Joan Baez – Symbolfigur der Friedensbewegung

von Jens-Paul Wollenberg

Niemand sang die Songs von Bob Dylan schöner als sie. Die nordamerikanische Folksängerin und Kriegsgegnerin, die sich stets politisch engagierte, wenn es um Bürgerrechte ging oder Rassenhass angesagt war, wurde am 9. Januar 1941 als Tochter des mexikanischen Wissenschaftlers Albert und der aus dem schottischen Edinburgh stammenden Joan Bridge Baez im US-Staat New York geboren. Sehr früh schon wurde das heranwachsende Mädchen mit rassistischen Tendenzen konfrontiert. 1956 hörte sie eine Rede von Dr. Martin Luther King, die sie nachhaltig prägen sollte. Die Familie Baez war berufsbedingt ständig unterwegs, und als Joan elf Jahre alt war, fand sie in Kalifornien ein neues Zuhause. Im selben Jahr schenkten die Eltern ihr eine Gitarre.
Schallplattenaufnahmen von Pete Seeger, Woodie Guthrie und anderen Folkgrößen jener Zeit ließen das junge Mädchen aufhorchen, und sie begann bald, selbst zu singen. 1958 zog die Familie nach Belmont in Massachusetts, 1959 trat Baez erstmals in Folk-Clubs auf. Im selben Jahr kam es zum künstlerischen Durchbruch. Ein bekannter Folksänger überredete sie, beim legendären Newport Jazz Festival aufzutreten. Sie überraschte das Publikum mit ihrem unverwechselbar glasklaren, vibrierenden Gesangsstil. Der Erfolg blieb nicht aus, sie bekam einen Plattenvertrag mit Vanguard Records. Ein Jahr später erschien ihr Debütalbum „Joan Baez“. 1961 folgte die Langspielplatte „Joan Baez II“. Die junge Sängerin begann ihre erste Konzerttournee durch mehrere Staaten der USA.
Während der Tour lernte sie Bob Dylan persönlich kennen. Sie hatte bereits einige seiner Lieder im Repertoire, das damals noch hauptsächlich aus altenglischen Balladen, afroamerikanischen Gospelsongs und portugiesischen Volksliedern bestand. Mit ihm singt sie beim Newport Festival 1963 seinen Song „With God on our Side“ (Mit Gott an unserer Seite). Dieses neunstrophige Lied beschreibt satirisch, was den Kindern in den Schulen gelehrt wurde, nämlich dass die Soldaten immer Gott auf ihrer Seite hätten, ganz gleich, ob sie gegen eingeborene Indianer, im Spanisch-Amerikanischen Krieg, im Ersten oder Zweiten Weltkrieg kämpften. Selbst zu Zeiten, in denen bis dahin unbekannte Vernichtungsmaschinerien eingesetzt wurden, solle mitnichten daran gezweifelt werden, dass der liebe Gott seinen Segen gebe. Am 28. August 1963, acht Wochen später, begann der legendäre Marsch nach Washington, wo Martin Luther King vor dem Lincoln-Denkmal die berühmte Rede „Ich habe einen Traum“ hielt. Zu diesem Anlass fand ein großes Konzert mit Odetta Holmes, Maria Anderson, Peter, Paul & Mary, Joan Baez und Bob Dylan statt.
1963 boykottierte Baez einen Fernsehauftritt von ABC, weil diese Fernsehanstalt den Protestsänger Pete Seeger maßgeblich ignorierte und seine Performance nicht ausstrahlte. Während der Zeit der rebellierenden Jugend gegen Rassendiskriminierung und Militarismus, der Anti-Vietnamkriegs-Aktionen wurde Joan Baez zur Symbolfigur der Friedensbewegung. Sie weigerte sich weiterhin, Steuern an einen Staat zu zahlen, der mit diesem Geld Waffen produzierte und kaufte, um Krieg in Vietnam führen zu können. Wegen ihrer „subversiven Aktionen“ wurde die CIA auf sie aufmerksam. Als sie an einer Blockade vor einer US-Army-Kaserne teilnahm, wurde sie zu einer dreimonatigen Haftstrafte verurteilt. Während der Flower-Power-Bewegung galt sie auch als Symbolfigur der Hippie-Generation, rief zur Kriegsdienstverweigerung auf. Die „Tet-Offensive“ im Februar 1968 bewies, dass die USA den Vietnamkrieg verlieren mussten, und die Kampfmoral tausender junger US-Soldaten begann zu zerbröckeln. Das Woodstock-Festival von 1969, bei dem auch Joan Baez euphorisch gefeiert wurde, trug wesentlich dazu bei.
Nach dem Ende des unmenschlichen Vietnam-Krieges kehrte Baez für kurze Zeit den politischen Geschehnissen den Rücken und bewegte sich mehr oder weniger im Pop- bzw. Folkrock-Bereich. So landete ihre Coverversion „The Night They Drove Old Dixie Down“ von „The Band“, einer ehemaligen Begleitband Dylans, in den Top-10-Hit-Charts der USA. Ihr Song „Diamonds and Rust“ blieb fast ein Jahr lang ein Superhit.
Doch schon Anfang der 70er begab sie sich wieder auf sozialkritische Pfade. Mit B. B. King gab sie ein „Kunstkonzert“ im New Yorker „Sing Sing“, später kam es erneut zu gemeinsamen Auftritten mit ihrem alten Gefährten Bob Dylan (1975 und 1976 die „Rolling Thunder Revue“ mit zahlreichen Mitstreitern). Ab den 80er Jahren mischte sie sich nochmals in die Friedensbewegung ein und war in Krisenregionen als Botschafterin unterwegs. So musizierte sie beispielsweise 1993 im zerstörten Sarajevo zusammen mit Straßenmusikanten oder gab Konzerte gegen den Einsatz von Landminen. Bis heute ist sie im „Zentralkomitee für Kriegsdienstverweigerer“ in den USA aktiv. Seit März 2011 vergibt die die Organisation Amnesty International einen Preis, der Künstler und Publizisten ehrt, die sich herausragend für den Kampf im Menschenrechte einsetzen. Dieser Preis trägt den Namen „Joan Baez Award“.