten einig. Mattersberger wirkte in Breslau als Professor für Modellierkunst. Zuvor war er in Petersburg tätig, wo er in nur vier Jahren als Bildhauer um die 70 Skulpturen für das Zarenhaus schuf. Diese Reise wie auch ein Besuch bei dem Philosophen Immanuel Kant in Königsberg dürften aufgrund der Bekanntschaft mit und der Vermittlung des zaristischen Diplomaten in Sachsen, Fürst Alexander Beloselsky, zustande gekommen sein.

Wenngleich Mattersberger als klassizistischer Bildhauer betrachtet wird, so gehört er, wie auch Johann Gottfried Schadow, zu den Vertretern des Realismus. Hier treten idealisierende Momente der Gestaltung zugunsten einer authentischen Darstellung deutlich in den Hintergrund. Damit befand er sich im Gegensatz zur romantischen Weimarer Klassik, die zu dieser Zeit deutlich dominierte. Das trug sicher zu dem geringeren Bekanntheitsgrad und späterem „Vergessen“ seines Werkes bei.
Der realistische Stil stellte auch erheblich höhere Anforderung an die Gießkunst, man denke etwa an Gesichtsfalten. Joseph Mattersberger war der erste, der eine Büste eines Menschen nur anhand von Bildern schuf. Es war der Philosoph Immanuel Kant im fortgeschrittenen Alter. Die Bildhauerin Franziska Schwarzbach brachte eine von ihr in Auftrag gegebene Abformung dieser Kant-Büste nach der von J. Mattersberger geschaffenen Gipsform mit.
Am zweiten Tag unternahmen die Teilnehmer des Symposiums eine Exkursion zu den Besitzungen der von Einsiedel in der Region und in Sachsen. Dazu gehörte auch das Kunstguss-Museum in Lauchhammer, wo Mattersberger tätig war. Auch sein Werk J ist ein Kunst- und Kulturschatz, der sowohl regional als auch im Rahmen der sächsischen Kultur- und Kunstlandschaft mehr Beachtung und Bekanntheit verdient.